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Gerd Althoff: Selig sind, die Verfolgung ausüben: Wer dem Papst nicht gehorcht, ist kein Christ

Gerd Althoff hat eine kompakte, klare Studie zu einem Aspekt der Kirchenreform von Papst Gregor VII ( 1025 -1085) vorgelegt. Dem Münsteraner Professor für Mittelalterliche Geschichte geht es um die neue Bestimmung des Verhältnisses der Kirche zur Gewalt. Ausgangspunkt ist eine Erwägung des Bischofs Bonizo von Sutri, eines engen Vertrauten des Papstes, die besagt, es seien die, die um der Gerechtigkeit willen Verfolgung ausübten, ebenso selig zu preisen, wie die, die sie um der Gerechtigkeit willen erlitten. Letztere Verheißung sei die der Bergpredigt, erstere finde sich bei Augustin. Die Berufung auf Augustin, so Althoff, trägt nicht. Es gibt keine einzige Äußerung des Kirchenvaters, die so interpretiert werden kann. Die radikal neue Doktrin erfindet sich einen Gewährsmann, tut so, als sei sie die Rückkehr zur Tradition. Um die neue Lehre wurde viel gestritten. Althoff geht den Verästelungen dieser Debatte nach. Das „Selig sind die, die Verfolgung um der Gerechtigkeit willen ausüben“ („beatos eos, qui persecutionem inferunt propter iustitiam“) wurde nicht nur mit einer falschen Berufung auf Augustin, sondern auch mit sehr einleuchtenden Zitaten vor allem aus dem Alten Testament gestützt. Besonders gerne griffen die Propagandisten der neuen Lehre auf eine Geschichte im 1. Samuel, Kapitel 15 zurück: „Samuel sagte zu Saul: Der Herr hatte mich gesandt, um dich zum König seines Volkes Israel zu salben. Darum gehorche jetzt den Worten des Herrn! So spricht der Herr der Heere: Ich habe beobachtet, was Amalek Israel angetan hat: Es hat sich ihm in den Weg gestellt, als Israel aus Ägypten heraufzog. Darum zieh jetzt in den Kampf und schlag Amalek! Weihe alles, was ihm gehört, dem Untergang! Schone es nicht, sondern töte Männer und Frauen, Kinder und Säuglinge, Rinder und Schafe, Kamele und Esel!“ Saul zieht in die Schlacht, tötet „Männer und Frauen, Kinder und Säuglinge“. Er lässt aber am Leben die Rinder und Schafe, das Mastvieh und was sonst noch wertvoll war und den König der Amalekiter. Da wird Gott zornig. Saul war ungehorsam. Er darf nicht mehr König sein. Samuel überbringt Saul diese Botschaft und während Saul betet, um Gott um Gnade zu bitten, geht Samuel zu dem gefangenen Amalekiterkönig und haut ihn in Stücke. Läsen wir nicht diesen Text, sondern hörten ihn in einem katholischen Gottesdienst, so würden wir jetzt sagen: „Wort des lebendigen Gottes.“
Gott sprach mit Samuel, dem Propheten. Der machte Saul zum König und der teilte Saul mit, als Gott ihm das Königtum nahm. Das machte die Machtverteilung klar. Der König war abhängig vom Propheten. Die weltliche also von der geistlichen Macht. Das war genau die Argumentationshilfe, die ein Papst brauchte, der sich als Stellvertreter Gottes auf Erden sah. Die weltlichen Fürsten hatten ihm zu unterstehen. Sie hatten zu tun, was er sagte. Sonst war es Schluss mit ihrer Macht. In den Augen Gregor VII. war der Gehorsam gegenüber der Kirche Christenpflicht. Wer ihn ihr verweigerte, war kein Christ mehr. Er war Häretiker und musste bekämpft werden. An der Geschichte Samuels war aber Gregor VII. und seinem Reformanliegen mindestens ebenso wichtig, dass Samuel zum Schwert griff und den Amalekiterkönig tötete. Die geistliche Macht verfügte, wenn es darauf ankam, also auch über das weltliche Schwert, und sie tat recht daran, es einzusetzen. Sie durfte sich nicht in die Abhängigkeit der Ritter, des Staates, begeben. Das war Gregors Lehre aus dieser und einigen wenigen anderen Bibelstellen. Der berühmte Investiturstreit war – so gesehen - eine notwendige Konsequenz. Wie dann auch am Ende die Entmachtung Gregors durch Heinrich IV.
„Wie viel Divisionen hat der Papst?“ soll, so Churchill in „Der Zweite Weltkrieg“, Stalin den französischen Außenminister Pierre Laval 1935 sarkastisch gefragt haben, als der ihn aufforderte, doch, um den Papst zu besänftigen, den Katholizismus in der Sowjetunion zuzulassen. Man hat dieses Zitat oft zum Anlass genommen, ausgerechnet Stalin eine Unterschätzung der Bedeutung der ideologischen Kriegführung vorzuwerfen. Althoffs Studie erinnert daran, dass die vielleicht darin erfahrenste Organisation auch einmal darüber nachgedacht hat, ihr geistliches durch ein weltliches Schwert zu ergänzen. Tatsächlich war die Schweizer Garde ja nicht immer nur eine Palastwache. Der Vatikanstaat ist eine Gründung des Jahres 1929, ein Geschenk Mussolinis. Mit gerade mal 44 Hektar der kleinste Staat der Welt. Sein Vorgänger - der Kirchenstaat – wuchs bis ins 15. Jahrhundert, als er unter Julius II. seine größte Ausdehnung hatte, dann verlor er wieder Territorien, bis dann am 6. Oktober 1870 nach einer Volksabstimmung der Anschluss des Kirchenstaates an das Königreich Italien proklamiert wurde. Damit war das weltliche Schwert stumpf. Da war es gut, dass man ein paar Monate zuvor das geistliche Schwert geschärft und am 18. Juli 1870 beim Ersten Vatikanischen Konzil die Unfehlbarkeit des Papstes bei Lehrentscheidungen in Glaubens- oder Sittenfragen proklamiert hatte. Gregor VII. war ein Papst, der höchsten Wert darauf legte, nicht nur auf die Glaubenspropaganda angewiesen zu sein. Er beließ es auch nicht bei der ideologischen Aufrüstung. Der Ungehorsam gegenüber der Kirche, den er zur schlimmsten Häresie erklärte, sollte auch von der mit eigenen Truppen geahndet werden. Sie hießen „milites sancti petri“. Die wurden freilich nur kurz eingesetzt. An ihre Stelle traten geistliche Ritterorden. Eine Generation später entwickelte dann Bernhard von Clairvaux eine christliche Version der Shaolin: die Verbindung von Kriegshandwerk und Mönchtum. Aber das sind liederliche Abschweifungen meinerseits. Gerd Althoffs Studie ist ein Meisterwerk an Konzentration. Er breitet die Texte der Debatte des elften Jahrhunderts vor dem Leser aus, analysiert und erläutert sie. Jeder Satz ist klar und so auch Althoffs Blick auf die Lage: „Es hat zu keiner Zeit eine ausdrückliche Abkehr und Distanzierung von den gregorianischen Positionen gegeben. Vielmehr hat die römische Kirche ihr Verhältnis zur Gewalt, das alles andere als konstant war, später nur sehr unzureichend aufgearbeitet…. So ist es wohl auch erklärlich, dass das Papsttum und die römisch-katholische Kirche sich im I. Vatikanischen Konzil (1870/71) explizit und implizit wesentliche Geltungsansprüche des hochmittelalterlichen Papsttums zu eigen machten und mit der Unfehlbarkeit der Päpste, ihrem Jurisdiktionsprimat und mit rigorosen Gehorsamsforderungen gegenüber allen Gläubigen sozusagen eine Renaissance der gregorianischen Ideen ins Werk setzten, deren Nachwirken bis heute andauert.“


Gerd Althoff: „Selig sind, die Verfolgung ausüben“ – Päpste und Gewalt im Hochmittelalter, Theiss Verlag, Darmstadt 2013, 254 Seiten, 29,95 Euro.