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Neues Buch von Michael Rutschky: Der Chronist des Alltags

„Ich seufze gern“: der entspannte Beobachter Michael Rutschky.

„Ich seufze gern“: der entspannte Beobachter Michael Rutschky.

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dpa/Jens Kalaene

Abendroth, der traurige Cheflayouter, feiert seinen 53. Geburtstag. Es gibt Matjesfilets mit Pellkartoffeln und einem Kräuterquark, der rasch verzehrt ist. Dazu Bier“.

Selten hat ein Buch so lakonisch angefangen, selten aber auch so unverschämt seine Leser vor den Kopf gestoßen wie Michael Rutschkys Notizensammlung zum Alltag der Jahre 1981 bis 1984. Wir wissen zunächst nicht, wo wir uns befinden, an welchem Zeitpunkt oder in welcher Situation. Mit großer Selbstverständlichkeit tauchen Personen auf, als handle es sich um alte Bekannte. Entweder also weiß man, wer damals beim Zeitschriftenprojekt „Transatlantik“ rund um Gaston Salvatore und Hans Magnus Enzensberger mitgemischt hat und mit wem Rutschky es sonst noch zu tun hatte, oder viele Akteure rauschen beim Lesen einfach so durch. Ein Buch für Veteranen, die dabei waren?

Manchmal muss man kein Insider sein. Es gibt durchaus unterhaltsam-bösartigen Klatsch und Tratsch über Prominenz. Katharina Rutschky, die 2010 zu früh verstorbene Publizistin, Michaels Lebenspartnerin und Ehefrau, etwa fand Bodo Kirchhoff „eklig“ – „er würde sich gewiss kalt und feucht anfassen“. Michael Rutschky ekelte es hingegen eher vor Enzensberger (gefolgt unter anderem von Karl Carstens und Helmut Kohl).

Rainald Goetz, dem besten Freund der beiden, fällt zunächst niemand Ekelhaftes ein, „scheint“ jedoch „zu verstehen“. Und dann kommt wieder so ein Name für Dabeigewesene: „Iris Merker ist eklig; darin sind alle einig“. Spätestens an dieser Stelle wird klar, dass es gar nicht wichtig ist, wer diese Person genau war. Viel wichtiger ist, wie hier eine bestimmte Form sozialer Empfindlichkeit eine kleine verschworene Gemeinschaft konstituiert.

Dezenter Voyeurismus

Rainald Goetz zählte nicht umsonst zu den Vertrauten der Rutschkys. In einem Interview plädierte er einmal dafür, das „Innere der Seele“ vor einer „allzu brutalen Beobachtung“ zu schützen. Er sei „gern mit Leuten zusammen, deren diskretes Verhalten signalisiert, dass sie diese sehr grundsätzlichen Dinge ähnlich sehen“.

Sein Blick richte sich „nach draußen“. Rutschky folgt diesem Programm eines dezenten Voyeurismus auf vollendete Weise und studiert die Verhaltensformen seiner Zeit, vor allem seines intellektuellen Münchner Milieus: Welchen „Regeln des Anredens“ folgt die Begegnungsdramaturgie unter den Mitarbeitern von „Transatlantik“? Wer lässt welche Türen in den Büroräumen offen oder geschlossen? Wer schüttelt die Hände und wer bleibt auf Abstand? Und welche Toilette wird von wem genutzt? So entstehen tiefgründige Beobachtungen an der Oberfläche.

Einige wenige „hohe Herren“ besetzen gut befestigte Positionen. Salvatore oder Enzensberger können sich in einer Krisensituation einfach mal nach Venedig zurückziehen. Es gibt von außen betrachtet Schlimmeres. Um diese Intellektuellenfürsten kreisen jene gefährdeten Existenzen, die um Aufmerksamkeit, Achtung, Seitenplatz und Zeilenhonorar kämpfen müssen. Gleich am Anfang der Aufzeichnungen erhält Rutschky eine Abmahnung wegen publizistischen Fremdgehens – er hatte im Spiegel den ersten Band von Ernst Jüngers „Siebzig verweht“ rezensiert. Nach andauernden Querelen verlässt er die Redaktion der Titanik als Freiberufler.

Rutschkys Sensibilität für die „feinen Unterschiede“ (Bourdieu) verdankt sich auch dem Leben in einer Geistesaristokratie, wo die Angst vor Blamage und Kränkung allgegenwärtig ist. Zu vieles hängt von unsicheren Beziehungen ab. „Statt der Verhältnisse zwischen Angestellten“, so deutet Rutschky eine dieser Szenen, „erkennt man hier also solche zwischen Höflingen“.

Es gab einmal Zigeunerschnitzel

Wie bei allen großen Chronisten des Hoflebens verfeinern die unsicheren und unbehaglichen Verhältnisse auch bei Rutschky das Gespür für die Regeln, denen die „Sensationen des Gewöhnlichen“ folgen. Zugleich entsteht wie nebenbei das Bild einer bestimmten historischen Situation. Die frühen achtziger Jahre sind zwar sehr vergangen. Das Zigeunerschnitzel ist aus der Mode geraten, in Zeitungsredaktionen tippen Sekretärinnen keine Manuskripte mehr ab, und der Spiegel würde es sich wohl dreimal überlegen, ob er ein intellektuelles Ungetüm wie Habermas’ „Theorie des kommunikativen Handelns“ rezensieren soll.

Anderes aber kommt uns seltsam vertraut vor: Die Bundesregierung verliert gerade ihren Rückhalt in den eigenen Reihen, weil „nicht mehr regiert“, sondern „nur noch schlecht verwaltet“ wird. In der deutschen Öffentlichkeit „wächst der Widerstand gegen den Zuzug von Ausländern und äußert sich immer häufiger aggressiv“. Und in Polen scheint zu diesem Zeitpunkt alles auf ein „autoritäres Präsidialregime“ hinauszulaufen. Das Buch bietet also eine gute Gelegenheit für eine kleine Zeitreise in die vergangene Gegenwart. Vielleicht dreht sich ja doch alles nur im Kreis.

Von Steffen Martus erschien zuletzt das Buch „Aufklärung. Das deutsche 18. Jahrhundert – Ein Epochenbild“, Rowohlt, Berlin 2015, 1038 Seiten, 39,95 Euro