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Berliner Zeitung | Nachruf Seamus Heaney: Er studierte die Nässe, den Torf und die Kurzwelle
30. August 2013
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Nachruf Seamus Heaney: Er studierte die Nässe, den Torf und die Kurzwelle

Der irische Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger Seamus Heaney ist gestorben.

Der irische Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger Seamus Heaney ist gestorben.

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AFP

Es gibt auch breitbeinige Luftikusse, Träumer, die mit beiden Beinen im Lehm stecken. So einer war der Nobelpreisträger Seamus Heaney. Er schrieb Gedichte einer auf den ersten Blick ziemlich verschlossenen Art – ein Wunder, dass er für diese scheinbar hermetischen, fern aller lyrischen Trends stehenden Werke 1995 den Literaturnobelpreis bekam. Auf den zweiten Blick schrieb er wie ein Bauer, so viel ist vom Ackerland und dem Spaten die Rede. Und auf den dritten wirken seine Zeilen wie die eines Musikers, der dem Knacken und Knarzen der Worte nachspürt, ihrem Plumpsen und Zischeln. Der Bauer weiß eben wie kein zweiter, dass der Sinn eines Wortes ohne dessen Geräusch nicht zu haben ist.

Wir wiederum wissen, dass Heaneys wunderbare Gedichte nicht zu haben gewesen wären ohne den Torf und ohne die Kurzwelle. Heaney, geboren 1939, wuchs in der irischen Grafschaft Londonderry westlich von Belfast in einer katholischen Bauernfamilie auf, als erstes von neun Kindern. In seiner Rede anlässlich der Verleihung des Nobelpreises beschrieb Heaney eindrucksvoll die intime, kreatürliche Existenzweise in dem strohgedeckten Haus. Am eindrucksvollsten aber beschrieb er die Stunden am Radio, vor dem er als Kind hockte und die weite Skala der Kurzwelle abhörte: „Ich gewöhnte mich an kurze Explosionen von Fremdsprachen, während der Senderanzeiger von BBC zu Radio Eriwan fuhr, von der Londoner Intonation zu der von Dublin, und obwohl ich bei diesen ersten Begegnungen mit den Kehl- und Zischlauten europäischen Redens nicht verstand, was gesagt wurde, hatte ich schon eine Reise in die Weite der Welt außerhalb begonnen. Dies wiederum wurde eine Reise in die Weite der Sprache.“

Soviel zur Kurzwelle, zur Bedeutung des Äthers, der Luft für Seamus Heaney. Kurz bevor ihm der Preis zugesprochen worden war, hatte er sich selbst in einem Gedicht dazu angehalten, „wider besseres Wissen auf Luft zu gehen“.
Und der Torf? Torfstecher, Bauern und Viehhändler waren Heaneys Vater und Großvater gewesen. Heaney kennt das Land in all seiner Ambivalenz. In wohl kaum einem anderen Werk spielen der Lehm und der Sumpf solch zentrale Rollen wie in seinem. Oder richtiger gesagt: Sie spielen eben keine Rollen, es sind keine Sehnsuchtsprojektionen von Stadtflüchtigen und Landlustigen. Heaneys Gedichte sprechen nicht nur von der Landarbeit, sie sind ein Teil von ihr, will sagen: Sie wirken in den besten Fällen wie ein Moment des ländlichen Stoffwechsels selbst, wobei in Heaneys Verständnis auch die Kuh arbeitet, der Boden und die Kartoffel:

„Rinder draußen im Regen / ihr gut fundierter, / solider Stand, ihre Bereitschaft zu warten, / von ihnen lernte ich. Mein Studierraum war die Nässe, / mein Kopf war so wäßrig wie ein Kohlkopf, / der Wasser abschüttelte, wie es Flanken und Schwanz / jeden stummen Tiers tun, das, über den Huf eingesunken / in zertrampelte Löcher, seine lastende Stille / auf Schlamm und Pfütze, die es beschnuppert, wirken lässt.“

Dieses visionäre Ineinander pflanzlichen, tierischen und menschlichen Tuns illustriert, wie physisch sich Denken bei Heaney darstellt. Wie gesagt, der Bauer weiß eben wie kein zweiter, dass der Sinn eines Wortes ohne sein Geräusch nicht zu haben ist. Bei Heaney ist das mehr als strukturalistisches Spielen mit Phonem und Zeichen; er will mit seiner Feder im Boden graben wie sein Vater mit der Schaufel. Gelungen ist es ihm: Heaneys Gedichte zu lesen, ist eine tiefe Seinserfahrung. Sie haften wie feuchter Lehm am Spaten. Sie klingen wie prüfende Hammerschläge und duften wie alte Pinsel, nachdem sie ein komplexes Bild im Leser hinterlassen haben.

Michael Krüger hat für den Fischer-Verlag eine wunderbare zweisprachige Auswahl der Gedichte Heaneys als Taschenbuch herausgebracht. Englisch gelesen erschließt sich der sinnliche Klangraum der Texte natürlich noch mehr. Als letztes findet sich dort das titelgebende Gedicht „Die Amsel von Glanmore“ aus dem Jahr 2006, eine Liebeserklärung an den Vogel, der stets etwas hochnäsig heranhüpft, wenn der Autor nach Hause kommt. „Auf dem Rasen, wenn ich ankomm. / Im Efeu, wenn ich geh.“ Jetzt ist es soweit. Heaney starb mit 74 Jahren nach kurzer Krankheit in Dublin.