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Stuckrad-Barre schreibt mit „Panikherz“ Soundtrack seines Lebens

Es ist nicht leicht, auf dem Teppich zu bleiben.

Es ist nicht leicht, auf dem Teppich zu bleiben.

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dpa/Joerg Carstensen

Benjamin liebt Udo. Udo Lindenberg. Es ist eine Liebe mit allem, was dazugehört: der jugendliche Überschwang, die ersten Zweifel und der kalte Verrat, und dann, nach einer langen Irrfahrt, die glückliche Heimkehr und Versöhnung. Benjamin von Stuckrad-Barres neues Buch „Panikherz“ wurde im Vorfeld als die große Offenbarung eines großen, zumindest aber enorm begabten Literaten angepriesen, es solle um sein exzentrisches, dandyeskes Leben gehen und den hier unvermeidlichen, selbstzerstörerischen Kokainkonsum inklusive einer Depression mit suizidaler Tendenz. Das stimmt so aber nicht. „Panikherz“ beschreibt erst einmal nur die Begleitmusik zu einem mehr oder  weniger aufregenden, aber auch schlicht mittelmäßigem Leben.

Was Drogensucht und Depressionen betrifft, so hat darüber bereits Herlinde Koelbls intensive Filmdokumentation „Rausch und Ruhm“ (2003/4) alles gesagt und gezeigt, den körperlichen Verfall, die verwahrloste Wohnung… Küchenpsychologisch konnte sich von da an jeder einen schnellen Reim auf die Geschichte machen: Stuckrad-Barre, geboren 1975,  veröffentlichte in dichter Folge mehrere Bücher und CDs wie „Soloalbum“ (1998), „Livealbum“ und „Remix“ (beide 1999), „Blackbox“ (2000), „Transkript“ und „Deutsches Theater“ (beide 2001) – seine Lesungen glichen Konzerten mit kreischenden Mädchen, er wollte und bekam den schnellen Erfolg, er war das krakeelende Glückskind im Betrieb, und das alles wurde irgendwann zu viel. Also stürzte der Überflieger ab.

Meta-Checker und Kaputtness

So weit, so bekannt. Doch zurück zu des Panikherzens Begleitmusik und dem Panikrocker Lindenberg: „Ich war direkt entflammt. Dieser Udo Lindenberg, das merkte ich sofort, der ist unser Freund. Der kämpft für uns, der ist Vorbild, Leitstern, der hat recht. Er ist verrückt und lustig, biegt die Sprache, spielt mit ihr, der erlebt für uns die großen Abenteuer und erzählt uns davon, der kennt sich aus, dem kann man vertrauen.“ Stuckrad-Barres rührend niedliche Schwärmerei für Lindenberg hält bis zum 16. Lebensjahr, dann tritt erst der wütende, alles-zerstörerische Grunge von Nirvana in sein Leben;  Musik hatte jetzt der  etwas erwachseneren, „weitreichenden Ichentwurfsetzung“ zu dienen. Als zweites erscheint mit Christopher ein neues Idol.

Vielleicht ist die Episode mit Christopher die entscheidende Szene des Buches. Der zehn Jahre ältere Mann ist ein absoluter Meta-Checker, der coole Durchblicker und Kettenraucher und Café-Gänger und vor allem der Herausgeber eines „Nightlife“ genannten Musikmagazins. Bei ihm lernt Stuckrad-Barre das Betrügen und Angeben. Und den Verrat. Er wird Musikkritiker und nimmt sich sogleich vor, seine große Liebe nach allen Regeln der Kunst in die Tonne zu treten, den „Helmut Kohl des deutschen Pop“, den Opa aus dem Deutschrockknast: „Eine neue Platte von Udo… Selbst wenn sie gut gewesen wäre, ich hätte sie wohl verrissen. Verrisse machten einfach mehr Spaß, und nichts befähigt zu größerer Boshaftigkeit als enttäuschte Liebe.“

Nach diesem Verrat ist alles anders, Stuckrad-Barre erkennt mit der Freude auch die Vorteile der Treulosigkeit: Sie macht unendlich überlegen. Und beschleunigt ungemein: Der Benjamin ist Drogenkurier für Rio Reiser, macht Smalltalk mit Friedrich Küppersbusch, wird erst Redakteur beim Rolling Stone, heuert dann als Produktmanager beim Plattenlabel Motor Musik an – „Beim Rolling Stone war alles so alt gewesen, wie ich nicht werden wollte, hier nun war alles so jung, wie ich nie gewesen war.“ – und verdingt sich schließlich als Gagschreiber für die „Harald Schmidt Show“. Nebenher breitet er uns außer den nun rasend wechselnden musikalischen Referenzen auch seine literarischen Vorlieben aus, Jörg Fauser, Bret Easton Ellis, Charles Bukowski etc. pp.

Alles nur noch vom Feinsten, die gut kalkulierte Litanei eines Großkotzes, allmählich verfertigt sich der Stuckrad-Barre-Sound, die öffentliche Figur, die schmerzfrei peinlich sein will: „Charakter nein – Nightlife bis zum bitteren Ende – Koma. Das war der Plot für die nächsten Jahre.“ Aus den Provinzkäffern Rotenburg an der Wümme und Göttingen über Hamburg in die große weite Welt. Tristesse Royale. Fernsehshow. Koksleiche. Drogenklinik. Auch jetzt noch, kurz vor dem Exodus, den Stuckrad-Barre schonungslos und facettenreich beschreibt, gefällt er sich in seiner Kaputtness, macht es jemand von seinem Format nicht zum herabgesetzten Preis, als Billigheimer. Die Todesnähe muss schon sein, um seinen Narzissmus satt zu machen.

Unendliche Zärtlichkeit

Wie Stuckrad-Barre damit beinahe 600 Seiten füllt? Es ist die Liebe. Von Beginn an lässt er uns wissen, dass er und Udo seit langem ganz dicke sind. Das „Panikherz“ schlägt trotz der zwischenzeitlichen Entfremdung nur wegen der nie ganz abreißenden Beziehung zum Panikrocker. Lindenberg ist Stuckrad-Barres Lebensretter. Udo schickt seinen – mittlerweile 40-jährigen – „Stuckimann“ in Hollywoods mythenumranktes Luxus-Hotel Château Marmont, um hier „’ne Panikfiliale aufzumachen“ und sein Leben aufzuschreiben. Klar, das Château Marmont: Hier sprang James Dean durchs Fenster, starb John Belushi an der Überdosis eines Kokain-Heroin-Gemisches und Helmut Newton in seinem Auto, als er das Hotel verließ und gegen eine Mauer prallte.

Darunter macht es Stuckrad-Barre nicht. Immer noch nicht. Aber dann: „Mein Bruder schickte ein Foto: Sein Sohn, in dessen Kinderzimmer ich neun Jahre zuvor geschlafen habe, bis ein Klinikplatz für mich frei wurde, und dem ich dann im rauschhaft nüchternen Sommer, als ich aus der Klinik kam … endlos Udo-Platten vorspielte, dieser Junge also, das zeigt das Foto, schlafend, trägt ein Udo-T-Shirt. Schon schön, wenn man EMPFANG HAT … VERBUNDENHEIT, davon spricht auch mein jetziger Therapeut manchmal.“ Vielleicht muss das Lautsprecherische sein, damit solche Szenen von unendlicher Zärtlichkeit entstehen können. Stark und auch klug ist Stuckrad-Barre als Autor immer dann, wenn er sich ans Kleine hält und ein Mittelmaß findet.