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Berliner Zeitung | Roman „Tobys Zimmer“ von Pat Barker: Nichtwissen schützt auch nicht
15. July 2014
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Roman „Tobys Zimmer“ von Pat Barker: Nichtwissen schützt auch nicht

Mann mit Nasenmaske

Mann mit Nasenmaske

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Getty Images/Roger Viollet

Die englische Schriftstellerin Pat Barker, geboren 1943, hat schon in ihrer außergewöhnlichen „Regeneration“-Trilogie von den Verheerungen erzählt, die der Krieg – in dem Fall der Erste Weltkrieg – an Seelen und Körpern anrichtet. Ein Hospital für traumatisierte Kriegsheimkehrer machte sie zum Hauptschauplatz der drei Romane, den britischen Dichter Siegfried Sassoon (1886-1967) zu einer ihrer Hauptfiguren. Mehr als zehn Jahre später kehrte sie mit „Life Class“ und dann, 2012, mit „Toby’s Room“ („Tobys Zimmer“) zu Krieg und Kunst – diesmal: Malerei – zurück.

Ausgangspunkt ist die Londoner Slade School of Fine Art, deren Professor Henry Tonks, Chirurg wie auch Künstler, Soldaten mit schweren Gesichtsverletzungen vor und nach Operationen malte. Die Bilddokumente Tonks’ (zu sehen unter gilliesarchives.org.uk) sollten helfen, die verwüsteten Gesichter einigermaßen wiederherzustellen.

„Tobys Zimmer“, von Miriam Mandelkow nun tadellos übersetzt, ist gleichzeitig eine Verbeugung Pat Barkers vor Virginia Woolf und ihrem Roman „Jacob’s Room“ (von 1922). Beide Bücher erzählen von einem charismatischen, talentierten jungen Mann, der nicht wiederkehrt aus dem Krieg. Sie tun das vor allem aus der Sicht der Jacob/Toby umkreisenden, liebenden Frauen. Barker konnte sich, fast hundert Jahre später, für eine bestürzendere Variante entscheiden: Toby hat eine inzestuöse Beziehung zu seiner später an der Slade studierenden Zwillingsschwester Elinor. Und er ist homosexuell; er geht nicht ins Bordell, sondern zum Stallburschen, was ihn in einer Homosexualität nicht tolerierenden, militärischen Gemeinschaft fatal erpressbar macht.

Blut, Dreck, Schmerz

Pat Barker hat nicht die stilistische Finesse Virginia Woolfs. Ihre Stärke ist die Direktheit, sowohl in der Schilderung der Wunden und Traumata, als auch der moralischen Fragestellung. Von Blut, Dreck, Schmerz erzählt sie, vom Gestank des Fleisches und der Scham der Männer, von denen manche nur noch mit Maske aus dem Haus gehen. (Besonders beliebt war die Maske von Rupert-Brooke, ein damals berühmter Poet und klassisch schöner Mann.)

Pat Barker erzählt auch vom vergeblichen Versuch Elinors, sich aus allem rauszuhalten. Den Krieg „nicht füttern“ zu wollen, erklärt die Kunststudentin kategorisch, nicht einmal, indem sie Socken strickt für Soldaten. Sie streitet sich mit ihrem Bruder. Sie bereut es bald schrecklich. Ein anderer Student der Slade wird später zum offiziellen Kriegsmaler bestellt. Auf groteske Art muss er sich selbst zensieren. Seine Landschaften, so empfindet er es, bestehen aus Toten.

„Ihr ganzes Leben lang war Elinor zum Nichtwissen erzogen worden, aber Nichtwissen schützte einen auch nicht.“ Pat Barker hat sich dafür entschieden, sich mit jedem Buch wieder mit den Schrecken des Krieges zu beschäftigen. Sie will wissen. Und bietet ihren Lesern dieses Wissen an. Man sollte keinen Weltkriegs-Jahrestag benötigen, um das Angebot anzunehmen.

Pat Barker: Tobys Zimmer. Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow. Dörlemann, Zürich 2014. 400 S., 23,90 Euro.