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Literaturnobelpreis an Tomas Tranströmer: Leise Worte, laute Welt

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Tomas Tranströmer, der achte schwedische Literaturnobelpreisträger.
Tomas Tranströmer, der achte schwedische Literaturnobelpreisträger.
Foto: REUTERS
Berlin –  

Erstmals seit 1996 wurde wieder ein Lyriker mit dem Literaturnobelpreis bedacht. Wer stimmungsvolle Poesie sucht, wird bei Tomas Tranströmer nicht fündig. Seine raren Gedichte sind unprätentiös auf der Suche nach Stille und Wahrheit.

Das ist eine mutige, weise, unbedingt begrüßenswerte Entscheidung. Tomas Tranströmer erhält den Literaturpreis 2011. Seit Jahren wurde er als Kandidat für den wichtigsten Literaturpreis der Welt gehandelt. Am Donnerstag vergab die Schwedische Akademie jetzt den mit 1,1 Millionen Euro dotierten Preis an den 80-jährigen Schweden. Endlich. Danke.

Noch wenige Stunden vor der Verkündung wurde Bob Dylan als heißester Kandidat bei den Buchmachern gehandelt. Zwar war auch Tranströmer wie seit Jahren unter den genannten Anwärtern – aber einem Lyriker den Nobelpreis verleihen? Diesem Lyriker, der keine literarischen Kompromisse eingeht? Der keinen einzigen gefallsüchtigen Vers geschrieben hat, auch keinen selbstverliebten, keinen verschwiemelten, schmerzschummrigen, plump romantisierenden? Lyrik hat kaum eine Lobby und steht noch immer unter dem dümmlichen Verdacht des eitel Weltfremden, falsch Entrückten, billig Romantischen. Von Gedichten wird irgendwie, „Poesie“ erwartet, und Poesie meint meist Gefühl, Stimmung, Atmosphäre. Es gibt solche Lyriker, es waren nie die lesenswerten. Wer nur fühlt, vermag keine Gedichte zu schreiben. Wer nur Stimmung sucht, wird keine guten Gedichte finden, bei Tomas Tranströmer schon gar nicht.

Ein Meister der Präzision

Den Nobelpreis für einen Lyriker also. Das gab es zuletzt 1996, damals an die polnische Lyrikerin Wisława Szymborska. Mit Tranströmer erhält jetzt ein Weltliteraturdichter den Preis, dessen Werk dem schieren Umfang nach sehr schmal ist. Zusammengezählt sind es vier Texte pro Jahr, die er bislang geschrieben hat, Gedichte zumeist, kurze Gedichte sehr oft, seitdem er 1954, als 23-Jähriger, mit seinem Buch „17 Gedichte“ debütierte. Insgesamt elf dünne Bände in vierzig Jahren. Umfang jedoch sagt nichts in Dichterdingen, natürlich nicht. Tranströmer, einer der reifsten, stil- und bildsichersten Lyriker der Gegenwart, übersetzt in 30 Sprachen, ist ein Meister der Präzision, ein Könner der Verdichtung.

Sein Freund und langjähriger Nachbar Lars Gustafsson in der kleinen, westlich von Stockholm gelegenen Stadt Västerås, in der Tranströmer mit seiner Familie seit 1965 lebt, schrieb: „Tranströmer ist ein Dichter, der Null gesehen hat, den leeren Punkt im Zentrum, ohne den nichts ist.“ Seine leisen Worte sind Nischen der Diskretion, Inseln der Intensität, durchsetzt von zartem Humor und stiller Skepsis. Seit 1998 verleiht Västerås den Tomas-Tranströmer-Preis für Lyrik. Auch Gustafsson hat ihn erhalten, und Inger Christensen, die dänische, vor zwei Jahren verstorbene Geistesverwandte Tranströmers.

Er ist Psychologe von Beruf. Die Mutter war Volksschullehrerin, der Vater Journalist, er wuchs als Scheidungskind auf. Nach dem Studium hat er in einer Jugendstrafanstalt gearbeitet, später war er Berufsberater in Arbeitsämtern. Er ist leidenschaftlicher Schmetterlingssammler und Organist, er geht gern hinaus auf die schwedischen Sumpfwiesen, um die seltene Art des Tintenpilzes zu finden, der tödlich ist, wenn man Alkohol dazu trinkt. Ein Naturlyriker, ein Verherrlicher von Schönheit aber war er nie. Tranströmer verdichtet Welt, keine vereinzelte Wirklichkeit.

Im April dieses Jahres ist er 80 Jahre alt geworden. Vor 21 Jahren erlitt er einen schweren Schlaganfall, lange konnte er nicht mehr sprechen, 1996 erschien dann „Die Trauergondel“. In Schweden wurden 30.000 Exemplare davon verkauft. Er ist Bestsellerautor in seiner Heimat, die jetzt den achten schwedischen Literaturnobelpreisträger hat. Jubel brach nach der Verkündigung in der Schwedischen Akademie unter den Anwesenden aus.

Tomas Tranströmer hat nicht nur Gedichte geschrieben, sondern auch seine Memoiren „Die Erinnerungen sehen mich“, auf Deutsch 1999 im Hanser Verlag erschienen. Dieses Buch wird sich jetzt wohl am meisten verkaufen. Es sind acht Kindheitsskizzen, Erkundungen der frühen Eindrücke. Es ist hier ein Selbsterzähler zu erleben, der in skeptischer Lebenszugewandtheit auf seine Geschichte schaut. Größer aber, bleibender ist die Lyrik.

Nichts ist ihm fremder als Melancholie

Seine Gedichte sind immer scharf, klar, unprätentiös. Nichts ist ihm fremder als eitle Melancholie und Schummrigkeit, seifige Welt- und Selbstanklage. Nie sind seine Metaphern bemüht, herbeigeholt. Sie wollen nicht beeindrucken, nicht überrumpeln. Tranströmer liefert keine Verse zum Anstreichen und Angeben, sondern Gedichte auf der Suche nach Stille und Wahrheit. Sie sind über die Jahrzehnte immer strenger, reduzierter geworden. „Die Wahrheitsbarriere“ heißt sein neunter Gedichtband, erschienen 1983. Darin das berühmteste Tranströmer-Gedicht „Im März ’79“ und seine berühmtesten Verse: „Überdrüssig aller, die mit Worten, Worten, aber keiner Sprache daherkommen,/fuhr ich zu der schneebedeckten Insel./Das Wilde hat keine Worte./Die ungeschriebenen Seiten breiten sich nach allen Richtungen aus!/Ich stoße auf Spuren von Rehhufen im Schnee./Sprache, aber keine Worte.“

Das ist die Sprache der Hörenden. Tranströmers Ideal ist entsprechend das Schweigen, die den Silben abgerungene Stille. Kein trotziges, kein trauerverliebtes Schweigen, sondern eine anmutige Stille. Wer Tranströmer lesen will, muss Ruhe haben, um hören zu können. „In einer lauten Welt können nur die leisen Worte berühren“; das wusste Nelly Sachs, als sie 1965 erstmals Tranströmer ins Deutsche übertrug. Auch leise Worte aber können sehr verschieden sein. Tranströmers Lyrik ist auf keinen Stilnenner zu bringen.

„Das Entscheidende ist die Vision“ hat er 1968 in einem Interview gesagt, sie wachse aus Träumen. Er selbst hat seine Gedichte „erregte Meditationen“ genannt, „Flecken/unwirklichen Lichts“. Jeder Vers ist ein „Fallschirmsprung aus dem Traum“. So beginnt sein erster Band, so blieb in seltsamer Gleichmütigkeit seine Dichtung. „Das einzige, was ich sagen will,/glänzt außer Reichweite“ heißt es in der „Trauergondel“. Und in „Das große Rätsel“ (2005), einer seiner wichtigsten Bände, steht sein Gedicht „Der Adlerfelsen“. Es endet mit den Versen: „In der Tiefe des Bodens gleitet meine Seele/schweigend wie ein Komet.“ Tranströmer hat sich nie ins lärmende Getümmel der Welt gestürzt, aber auch nie der Weltverachtung ergeben. Auch das macht die Größe seiner Literatur aus. Es ist immer Kennzeichen bleibender Kunst, das Geheimnisvolle, das Rätsel des Seins und der Literatur nicht zum Mysterium zu erheben und ihm doch seinen Himmel zu lassen.

Das wurde Tranströmer in den 80er Jahren zum Vorwurf gemacht. Sein Schreiben galt als unpolitisch, man verlangte von ihm Engagement, klare, unzweideutige politische Haltung. Tranströmer aber gab der lauten Menge Verse über das schimmernde Oktobermeer, die Augen eines Kindes, das nicht einschlafen kann, einen Zug, der nachts auf freier Strecke anhält und „weit weg Lichtpunkte in einer Stadt,/kalt am Rand des Gesichtskreis flimmernd“. Die Dichtung, die Wahrheit, auch die Freiheit ist für Tranströmer an den Rändern gelagert, wo die Wirklichkeit rissig, die Wahrnehmung weiträumig wird.

Die Welt im Weitwinkel

Der ideale Leser seiner Gedichte ist deshalb einer, der die Wahrnehmung schärft bis sie flimmert, bis sie den Raum, die Zeit zwischen den Dingen vernimmt. Als „Weitwinkellyrik“ hat die Wissenschaft das bezeichnet, ein schöner, treffender Begriff. Der Weitwinkel fängt die Welt nicht ein, wie sie sich aufdrängt, sondern wie sie auch, über das Offensichtliche hinaus, sein kann. Immer ist der Konjunktiv die Heimat der Literatur, das Denken und Sprechen in Möglichkeiten. Tranströmer geht es um die unbevormundeten, also mündigen Wahrnehmungskonjunktive. Sein Leser ist darum ein Mensch größter Freiheit. Gerade weil die Bilder so präzise sind, schaffen sie Raum für Assoziationen. „Nachtdienst“ heißt eines seiner Gedichte von 1970: „Die Sprache marschiert im Gleichschritt mit den Bütteln./ Deshalb müssen wir eine neue Sprache suchen.“

Die neue Sprache kommt für Tranströmer nur aus dem neuen Sehen. Und das neue Sehen nur aus dem genauen Hören auf die inneren wie äußeren Welten. Dass Tranströmer passionierter Organist ist und sich gern ans Klavier setzt, hört man seinen Versen an. Er sucht so lange nach Worten, bis sie rhythmisch, leicht genug sind, um alle Schwere in sich aufzunehmen. Bis sie schweben, bis sie atmen. Den wunderbaren Übersetzungen von Hanns Grössel ist es zu danken, dass deutschsprachige Leser diese Schwebezustände erfahren dürfen.

Tranströmers Lyrik, das ist Verdichtung, Transformation, Musik. Man muss sie laut lesen, memorieren, um zu erfahren, dass ihre Verse haltbar sind. Er sucht den reinen Vers, ohne das Pure zu verherrlichen. Man kann ihn mit Paul Valéry vergleichen, aber nur wenn man dessen poésie pure nicht mit einer weltenthobenen, entrückungsseligen l’art pour l’art verwechselt. Denn Tranströmer schreibt sehr konkret sinnlich, so konkret, dass seine Verse Allgemeinheit gewinnen, dass das Detail zum Signum einer Weltgesamtheit wird. Er habe den Nobelpreis bekommen, so die Begründung der Akademie, weil er „uns in komprimierten, erhellenden Bildern neue Wege zum Wirklichen weist“. Es sind die Wege zu Wirklichkeiten, die nur die Dichtung weisen kann. Nur diese.

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