Neuer Inhalt

Literaturfestival Spoken Worlds Nairobi:Berlin: Wer nicht verstehen will, muss fühlen

Der Rapper Octopizzo produziert nebenbei leuchtende Kondome.

Der Rapper Octopizzo produziert nebenbei leuchtende Kondome.

Foto:

olad aden

Am Ende dieses Abends wird auf den Stufen der Heinrich-Böll-Stiftung gebreakdanct. Spontan, ungeplant. Wer das für normal hält, muss wissen, dass hier normalerweise ganz geordnet über politische Transformationsprozesse und Elektromobilität gesprochen wird. Aber der Reihe nach.

Unter dem Titel Spoken Worlds entsandte die Literaturwerkstatt Berlin im November eine Gruppe deutscher Rapper, Spoken-Word-Autoren und Lyriker nach Nairobi. Eine Woche lang schloss man sich dort mit acht kenianischen Künstlern ins örtliche Goethe-Institut ein und bastelte an Texten, Performances und HipHop-Songs und trat gemeinsam auf. Herausgekommen ist ein Album, das nun, da die Wortakrobaten aus Nairobi eine Woche Berlin besuchen, vorgestellt wird.

Bevor es jedoch so weit ist, wird erst einmal allen Förderern gedankt und Kontext geliefert. Man erfährt, dass der Dichteraustausch vor allem Grenzen aufweichen soll. Länder-, aber auch Stilgrenzen. Während kenianische Künstler arglos zwischen den Kunstformen wechseln, beäugen deutsche Lyriker nach wie vor deutsche Poetry-Slammer und Rapper wie früher Skifahrer die ersten Snowboarder. Das habe man ändern wollen, erklärt Susanne Stemmler, neben Isabel Ferin-Aguirre und Olaf Aden von Gangway e. V. eine der Projektleiterinnen.

Um das volle Haus bei der Stange zu halten, dürfen dann doch die ersten Künstler-Duos ihre Texte vortragen. Josefine Berkholz und Wanjiku Mwaura dichten von Welten, die auf Würfelgröße schrumpfen, Heimat und Fremde. Joe Madog und Ogutu Muraya geben sich als Durch-Scheiben-Beobachter zweier Welten, in denen Hunger „ein Wort für zwei sehr verschiedene Dinge“ ist. Und Autorin Priya Basil, die durch den Abend führt, sagt versöhnliche Sachen wie: „It’s all just poetry“ – es ist einfach alles Poesie – und zitiert Samuel Taylor Coleridge mit „Poetry is the best words in the best order“ – die besten Worte, in der besten Reihenfolge.

Das Schubladen-Problem „wer ist was“ beschäftigt die folgende Podiumsdiskussion dann auch nur am Rande. Performance-Poetin Sitawa Namwalie und Billy Kahora vom kenianischen Literaturnetzwerk Kwani erzählen, wie sich die Kunstszene seit dem Abdanken von Präsident Daniel Torotich arap Moi im Jahr 2002 verändert hat. Die Selbstzensur sei unter Moi gravierend gewesen. Das habe sich geändert. Facebook, Twitter und dergleichen Kommunikationskanäle komplett zu kontrollieren, sei für die Regierung schwierig. Dennoch: Zwar sei die Szene heut bunter, aber kritisiert man die politische Elite, passieren Sachen, sagt Kahora ohne näher darauf einzugehen.

Rapper Octopizzo tut dann das, was in Hip-Hop-Songs gern mit „Let me break it down for ya“ eingeleitet wird: „Wir Musiker brauchen die Unterstützung der Radiostationen. Aber die spielen keine politischen Sachen.“ Manchmal helfe da eine metaphorische Ebene. Und bei seinen Konzerten könne ihn sowieso keiner davon abhalten, seiner „Fanbase“ die Wahrheit zu erzählen.

Octopizzo ist sowas wie ein kenianischer „Slumdog Millionaire“. Der junge Mann, der eigentlich Henry Ohanga heißt, stammt aus Kibera, einem der größten Slums Afrikas. Heute gehört er zu den erfolgreichsten Rappern Kenias, er hat eine eigene TV-Sendung und engagiert sich in Sozialprojekten. Auch eine eigene Kondom-Marke hat Octopizzo gegründet. Die Special-Edition der Präservative namens „In the Dark“ leuchtet im Dunkeln. Praktisch, wenn mal der Strom ausfällt. Seine Firma Chocolate City Tours führt Leute durch das Viertel, die noch nie einen Slum von innen gesehen haben. „Chocolate City“ – auch sein Album heißt so, weil Kibera dank des braunen Schlamms nach einem Regen immer aussieht, wie von Schokolade überzogen.

Gefragt nach seinen Einflüssen, murmelt Octopizzo: „Da gibt es vieles. Jetzt gerade zum Beispiel fühle ich mich sehr beeinflusst.“ Dann nennt er seine Mutter und Frauen überhaupt, die in Kenia doppelt so viel arbeiten würden, wie Männer.

Rapper, DJ und Beatboxer Diamond Dog, der für Berlin dabei ist, erzählt noch wie tödlich ein kritischer Rapsong in seinem Herkunftsland Angola sein kann – für den Künstler. Die junge Dichterin und Poetry-Slammerin Josefine Berkholz philosophiert über die verschiedenen Haltungen gegenüber Idealismus in Kenia und Deutschland. Dann heißt es Platzwechsel.

Das Publikum nimmt im kleinen Amphitheater der Stiftung Platz und schaut auf einen Plattenteller, einen Diamond Dog, eine Sichtbetonwand. Der Beat setzt ein, die MCs rappen sich durchs Publikum. Die Lyriker, die von Gesten und Attitüden-Wirbel der Rapper ein wenig eingeschüchtert wirken, leiden und weltschmerzen im Takt. Und das Publikum nickt entfesselt mit den Köpfen. Es geht um verschiedene Realitäten, um Freiheit und wilde Ritte auf Schweinen.

Deutsch trifft auf Englisch, trifft auf Suaheli, trifft auf Sheng – den sich ständig ändernden Slang der Slums Nairobis. Wessen Suaheli und Sheng ein wenig rostig ist, muss sich an einigen Stellen auf die vielzitierte Poetry-Slam-Weisheit besinnen: „If you don’t understand it, feel it“.

Als alles vorbei ist, ist nichts vorbei. Die Musik läuft weiter. Und während die Bässe pumpen, fragt man sich, warum die Böll-Stiftung das nicht öfter macht. So als Nebeneinnahmequelle. Und gerade, als man sich Reinhard Bütikofer als Türsteher vorstellt, beginnt eine junge Dame auf den Stufen zu breakdancen.


Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?