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Berliner Zeitung | Karlheinz Deschner: Die Politik der Päpste: Oder gar eine Feindseligkeit…
28. February 2014
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Karlheinz Deschner: Die Politik der Päpste: Oder gar eine Feindseligkeit…

Das Konkordat mit Mussolini gefiel Papst Pius XI. Als Hitler 1933 an die Macht kam, wollte er vor allem eines vom neuen Reichskanzler: ein Konkordat mit dem Deutschen Reich. Schließlich hatte man vorher schon Konkordate  mehr oder weniger erfolgreich  mit Bayern und Preußen unterschrieben. Roms Haltung zu Hitler war schon vor dem Januar 1933 ganz anders als die des deutschen Episkopats. Der hatte noch im August 1932 die Zugehörigkeit zur NSDAP von Katholiken für unerlaubt erklärt. Allerdings führte das nicht dazu, dass zum Beispiel Hitler, Goebbels, Himmler e.a. aus der katholischen Kirche ausgeschlossen wurden. Aber die Bischöfe standen doch auf der Seite der Mehrheit der deutschen Katholiken. Nirgends bekam die NSDAP so wenig Stimmen wie in den katholisch geprägten Wahlbezirken Deutschlands. Dort wurde das Zentrum gewählt. Die katholische Partei erhielt bis zu 65 Prozent der Stimmen. Rom gelang es ziemlich schnell, die widerstrebenden deutschen Bischöfe auf seine Haltung zu den Nazis einzuschwören. Am 3. Juni erklären die deutschen Bischöfe: „Wir deutschen Bischöfe sind weit davon entfernt, dieses nationale Erwachen zu unterschätzen oder gar zu verhindern… Auch die Ziele, die die neue Staatsautorität für die Freiheit unseres Volkes erhebt, müssen wir Katholiken begrüßen… Wir wollen dem Staat um keinen Preis die Kräfte der Kirche entziehen…Ein abwartendes Beiseitestehen oder gar eine Feindseligkeit der Kirche dem Staat gegenüber müsste Kirche und Staat verhängnisvoll treffen…“ Am 5. Juli war es dann soweit: Die Zentrumspartei löste sich auf Weisung der Kurie selbst auf. Am 20. Juli 1933 unterzeichnete Eugenio Pacelli, sein Bruder hatte das Konkordat mit Mussolini ausgehandelt, den Vertrag des Heiligen Stuhls mit dem NS-Regime. Es war der erste Vertrag, den irgendein Staat mit dem NS-Regime abschloss. Pacelli wurde später Papst Pius XII. Neben dem veröffentlichten Text gab es damals ein geheimes Zusatzprotokoll, in dem der Vatikan dem Deutschen Reich die Wiedereinführung der Allgemeinen Wehrpflicht konzedierte. Das war ein Verstoß gegen alle internationalen Verträge nach dem ersten Weltkrieg. An dieser Stelle wird Deschner sehr, sehr zornig. Er schreibt: „Die Kurie wünschte die Wiederbewaffnung Deutschlands unter Hitler – wie die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland unter Adenauer. Es war der Kölner Kardinal Frings, der auf dem Katholikentag am 23. Juni 1950 als erster öffentlich in Deutschland die Wiederaufrüstung der Deutschen forderte.“

Von den 25 000 deutschen Welt- und Ordensklerikern saßen insgesamt nur 261 in Dachau. Von den deutschen Ordensoberen waren nur sehr wenige, von den deutschen Bischöfen war kein einziger dort. Es geht auch genauer. Karlheinz Deschner listet auf, von welchen Ordensgemeinschaften wie viel Prozent während der NS-Zeit in Konzentrationslagern waren. Mit zehn Prozent kamen von der jungen und kleinen Gemeinschaft der Pallottiner die meisten in ein KZ. Bei den Franziskanern waren es nur 1,3 Prozent, beim ältesten Orden, den Benediktinern waren es gerade mal 0,5 Prozent. Das sind deprimierende Zahlen für Gemeinschaften, die ja nicht nur den Anspruch erheben, in Moralfragen dem Rest der Gesellschaft überlegen zu sein. Sie feiern ja auch seit fast zweitausend Jahren das Märtyrertum. Beides hat nur sehr wenige von ihnen beflügelt. Niemand sollte daraus irgendjemandem einen Vorwurf machen. Aber der Anspruch darauf, etwas Besonderes zu sein, zu einem Kreis zu gehören, der den anderen sagen könne, was Recht und Unrecht ist, sollte dadurch verwirkt sein.

Karlheinz Deschner: Die Politik der Päpste – Der Niedergang kurialer Macht im 19. Jahrhundert bis zu ihrem Wiedererstarken im Zeitalter der Weltkriege. Es handelt sich um die durchgesehene, aktualisierte Fassung von „Die Politik der Päpste im 20. Jahrhundert (Rowohlt 1991), mit einem Nachwort über die Amtszeiten von Johannes Paul II und Benedikt XVI von Michael Schmidt-Salomon, Alibri Verlag, Aschaffenburg 2013, 1231 Seiten, 59 Euro.