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Neues Buch von Michail Sygar: House of Cards im Kreml

Wladimir Putin Ende 2015 bei einem Festakt zu Ehren der Armee

Wladimir Putin Ende 2015 bei einem Festakt zu Ehren der Armee

Foto:

Reuters/RIA Novosti

Wladimir Putin, so liest man im Buch des Moskauer Journalisten Michail Sygar, interessiert sich für amerikanische Fernsehserien. Seinem Verteidigungsminister Sergej Schojgu soll er empfohlen haben, „House of Cards“ anzuschauen: „Das wird dir nützen“, habe er gesagt, und gemeint: Das wird dir zeigen, wie Politik in Washington wirklich funktioniert.

„House of Cards“ dreht sich um einen mächtigen Kongress-Abgeordneten, dessen Zynismus keine Grenzen kennt. Man lernt aus der Serie viel über die Mechanismen der Macht, über die Umgangsformen der Elite, über den komplizierten Kreislauf von Geld und Wählerstimmen und Einfluss. Man darf nur nicht vergessen, dass es sich um eine Fiktion handelt.

Kämpfe, Bündnisse und Intrigen

Ein bisschen ist es auch mit Sygars Buch so. Es ist gewissermaßen ein „House of Cards“ für das politische Moskau – ein packend geschriebener Bericht über die Kämpfe, Bündnisse und Intrigen, die in den Kabinetten des Kreml und den Villen der Rubljowka stattgefunden haben. Es ist das Porträt einer politischen Elite und ihrer bizarren höfischen Kultur, gezeichnet von einem, der mit vielen Protagonisten hat reden können. Michail Sygar ist Chefredakteur des Fernsehkanals Doschd, eines liberalen kreml-kritischen Senders, der über das Internet zu empfangen ist.

Wie in den Episoden einer Fernsehserie, so steht auch in den 19 Kapiteln von Sygars Buch jeweils ein neuer Darsteller im Mittelpunkt; aus allem zusammen ergibt sich eine Geschichte von Putins 15-jähriger Herrschaft. Sie beginnt mit Alexander Woloschin, gewissermaßen Boris Jelzins Erbverwalter. Er war es, der als Chef der Kremlverwaltung die Unantastbarkeit des Jelzin-Clans und der neuen Eigentumsverhältnisse rettete, indem er den chancenreichsten Nachfolger Jelzins – Jewgeni Primakow – austrickste und dem jungen Wladimir Putin ins Amt half. Von diesem Ausgangspunkt führt Sygars Erzählung bis fast zum Mord an dem Oppositionspolitiker Boris Nemzow im Februar 2015.

Auf dem Weg begegnen wir bekannten Gestalten. Da ist Dmitri Medwedew, der Putin 2008 ins Amt nachfolgt; ein „idealer Gogol’scher Beamter“, der sich komplizierte Reformen ausdenkt, die nichts ändern außer den Bezeichnungen. Da ist Igor Setschin, der den Öl-Reichtum kontrolliert („er jagt Angst ein, und er weiß das“), Sergej Iwanow, der sich für Putins Nachfolger hielt („ein exemplarischer Sowjetoffizier“), schließlich Oppositionsführer Alexej Nawalny („der einzige echte Politiker in einem Land von 143 Millionen Einwohnern“).

Putin verändert sich von Amtszeit zu Amtszeit

Und da ist Putin selbst, der sich von Amtszeit zu Amtszeit verändert – in Sygars salopper Formulierung wird er von „Putin Löwenherz“, dem tapferen Reformer, zu „Putin dem Prächtigen“, der die Bequemlichkeit sucht; dann gibt er vier Jahre die Zügel ab an Medwedew, den „Falschen Demetrius“, bis er als „Putin der Schreckliche“ zurück ins höchste Amt strebt, weil er merkt, dass es anders nicht geht.

Diesen Moment beschreibt Sygar genauer: Wie Putin im Sommer 2011 drei Tage am Kaspischen Meer mit Medwedew angeln geht, und wie der Premier dem Präsidenten eröffnet, dass er seinen Sessel räumen müsse. „Die Lage in der Welt ist kompliziert, Dima. Sogar das Land kann verloren gehen.“ So wird dieses legendäre Gespräch wiedergegeben. „,Aber warum‘, gab Medwedew verwirrt zurück, „,soll gerade ich es verlieren?‘. ,Weil die Lage in der Welt so kompliziert ist, Dima. Gaddafi hat auch geglaubt, dass ihm das nicht passiert. Aber die Amerikaner waren schlauer.‘“

Auch das ist schön erzählt, und man könnte es sich gut vor der Kamera ausmalen – im Vordergrund die Angelruten, durch die Bäume leuchtet eine Ministerialdatscha, und über dem leisen Plätschern des Wassers hören wir die selbstgewisse Stimme des Älteren, die weinerliche des Jüngeren … Aber halt! Woher weiß Sygar eigentlich den Wortlaut dieses vertraulichen Gesprächs?

Klatsch und Gerüchte

Das ist das Problem an Sygars Buch, dass es zu flott und frei erzählt ist. Der Autor schöpft aus anonymen Quellen, er zitiert Klatsch und Gerüchte, es unterlaufen ihm ab und an auch Fehler, und der Leser weiß nicht: Ist das eine Geschichte der russischen Elite der letzten 15 Jahre, oder ist das eine Summe der Geschichten, die sich die russische Elite über die letzten 15 Jahre erzählt? Deshalb ist die russische Ausgabe des Buchs zwar mit großem Interesse, aber auch mit Kritik aufgenommen worden.

Da lesen wir etwa, dass die Idee des Oligarchen Potanin, die Olympischen Winterspiele in Sotschi durchzuführen, auf subtile Weise an Putin herangetragen wurde: Indem man Plakate einzig an Putins täglichem Weg zur Arbeit aufstellte und Radiospots mit Hilfe von Putins Sprecher so genau auf den Zeitplan des Präsidenten abstimmte, dass er sie im Auto hören würde. Wahr oder falsch? Ein Gerücht, sagt Sygar, und lässt die Frage offen.

Ein Buch müsste sich da eigentlich entscheiden. Andererseits spiegelt die Schwäche des Buchs ja eine Schwäche des politischen Systems. Dieses System produziert ein Übermaß an Gerüchten, weil es gar nicht über jene Bühnen verfügt, auf denen politische Kämpfe öffentlich geführt und Entscheidungen vor aller Augen getroffen werden können. Wahlen, Parlament, Gerichte – das ist alles nur Kulisse, die niemand ernst nimmt. Putins Russland ist ein höfisches System, und die wichtigste Ressource darin ist das, was auf russisch „Zugang zum Körper“ heißt. Zugang zum Körper, also zum Präsidenten, lässt sich durch nichts anderes ersetzen.

Wo war Putin?

So sind selbst Klatsch und Gerüchte, wenn sie sorgfältig notiert und vernünftig gedeutet sind, eine wichtige Quelle. Sie erzählen, wie die russische Elite ihre eigene Welt erfährt, welche Ängste und Hoffnungen sie teilt. Ihre Gefühle und Gedanken sind auf geradezu erschreckende Weise auf Putin fixiert. Wenn er verschwindet, gerät die Welt aus den Fugen.

Im Herbst 2012 etwa rätselte Moskau, wo der Präsident sei – ein Termin nach dem anderen wurde ohne Erklärung abgesagt, von einer Krankheit oder einem Unfall wurde gemunkelt. Wer führte damals das Land? Keiner, behauptet Sygar. Auch nach dem Mord an Boris Nemzow verschwand Putin für zehn Tage spurlos; auf den Webseiten des Kremls wurden Treffen mit Besuchern dokumentiert, die ganz offensichtlich falsch datiert waren. War Putin krank? „Unter hohen Beamten lief das Gerücht um, der Präsident habe sich zurückgezogen, um nachzudenken, wie es weitergehen sollte. Oder gar, weil er um sein eigenes Leben fürchtete. Oder um keine Entscheidungen treffen zu müssen und die Sache auszusitzen.“

Putin, so behauptet Sygar, wollte ursprünglich nicht dorthin, wo er sich heute befindet. „Wir alle haben uns unseren Putin erschaffen“, schließt er. Das ist eine interessante, aber auch kühne These. Hat die russische Gesellschaft im Verein mit der Außenwelt Putin gezwungen, zum autoritären Herrscher zu werden? „Also wenn ich mir Putin erschaffen hätte, sähe er etwas anders aus“, hat der Oppositionelle Roman Dobrochotow auf Sygars Buch erwidert.