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Malcolm Tait und Olive Tayler: Vögel: Dada und neun Jets

Malcolm Tait und Olive Taylor: Vögel

Malcolm Tait und Olive Taylor: Vögel

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Buchcover

Das habe ich noch nie gesehen: unten auf der Seite, neben jeder Seitenzahl, steht ein kleiner Text. Zum Beispiel: „70 So viele Vögel hat US-Vizepräsident Cheney an einem Jagdtag geschossen“ oder „144 mal schlägt das Herz einer ruhenden Krähe in 25 Sekunden“. Natürlich blättert der entzückte Leser jetzt erstmal unten durch das Buch. Sonst macht er das ja nur, weil er, nach einem Blick in ein Stichwortverzeichnis, oben nach einem Namen oder einem Ereignis sucht. Die Seitenzahl ist eben mehr als eine Seitenzahl.

Das ist der Geist dieses Buches: sehr präzise, detailfreudig und immer mit einem Blick auf das Mehr. Ich habe nicht das englische Original eingesehen, kenne nur diese bewundernswerte Übersetzung und Bearbeitung von Arnulf Conradi. Ich habe sie auch erst jetzt in dieser aktualisierten Neuausgabe wahrgenommen. Welche Tomaten hatte ich 2008 auf den Augen, dass ich das Buch, als es bei Hoffmann und Campe erschien, übersah?

Ich wollte nur ein wenig darin blättern, dann habe ich sie doch gelesen. Die kleinen Zitate, die kurzen und die etwas längeren Abschnitte über das Schicksal der fast ausgestorbenen, dann wundersam erretteten Laysanente – von der ich hier das erste Mal las – oder über jene Gruppe – ein Schwarm sagt man - von Graugänsen, die in Gloucestershire brütete, sechshundert Kilometer weit nach Glasgow flog zur Mauser und als die neuen Federn gewachsen waren, wieder sechshundert Kilometer zurück flog. Kein Mensch weiß warum.

Eine kleine Bemerkung mit großer Wirkung

Ganz hinten im Buch eine kleine Bemerkung, die geeignet ist, einem den Kopf für eine ganze Weile zurecht zu rücken: „Wenn dein Kanarienvogel dich Zeitung lesen sieht, glaubt er dann, du sitzt nur da und starrst auf den Teppich?“ Ich habe nie von Clarence Nash gehört. Dachte ich. Aber ich bin aufgewachsen mit ihm, habe seine Stimme jeden Sonntagmorgen, wenn mein Vater mit mir ins Aki im Frankfurter Hauptbahnhof ging, gehört. Clarence Nash las in den 30er Jahren in einer Radiosendung in den USA „Mary had a little lamb“ mit der Stimme, wie er dachte, eines Lammes.

Walt Disney hörte ihn und Nash war bis 1983 die Stimme von Donald Duck. Fünfzig Jahre lang die Stimme einer Ente. Welch ein Triumph der Schauspielerkunst! Nash sprach auch, so Wikipedia, ein paar Hunde in 101 Dalmatiner. Das Buch lockt einen weiter. Es gibt keine Abbildungen darin, also schlägt man die hochgezüchteten japanischen Schmuckhühner (Onagadori) nach, um sich ein Bild zu machen von einem Vogel mit einer Schwanzlänge von 10,59 Metern. Das ist die mich faszinierende Präzision dieses Buches. Sind es ganz gewiss keine 10,60? Wikipedia spricht sogar von einem 14 Meter langen Schwanz. Kleinere Onogadori-Pärchen gibt es schon für 65 Euro.

Der Leser wird nicht nur durch dieses Buch, sondern mit seiner Hilfe durch die gesamte Vogelwelt katapultiert. Und ein, zwei Minuten lang überlegt er sogar, ob er sich nicht Johann Friedrich Naumanns Klassiker „Die Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas“ kaufen soll. Naumann (1780 – 1857) war Ornithologe und Taxidermist. Er fertigte also ausgestopfte Vögel. 1280 sollen es gewesen sein. Sie erschienen dann in mehreren Bänden zwischen 1897 und 1905. Zuvor hatte er in 13 Bänden zusammen mit seinem Bruder herausgebracht: „Naturgeschichte der Vögel Deutschlands. Nach eigenen Erfahrungen entworfen.“

Ein Gedicht von Johann Friedrich Naumann

Aber das ist mir dann doch alles zu viel und zu teuer. Aber Arnulf Conradis 2009 in der Anderen Bibliothek erschienenen Digest durch die Vögel Mitteleuropas mit einer Reihe hier erstmals veröffentlichten Aquarelle habe ich mir bestellt. Die Wahrheit ist freilich, dass so sehr mein Interesse an Vögeln geweckt wurde, ich, statt auf einen Vogel, auf ein Gedicht abfuhr. Es stammt von Johann Friedrich Naumann. Es ist sein Versuch, den Gesang eines Rotkehlchens wiederzugeben:
Ih ih ih ich ich watiwatiwati!
Diwati quoi quoi quoi quoi quoi qui
Ita lülülülülülülülülülü watiwatiwatih!
Ihih titagirarrrrrrrrr itz
Lü lü lü lü lü lü lü watitititit;
Twoi woiwoiwoiwoiwoiwoi ih,
Lülülülülülülü dahidowitz,
Twor twor twor twor twor twor tih!
Dadada jetjetjetjetjetjetjetjetjet,
Tü tü tü tü tü tü tü qui zatnzatnzatnzi;
Iht iht iht iht iht iht zirhading,
I i i i i i i i i a zatn zi,
Rihp rihp rihp rihp rihp rihp rihp rihp rihp ih!
Zezezezezezezezäzäzäzäzäzäzäzazazazazazazazi,
Ji jih güh güh güh güh güh dadahidowitz.

Ich hoffe, ich habe beim Abschreiben keinen Fehler gemacht. Freunde der deutschen Interpunktion werden dem Rotkehlchen dankbar sein, dass es das Semikolon vor dem Aussterben zu bewahren sucht. So hilft die eine der anderen bedrohten Art. Und ich wünsche Arnulf Conradi, dass er am 14. September seinen 70. Geburtstag exakt so verbringt, wie er möchte.

Malcolm Tait und Olive Taylor: Vögel – Von eleganten Elstern, graziösen Gänsen und zaghaften Zeisigen, übersetzt und bearbeitet von Arnulf Conradi, Unionsverlag, Zürich 2014, 150 Seiten, 18,95 Euro.