E_Paper_BZ
Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

Roman: Marlene Streeruwitz ist Nelia Fehn

Marlene Streeruwitz schrieb in „Nachkommen“ von Nelia Fehn, nun schreibt sie, als wäre sie diese Nelia Fehn.

Marlene Streeruwitz schrieb in „Nachkommen“ von Nelia Fehn, nun schreibt sie, als wäre sie diese Nelia Fehn.

Foto:

imago/SKATA

In einem anderen Buch hat es dieser Roman schon auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Und zwar in Marlene Streeruwitz’ „Nachkommen“, das im Frühjahr 2014 erschien. Dort geht es um Nelia Fehn, die jüngste Nominierte aller Zeiten und Tochter einer prominenten verstorbenen Schriftstellerin. Im Buchmessen-Frankfurt stolpert sie von einer unerfreulichen Begegnung zur nächsten. „Nachkommen“ ist das böse Porträt einer Branche, die aus ältlichen Sexisten und zickigen Kolleginnen zu bestehen scheint.

Es ist viel zu gut geschrieben, um als beleidigte Reaktion einer Autorin (Streeruwitz) gelesen zu werden, die ihrerseits (wie Nelia) einst auf der Shortlist stand (mit „Die Schmerzmacherin“, 2011) und den Preis nicht bekam. Dass nun das fiktive Buch der fiktiven Autorin tatsächlich erschienen ist, liegt daran, dass Streeruwitz nicht nur einen Roman über einen Roman und dessen Verfasserin schrieb, sondern dieses Werk gleich mit. Alles klar?

Marios erklärt die Lage

Der Inhalt ist schnell erzählt. Es geht um Nelias Alter Ego, das ein Schiff verpasst und es daher nicht rechtzeitig zum Liebsten und zu einer Demonstration in Athen schafft. Der Roman informiert darüber, wie die junge Frau schließlich doch ans Ziel kommt, eher zufällig verhaftet wird und einige Griechen und Griechinnen kennenlernt. Das „erstaunliche Erstlingswerk“, so der Klappentext, teile mit, „was das heißt: mit den Folgen der Eurokrise zu leben“.

Wer daraufhin ein flammendes Buch erwartet, wird enttäuscht, ebenso wie alle, die nach Nelias Auftreten in „Nachkommen“ einen kämpferischen Text erwarten. Denn sie ist mehr mit sich selbst beschäftigt als mit ihrer Umgebung. Zur Lage Griechenlands zitiert sie meist ihren Geliebten Marios, der ein paar Jahre älter ist und klare kapitalismuskritische Einschätzungen hat. Ihre Beobachtungen über Land und Leute mäandern meist zügig zurück zu den eigenen Nöten.

Marlene Streeruwitz ist als scharfzüngige feministische Autorin bekannt und weist damit einige Ähnlichkeit mit der toten Mutter Nelias auf, die als eigenwillige, aber lebenstüchtige Person beschrieben wird. Die Tochter wirkt dagegen beispiellos bedürftig. Sie vermisst die „Mami“ und den Marios, leidet an Atemnot und Beklemmungen, flüchtet oder erstarrt, statt nachzudenken, und schafft es nicht einmal, im entscheidenden Moment einen Fernseher einzuschalten, um sich über die verpasste Demo zu informieren. Sie ist quasi ein Gegenbild zur wohlorganisierten, neoliberalen Leistungsträgerin – richtungslos, empfindsam, voller Liebe und Ideale, von körperlichen Schwächezuständen geplagt, statt fit. So ein „Anderes“ zu verkörpern, ist ja stets subversiv, wenn auch, zumindest für Frauen, ein bisschen riskant. Denn dass die ermattet im Hotelbett liegen oder kopflos reagieren, wird ihnen ja schon länger nachgesagt.

Ab- und aufgehalten wird die Reisende zudem von Männern, die sie küssen, vor ihrem Balkonfenster onanieren, zu denen sie unüberlegterweise aufs Segelboot steigt, und die ihr dann Angst machen. Dergleichen kommt natürlich auch in der Wirklichkeit vor, und es ist verdienstvoll, darüber zu schreiben. Doch gepaart mit Nelias verwirrter Oh-Scheiße-was-mach-ich-bloß-Haltung macht es nervös – zumindest diejenigen, die es gerne sehen, wenn Frauen (auch junge!) halbwegs handlungsfähig sind.

Narzissmus und Autorinnenschaft

Als Roman über tatkräftige Anarchistinnen oder womöglich Aktivistinnen taugt dieses Buch also wenig, als Einsatz in einem hintergründigen Spiel mit Literatur dagegen durchaus. Es ermuntert zum Nachdenken über weibliche Genealogien, Spiegelungen und Erwartungen, über Narzissmus, lustige Schreibideen und Autorinnenschaft. Allerdings funktionieren nur beide Romane zusammen, und zwar auch, weil „Nachkommen“ in kunstvoll prägnanten Streeruwitz-Sätzen daherkommt, während die Formulierungen im neuen Buch eher zum Gähnen sind:

Viele Sätze über ein Ich, das dieses und jenes fühlt, tut und denkt, unterbrochen von Hinweisen auf die griechische Misere bzw. Marios, der dazu dieses oder jenes sagte, tat oder kommentierte. Man würde zu gern wissen, was Streeruwitz sich beim Schreiben dachte – vielleicht ist ja auch dies ein Hieb gegen den Literaturbetrieb, der einen so langatmigen Text einer so schönen Seele auf die Shortlist setzte. In ihrer Fantasie, beziehungsweise: ihrem letzten Roman, versteht sich.

Marlene Streeruwitz: Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland. S. Fischer, 18,99 Euro