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Maxim Billers Entblößungsroman zwischen Masturbation und Holocaust

Maxim Biller

"Wer nicht über Sex schreiben kann, kann es auch nicht über die Shoa." Sagt Maxim Biller.

Was für ein dicker Brocken. Und dann fängt er auch noch mit einem „Vielleicht“ an und entlässt den Leser in die Unbestimmtheit. Ob dieses Vielleicht ein  Maxim-Biller-typisches Mir-doch-egal-was-du-dir-von-dieser-pfundschweren-Papiersammlung-erwartest ist? Mal weiterlesen: „Vielleicht, aber nur vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn…“ So beginnt der erste Satz, und man versteht, dass es wohl auf das Wenn ankommt. Allerdings folgen nun einige Wenns und mit ihnen noch mehr unbekannte Personen und Umstände und Namen und Orte, so dass erst recht Verwirrung entsteht. Sollte das auch mir einfach mal egal sein?

Natürlich nicht. Biller wirft noch auf der ersten Seite den Rettungsanker und lässt seinen Ich-Erzähler, den „allwissenden, nichtverstehenden“ Schriftsteller Solomon Karubiner, überlegen, dass es für ihn „vielleicht klüger gewesen wäre, in Herzlia Pituach bei Meravs Abendessen dabei zu sein und eine von diesen Tel Aviver Cantina-Schabracken kennenzulernen, die zwar alle genug jiddische Mame in sich haben, aber trotzdem wissen, dass beim Sex die Finger der Frau nicht dazu da sind, heimlich unter der Bettdecke zu zählen, wie lange es noch dauert, bis der zukünftige Ehemalige endlich k. o. gehen wird“. Sex, Finger, Frau, Bettdecke. Da klingeln auch schon die Reizwörter. Sie wecken das Begehren zuverlässig. Aufwachen!

Pornografische, anzügliche Schmankerln

Jetzt kommt noch der Schauspieler Gerry Harper ins Spiel, der „wegen seiner sexuellen Möglichkeiten auch ,El Dick‘ genannt“ wird – dieser Gerry „El Dick“ Harper haut Karubiners bestem Freund, dem Millionärssohn und Universalversager Noah Forlani, bei einem Berliner Silvester-Stelldichein auf die „platte, tatarische Nase“, ein kurzer Schock, weil nur „fünf Sekunden später“ eine trostspendende Ethel Urmacher erscheint, „groß und ein bisschen fett – aber wer sie im Badeanzug sah, dachte, so fett ist sie gar nicht, und wenn ihre Pflaume nicht so groß ist, wie sie eigentlich sein müsste, wenn sie so angenehm schmeckt wie Rosenwasser in einem japanischen Shintotempel…“

Neuer Inhalt

Maxim Biller: Biografie. Roman, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016. 896 Seiten, 29,99 Euro.

Alle paar Seiten gibt es ein pornografisches, anzügliches Schmankerl, was sich allerdings ganz einfach erklärt, so Biller in einem Interview mit der Zeit, schließlich hätten alle Protagonisten in diesem Roman Schreckliches erlebt: „Die Familien haben den Holocaust oder den Stalinismus durchlitten, der Sex ist ein Mittel, damit umzugehen. Es ist eine Binsenwahrheit, aber das macht sie nicht falsch: In der Sexualität verdichten sich gute und schlechte Aspekte jeder Biografie.“ Können wir mal so stehen lassen. Und wenn es sich bei dem von Biller vorgelegten Roman „Biografie“ tatsächlich um eine Biografie handelt, dann ist ja alles gut…

Jetzt bloß keine falschen Verklemmtheiten. Biller kann sich darauf verlassen, dass er schneller unter der Gürtellinie ist als jeder andere. Das war schon immer so, dafür ist er berühmt und berüchtigt seit den „Tempojahren“ (1991). Erinnerlich ist auch noch der Roman „Esra“ (2003), gegen den zwei Frauen klagten, darunter Billers frühere Partnerin Ayse Romey, weil sie sich dort entblößt wiedererkannten. Im Namen der Kunstfreiheit muss man sich das leisten können wollen. So wie zum Beispiel auch die deutsche Nachwuchsliteratur – von Zoe Jenny über Christian Kracht bis Rainald Goetz – als „Schlappschwanzliteratur“ zu beschimpfen.

„El Dick“ will ein Video drehen

Klar, da waren einige beleidigt, aber Biller hatte wieder einmal zuerst die Hosen runtergelassen und „Schwanz“ gesagt. Das lässt sich übrigens seit letztem Jahr auch in der Fernsehneuauflage des „Literarischen Quartetts“ bestaunen, in dem er fröhlich bis grimmig den betulichen Betrieb aufmischt: „Wer nicht über Sex schreiben kann, kann es auch nicht über die Shoah.“ Sein Insistieren auf dergleichen Grundsätzlichem  ist in der TV-Öffentlichkeit vollkommen richtig. Aber hilft es bei einem Roman von beinahe 900 Seiten? Nach den einleitenden Vielleichts und Wenns und allerlei Personal rumpelt die Geschichte endlich los:

Noah Forlani, der beste Freund Solomon Karubiners, möchte mit Gerry „El Dick“ Harper ein Video drehen, in dem er, Forlani, einen nackten Joseph Goebbels spielt, wozu es allerdings nicht kommt, weil er und Harper und dessen Kollege Jeff Goldblum bei den Dreharbeiten im Sudan entführt werden, weswegen sich der dauernervöse Karubiner und der schwer neurotische Forlani-Clan einige Sorgen machen, obwohl Karubiner vermutet, die Entführung sei nur vorgetäuscht. Egal, er und Forlani sehen sich in Tel Aviv wieder und reisen ins westukrainische Buczacz, in das Städtchen, aus dem beider Familien herkommen.

Langatmige Konstruktion jüdischer Identität(en)

Damit ist nur sehr grob der erzählerische Zickzackkurs von „Biografie“ gezeichnet. Es geht offenbar um die Biografien vieler Personen, und Biller arbeitet sie akribisch durch: Zwei jüdische Familien, die Väter und Mütter und Kinder und Geschwister und Verwandte und Bekannte und Freunde und Feinde. Und weil Biller zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Masturbation und Holocaust hin- und herspringt, kommt sogar der Eindruck von Schnelligkeit und Witz auf. Der kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir es hier mit einer zwar eigenwillig sexualisierten, aber buchhalterisch peniblen, also langatmigen Konstruktion jüdischer Identität(en) zu tun haben.

Das dreieinhalbseitige Personenverzeichnis zu Beginn des Romans hätte einen vielleicht warnen sollen. Doch was ist nun das Ergebnis all der Mühe? In der Heimat von Karubiners und Forlanis Eltern, in Buczacz also, in dem die deutsche Wehrmacht mordete, aus dem der hebräischen Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Samuel Agnon stammt oder auch der Widerstandskämpfer Emanuel Ringelblum oder der „Nazijäger“ Simon Wiesenthal – in Buczacz sitzen Karubiner und Forlani am Ufer der Strypa: „Riechst du den Fluss? Riecht fast so süß und streng wie Ethels herrliche Riesenmuschi. Schi-scha-schadele, dass sie das neulich … nicht war, sondern nur ihr ukrainisches Arschdouble.“ Meine Güte, Biller! Außer Spesen nix gewesen.