Neuer Inhalt

Interview mit Schriftsteller Ilija Trojanow: „Es fehlt an echter Meinungsfreiheit“

Ilija Trojanow flüchtete mit seinen Eltern einst aus Bulgarien.

Ilija Trojanow flüchtete mit seinen Eltern einst aus Bulgarien.

Foto:

berliner zeitung/Markus Wächter

Er ist selbst Flüchtlingskind, seine Eltern flohen aus dem kommunistischen Bulgarien in den Westen, zogen dann aber weiter nach Afrika: Den Schriftsteller Ilija Trojanow prägten die Themen Migration, Flucht und fremde Welten schon, bevor er ihm mit seinem Roman „Der Weltensammler“ 2006 ein internationaler Erfolg gelang. Dahinter steht für den 50-Jährigen aber ein noch größeres Thema: die Freiheit. Längst sieht er sie nicht mehr nur als romantisches Ideal, sondern auch als bedrohtes Bürgerrecht. Schon vier Jahre, bevor Edward Snowden den NSA-Skandal auslöste, warnte Trojanow in seinem Buch „Angriff auf die Freiheit“ vor dem Überwachungsstaat. Dass er dem Thema treu blieb, erzählt er im Interview, brachte ihm vor allem Ärger.

Herr Trojanow, lassen Sie uns über Freiheit reden – eines Ihrer Lebensthemen. Wann haben Sie sich zum letzten Mal so richtig frei gefühlt?

Ach … Erst vor ein paar Wochen, als ich in Kenia durch die Savanne lief. Das bringt uns natürlich gleich darauf, wie schillernd und subjektiv Freiheitsempfinden ist. Denn wenn ich darüber nachdenke, war ich in dieser Situation ja alles andere als frei. Weil ich abhängig bin von allen möglichen Sicherheitsseilen, die nicht reißen dürfen.

Und wann fühlten Sie sich zuletzt unfrei – emotional, nicht rational?

Jedes Mal, wenn ich irgendwo festgehalten werde – was mir aus verschiedenen Gründen regelmäßig passiert, zum Beispiel bei der Einreise in manche Staaten: Die USA haben mich nach meiner Kritik an der NSA-Überwachung nicht einreisen lassen. Auch in Russland wurde ich schon zwei Stunden in einem kleinen Kabuff festgehalten. Aber auch in Afrika wurde ich schon oft verheiratet …

Sie wurden was?

Ach, Nein. Herrlich! Ein Freudscher Versprecher, weil ich doch gerade geheiratet habe.

Auch eine Aufgabe von Freiheit.

Wie in dem bulgarischen Sprichwort: „Gut gehangen ist besser als schlecht geheiratet.“

Warum wurden Sie in Afrika verhaftet?

Zur Gängelung, wenn man sich als Ausländer bewegt, wo man sich nicht bewegen soll. Aber ich muss sagen, auch wenn das vielen nicht zu vermitteln ist: Ich fühle mich auch wirklich unfrei, wenn ich bei uns, in der westlichen Welt, im öffentlichen Raum all die Kameras sehe.

Für Ihren neuen Roman „Macht und Widerstand“ haben Sie jahrelang in Stasi-Akten recherchiert, mit Oppositionellen aus kommunistischen Diktaturen gesprochen. Wenn Sie deren Situation mit Ihrer vergleichen: Würden die Opfer von damals Ihre Sorgen nicht für ein Luxusproblem halten?

Gar nicht. Ich habe mit ihnen darüber gesprochen, und sie sind dafür sehr sensibilisiert. Ich habe verstanden, dass es sehr viele Formen von Repression, Einschüchterung und Kontrolle gibt. Wer nie betroffen war, hat diese filmische Verengung vor Augen: Nachts klopft es an der Tür, man wird von Uniformierten verschleppt, landet im Gefängnis. Als viel perfider haben mir viele Opfer aber den Vertrauensverlust beschrieben: Dass man sich ewig fragt, wem in Familie und Freundeskreis man vertrauen kann. Wer hat mich verraten, wer könnte mich verraten, auf wen wird Druck ausgeübt? Eine Kontaminierung zwischenmenschlicher Beziehungen mit enormen Folgen. Selbstzensur ist die erfolgreichste Form der Repression

Lässt sich diese Wahl zwischen innerer und äußerer Freiheit auf den „freien Westen“ übertragen?

Ja, ich halte dieses Verhältnis zwischen Macht und Widerstand für exemplarisch. Es gibt immer Zwang, nur in unterschiedlichen Strukturen. Ein konkretes Beispiel: der Tierschützerprozess in Österreich. Die Regierung hat neue Anti-Terror-Gesetze eingeführt – aber dummerweise gar keine Terroristen. Also haben sie sich die nächstschlimmsten Gewalttäter ausgesucht: Veganer. Ein paar Aktivisten hatten sich in Mails ausgetauscht, wie sie Pelzläden oder McDonald’s oder Jagdgründe blockieren könnten. Weil sie das per Mail taten, war das schon eine „terroristische Organisation“. Sie wurden in einer unfassbaren juristischen Konstruktion anderthalb Jahre lang vor Gericht gezerrt, ihr Leben zerstört, weil sie ja drei Mal die Woche da antanzen mussten, teilweise Hunderte Kilometer weit, so dass sie ihre Jobs verloren. Alles im vollen Wissen, dass sie freigesprochen würden – wie es auch kam.

Für die Opposition im Ostblock war die Meinungsfreiheit zentral, die wir inzwischen, sagen wir in Deutschland, ja haben ...

Jeder kann alles sagen.

Es bewirkt nur nichts. Selbst wenn Schriftsteller wie Sie öffentlich Massenüberwachung und staatliche Übergriffe anprangern, geht das im Rauschen unter.

Da muss man differenzieren. Es kommt darauf an, wo man etwas sagt. Freie Meinungsäußerung ist ja nur sinnvoll, wenn sie Publikum kriegt. Wirkliche Pluralität müsste also in den Massenmedien stattfinden – wenn wir aber zum Beispiel in die USA blicken, wo uneingeschränkte Meinungsfreiheit als oberstes Gut gefeiert wird, haben die Medien eine extrem verengte Sicht. Von allen denkbaren politischen Positionen decken sie vielleicht 20 Prozent ab. Für die restlichen 80 Prozent bleibt nur das Internet.

… sodass eben doch Meinungsfreiheit herrscht.

Aber die muss man doch mit Leben füllen! Ein konkretes Beispiel: Es gibt ernstzunehmende Studien, laut denen völlig offene Grenzen das Flüchtlingsproblem lösen würden. Ich beschäftigte mich mit Migration und Flucht seit Jahren, aber nie hat ein großes Medium das mal zur Debatte gestellt. Wenn aber interessante Meinungen gar nicht in den relevanten Diskurs kommen, fehlt es an echter Meinungsfreiheit. Zugleich wirkt diese allgegenwärtige Toleranz, dieses Untergehen jeder Meinung im Rauschen, viel effizienter dabei, den Status Quo zu wahren. In der DDR führte das Verbot von Autoren oft dazu, dass sie als Dissidenten berühmt und im Westen verschlungen wurden. Heute vermischen sich Nebensächlichkeiten und Unsinn und relevante Systemkritik zu einem Brei, der nicht mehr wahrgenommen wird.

Sie selbst waren enttäuscht über die lasche Reaktion auf den Überwachungsskandal. Tauscht vielleicht die Mehrheit sehenden Auges ihre Freiheit für mehr Sicherheit ein?

An meiner Überzeugung ändert das ja nichts. Ja, sehr viele Leute scheinen einen erschreckenden Mangel an Freiheitsbedürfnis zu haben. Das ist, wenn man jahrelang dafür kämpft, frustrierend. Vor allem weil ich nicht begreifen kann, wie man sich zum Sklaven machen kann, und sei es zum Sklaven staatlicher Überwachung.

Aus Bequemlichkeit? Sie haben es über ihr anderes großes Thema gesagt, das Reisen: Die Leute fahren immer weiter weg – aber die Freiheit des Reisens geben sie auf. Sie begeben sich in die Hände von Pauschal-Anbietern, die ihnen alles vorsetzen und reglementieren.

Ja, das ist ein Gedanke: Die Reisekonzerne als NSA des Tourismus – totale Kontrolle für das Versprechen, dass einem nichts passieren kann. Das ist der Zeitgeist. Wir haben eine Sicherheitsmanie. Sei es vor Terror oder vor Haien im Meer, derentwegen man lieber am Pool bleibt: Angst ist immer die Basis. Deshalb brauchen wir keine Diskussion darüber, wie viel Sicherheit die Freiheit braucht – sondern über Kontrolle und Angst. Woher kommt diese Angst, und wie wird sie instrumentalisiert?

Glauben Sie, die vielen Flüchtlinge folgen noch dem Ruf der Freiheit? Oder steht Europa nur für Sicherheit und Wohlstand?

Das ist sehr, sehr vielfältig. Ich war in vielen Flüchtlingslagern an der bulgarisch-türkischen Grenze und in Sofia, die aus allen Nähten platzen. Ich habe mich mit vielen Flüchtlingen unterhalten, ihre Gründe sind sehr verschieden: vom nackten Überleben über die politisch Verfolgten, die auch im Exil aktiv sein wollen – bis zur Migration, die in dieser Form so alt ist wie die Menschheit: Angehörige sollen von Europa aus den Rest der Familie versorgen.

Im letzteren Fall wird, besonders wenn die Menschen vom Balkan kommen, unterstellt, es gehe ihnen um Geld – nicht um Frieden oder Freiheit.

Es ist nichts Verwerfliches daran, wenn Menschen hier ein besseres Leben suchen. Und auch das ist doch Zeichen eines Freiheitswillens: sich selbst verwirklichen zu wollen, sich etwas aufbauen zu können. Auch zig Millionen Deutsche sind nach Nord- und Südamerika ausgewandert: aus exakt demselben Grund.

Das Gespräch führte Steven Geyer.


Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?