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Unerlöste Vergangenheit

„1Staat geht ; ein Staat kommt“ schreibt Reinhard Jirgl

„1Staat geht ; ein Staat kommt“ schreibt Reinhard Jirgl über den „Großen-Bürokratischen-Umbau“.

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Berliner Zeitung

Eine Frau wird vermisst, der Kommissar vermutet sie als weiteres Opfer eines Serienmörders. Thrillermotive lässt Reinhard Jirgl in seinem neuen Roman aufblitzen. Der Vater, der das Fehlen der Frau gemeldet hatte, übergibt dem Polizisten brisantes Material, ihr einstiges Geheimwissen. Im Herbst 2012, in der wesentlichen Handlungszeit des Romans, ist das veraltet. Genauso wie der Koffer voller Tonbänder, die in der DDR eine Lebensversicherung hätten sein können. Die Verschwundene hatte einen verantwortungsvollen Posten, der ihr später zum Verhängnis wurde.

Reinhard Jirgl begibt sich auch mit seinem neuen Roman tief in deutsche Verstrickungen, fortwirkende Schuld und die Verführung der Ideologie. Der Mann auf der Polizeiwache ist nicht der leibliche Vater der verschwundenen Theresa. Sie war als Dreijährige zur Adoption freigegeben worden, ihre Eltern saßen damals als Staatsfeinde in Haft. Die Frau wird bald gefunden, stark unterkühlt am Grab der leiblichen Eltern in einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt. Sie war ohne Perspektive, vom Mann kurz vor der Hochzeit verlassen worden, beruflich seit dem „Großen-Bürokratischen-Umbau“ auf dem absteigenden Ast. Der Kommissar, ursprünglich nur für ein Jahr aus Hannover gekommen, um im Osten die Polizei neu aufzubauen – er „wollte dieses Land von seinen=Verbrechen her verstehen“, hört Theresas Geschichte in vielen Einzelheiten. Nachts träumt er, ihm werde sein Herz herausgerissen. Doch ist es nicht sein Herz, sondern seine geschiedene Frau. Wenig später erfährt er von deren Tod. Der Kommissar, der namenlos bleibt, kommt mit diesem Fall auf ganz andere Wege, als er erwartet. Sie werden ihn an einen brutalen Punkt führen.

Vielleicht mag das einen mit dem altchinesischen I-Ging-Orakel vertrauten Leser wenig erstaunen. Denn die Ordnung des Romans „Oben das Feuer, unten der Berg“, auch Titel und Textvolumen seien vom I-Ging bestimmt, heißt es im Klappentext. I-Ging bedeutet das „Buch der Wandlungen“. Wandlungen gibt es bei Jirgl zuhauf. Und in seinem mit jedem der sechs Kapitel neu einsetzenden Erzählfluss kommt er wiederholt zu angefangenen Episoden zurück, als würde er Ringe abtragen. So gibt es zu dieser Theresa auch einen Bruder: Willfried „mit 2 L“, im Knast geboren, schwer erziehbar, empathiefrei, als Erwachsener gewalttätig. Auch er wird gesucht. Wenn er später erzählt von seinem indonesischen Freund, mit dem eine andere Diktatur-Geschichte Einzug in das Buch hält, vom Einsatz für eine Staatsfeind-Killertruppe, dann wird die Krimihandlung ein weiteres Mal in politische Abgründe gezogen. So esoterisch der Hinweis auf das Orakel scheint, handelt es sich doch um einen aus der Wirklichkeit gespeisten Roman.

Es wird geschlagen und gemordet in diesem Buch, Menschen werden verraten und verkauft. Sie dienten als Währung im Kalten Krieg. Der Gefangenenfreikauf aus der DDR durch den Westen hatte Methode. Sie ist in den brisanten Dokumenten Theresas dokumentiert: das „Geheime Unternehmen ,Tote Seelen‘“. In dystopischer Überhöhung sollte es das Land freiräumen; wie in Jirgls Roman „Nichts von euch auf Erden“ erwägt die Elite des Staates einen Auszug Richtung Weltraum. Doch der „Große-Bürokratische-Umbau“, üblicherweise als Wende bezeichnet, beendet den Menschenhandel.

Reinhard Jirgl bleibt seinen Themen treu, der Willkür durch Machtbesitzer, der Gewalt der Rechtlosen, dem Verrat, der Flucht. Auf seine Weise ist er ein Chronist der Deutschen, einer, der ihre Scherben aus dem Haufen der Geschichte sucht, um sie auszubreiten und auszustellen. Sie zusammenzusetzen, ist seine Sache nicht. Theresas Adoptivvater spricht gegenüber dem Kommissar vom „Gespenst der unerlösten Vergangenheit, die Immer=Gegenwart ist“.

Der Georg-Büchner-Preisträger bleibt auch seiner Poetik treu. Er spannt Bögen über Jahrzehnte und schält dabei die Ähnlichkeiten heraus. Er benutzt ein Zeichensystem, das Aufmerksamkeit fordert und dabei die Dimension der Sprache weitet. Er verknüpft im Sinn zusammengehörende Wörter („hier=An-Diesemort“) und reißt andere auseinander („Quali-Täten“, „Zucht-Haus“), nimmt das Kaufmanns-Zeichen für „und“, um Beziehungen zu verstärken, setzt Ausrufezeichen vor Worte, um sie hervorzuheben. Der Roman jagt durch Kälte, Dreck und Dunkel, erhellt dabei Verdecktes in der hastig zusammengenähten Gesellschaft. Und wie in den geheimen Dokumenten findet sich im Buch eine zweite Schicht der Wahrheit. Die hat eine große Kraft. Dieses Buch hält seine Leser lange fest.