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Sex macht Spaß, aber viel Mühe: Im Alter schrumpft die INAH3?

Noch nie erklärte man mir so schön, wie der Sex in die Welt kam. Die meisten, die einem diese Geschichte erzählen, beginnen mit den beiden Geschlechtern und erklären einem dann, wie das Begehren aufkommt. Andere berichten, dass am Anfang beide eines waren und dass sie darum von dem Verlangen getrieben werden, wieder eines zu sein. Sehr hübsch, aber doch nichts im Vergleich zu der Geschichte, die die drei Autoren dieses – lesen Sie es sofort! – Buches referieren. „Um zu verstehen, weshalb uns Menschen die Sexualität mitgegeben wurde, müssen wir die Perspektive wechseln. Statt mit uns Menschen müssen wir uns mit Viren und Bakterien beschäftigen.“ Sie belagern jede unserer Zellen. Legionen und Aberlegionenweise. „Von dem Gewicht, das Ihnen Ihre Waage anzeigt, entfallen drei Kilogramm auf die in und an Ihnen lebenden Bakterien.“ In jedem Kubikzentimeter – ein Fingerhut voll – Meerwasser sind zehn Millionen Viren. Beide versuchen, in unsere Zellen einzubrechen. Für Bakterien sind das knallvolle Kühlschränke. Sie fressen, kommen sie rein, den gesamten Inhalt auf. Viren verwenden die Zellen, kommen sie rein, als Brutkasten für den Nachwuchs. Mit dem „kommen sie rein“ sind wir schon beim Sex. Die Zellen sind verschlossen. Um hineinzukommen, müssen Viren und Bakterien die Schlösser knacken. Das schaffen sie nur durch Evolution. Sie mutieren so lange, bis es einen Nachkommen gibt, dem es gelingt. Der Sex, den wir machen, erschwert Bakterien und Viren den Zugang zu unseren Zellen. Würden wir uns asexuell, also zum Beispiel durch Ableger, vermehren, blieben wir stets identisch mit unseren Ahnen. Auch die Verschlüsselung unseres Zellzuganges bliebe immer dieselbe. Sex bringt die DNA zweier verschiedener Individuen zusammen, mischt sie und produziert einen Nachwuchs mit einer neuen DNA. Die Bakterien und Viren, die im Körper der Mutter sind und sich dort Zelle um Zelle voranfressen und –kämpfen, werden auch den Embryo versuchen anzugreifen. Aber den knacken sie nicht. Er ist anders. Und noch etwas: „So wie die Bakterien und Viren die Zellen des Vielzellers aufbrechen wollen, so versuchen die Kampfzellen des Immunsystems, die Parasiten aufzubrechen. Um erfolgreich zu sein, braucht ein Immunsystem passende Schlüssel für die Oberflächen der Parasiten. Die Immunsysteme haben viele Schlüssel in ihrem Vorrat. Doch nur durch eine immer wieder neue sexuelle Durchmischung des Immunsystem-Erbguts sind die genetischen Schlüssel-Bibliotheken groß genug, um immer neuen Angreifern widerstehen zu können. Sex wirkt also wie eine Impfung.“ Das steht auf den ersten Seiten. Danach verlassen die Autoren leider die Bakterien und die Viren und wenden sich den Menschen zu. Glücklicherweise immer wieder mit lehrreichen Ausflügen in die Tierwelt. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal ein Alter erreiche, in dem ich wieder wie als Kind lieber von Erdmännchen oder den Australopitheci lese als vom Homo sapiens. Gar zu direkt will ich nicht aufgeklärt werden. Das wirkt so bedürftig. Aber vielleicht sehen wir einfach besser in einem Spiegel. Die Verheißung des Heiligen Paulus, dass wir später es von Angesicht zu Angesicht tun werden, wird von den vielen, die sehen, aber nicht gesehen werden wollen, als Drohung empfunden. Aber natürlich verschlinge ich dann doch auch Stellen wie diese: „Im männlichen Gehirn findet man einen Bereich, der etwa zweieinhalb Mal größer ist als bei Frauen. Dieses Areal im Hypothalamus ist für den Sexualtrieb zuständig. In dieser ‚Sexzentrale’ gibt es beim Menschen eine spezielle Neuronengruppe namens INAH3. Sie ist im männlichen Gehirn mehr als doppelt so groß wie im weiblichen.“ Ich habe den Eindruck, im Alter schrumpft die INAH3. Oder etwa doch nicht?

Steffen Münzberg, Susanne Thiele, Vladimir Kochergin: Sex macht Spaß, .. aber viel Mühe, Orell Füssli, Zürich 2014, 240 Seiten, 14,95 Euro.