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Luise Rainer ist gestorben: „Ich hab mich nie als Glamourgirl empfunden“

Luise Rainer
(12.1.1910 –3 0.12.2014)

Luise Rainer

(12.1.1910 –3 0.12.2014)

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Getty Images/George Hurrell

Kein anderer Stern ist so rasch am Filmhimmel von Hollywood verglüht wie der von Luise Rainer. „Für meinen zweiten und dritten Film hab ich einen Oscar bekommen“, sagte die Schauspielerin in Interviews gern, „da hab ich gedacht: Jetzt will ich wieder weg.“ Ihr quecksilbriges Temperament hatte sich die 1910 in Düsseldorf geborene Rainer bis ins hohe Alter bewahrt. Wenn sie von ihrer Karriere erzählte, warf sie sich entsprechend in Pose und spielte Szenen aus ihren Filmen nach. Lange gehalten hat es sie nirgends. Schon gar nicht in Hollywood.

Luise Rainer, Tochter eines Kaufmanns und einer Pianistin, war eine „überzeugte Theaterschauspielerin“ und hatte „nie die Absicht, irgend etwas im Film zu tun“, als sie mit 16 Jahren bei Louise Dumont am Schauspielhaus Düsseldorf anfing. Als wichtiger Karrieresprung folgte Wien, ihr Engagement ans dortige Deutsche Volkstheater und schließlich ans Theater in der Josefstadt unter der Leitung von Max Reinhardt und Otto Ludwig Preminger. 1934, so will es die Legende, entdeckte sie ein Talentscout in Premingers Inszenierung des Ärztedramas „Menschen in Weiß“; das Studio Metro-Goldwyn-Mayer (MGM) bot der jungen weiblichen Hauptdarstellerin einen Siebenjahresvertrag an. An die Filmkomödien, die sie in Wien und Berlin mit Regisseuren wie Kurt Gerron und Max Neufeld gedreht hatte, wollte sich Luise Rainer später lieber nicht erinnern.

„Ich war immer ein ungeschminktes Mädchen, ich hab mich nie als Glamourgirl empfunden“, sagte sie einmal. Genau dazu aber wollte MGM seine Neuerwerbung machen. Fast ein Jahr lang wurde an kosmetisch „herumgezupft“ an der Rainer und an ihrer Biografie gefeilt – das Studio machte sie zur gebürtigen Wienerin –, bevor sich ein geeigneter Filmstoff für sie fand: „Escapade“ war ein Remake des österreichischen Klassikers „Maskerade“, worin eine naive, junge Frau schuldlos in einen Gesellschaftsskandal verwickelt wird. Ihre beiden nächsten Filme hatten entschieden mehr dramatisches Gewicht und brachten Luise Rainer 1936/37 gleich zweimal hintereinander den Oscar ein – als erster und lange Zeit auch einziger Schauspielerin überhaupt.

In „The Great Ziegfeld“ hat Rainer nur eine große Szene, in der sie ihrem Ex-Gatten, dem großen Bühnenimpresario Ziegfeld, telefonisch zu dessen Hochzeit gratuliert – und dabei in Wahrheit vor Kummer buchstäblich zusammenbricht. Es verwundert nicht, dass MGM ihre Szene beinahe herausgeschnitten hätte, denn die nervöse Energie, die Rainer hier mobilisiert, ihre Mimik und Gestik waren typisch europäisch.

Deutlich zurückgenommen agiert Luise Rainer als chinesische Bäuerin in „The Good Earth“. Kaum einmal hebt sie in der Rolle der O-Lan den Blick zur Kamera; sie kauert sich klein neben ihren Mann, gespielt von Paul Muni, der wie sie von der Bühne kam, vom jiddischen Theater. Mit „The Good Earth“ war Rainers Glückssträhne in Hollywood auch schon wieder vorbei. MGM steckte sie in Komödien. Luise Rainer kündigte nach drei Jahren vorzeitig ihren Vertrag – ebenso wie ihre „Strindberg-Ehe“ mit dem Schriftsteller Clifford Odets. „1938 bin ich, um mein Leben zu retten, weggelaufen von allem: vom Film und von meinem Mann.“

Für die Dauer des Krieges wurde Luise Rainer ehrenhalber Lieutenant der Royal Air Force, ging auf Truppenbetreuung nach Afrika und Italien. 1945 heiratete sie den Verleger Robert Knittel; im Jahr darauf wurde die Tochter Patricia geboren. Das Bild, das diese in ihrem Buch „Out From My Mother’s Shadow“ von ihrer Mutter zeichnet, wirkt nur bedingt sympathisch: „Alles, was sie tat, bauschte sie zum Drama auf und würzte es mit Problemen.“

Vielleicht machte die Rainer ihre Familie bewusst zu ihrer Bühne, denn abgesehen von sporadischen Auftritten im britischen Fernsehen und am Theater sah man sie als Schauspielerin nur noch selten. Erst 1997 kehrte in der Dostojewski-Verfilmung „The Gambler“ ein letztes Mal auf die große Leinwand zurück. Gestern ist Luise Rainer im Alter von 104 Jahren in London verstorben