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Magazin "Spiegel": Noch nicht Chef, schon umstritten

Wolfgang Büchner.

Wolfgang Büchner.

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dpa/Michael Kappeler

Der neue Chefredakteur des Spiegels ist noch gar nicht angetreten, doch Gegner hat sich Wolfgang Büchner schon jetzt gemacht. Von Stimmungsmache gegen ihn ist die Rede. Wurde ihm deshalb nahegelegt, vorab schon einmal in Hamburg Flagge zu zeigen? Noch ist er Chefredakteur der Deutschen Presse-Agentur (dpa), bei der eine Findungskommission nach einem Nachfolger fahndet. Am 22. September ist Bundestagswahl. Wird Büchner davor oder danach beim Spiegel antreten? Für ein Nachrichtenmagazin ist die Berichterstattung vor einer Wahl eminent wichtig. Für eine Nachrichtenagentur nicht minder. Dazu kommt, dass Büchner vor seinem Wechsel einen Monat Elternzeit nehmen will. Das kommt nicht bei jedem Spiegel-Redakteur gut an. „Wir sind doch nicht bei Frau im Spiegel“, spottet einer.

Am Montag war Büchner nun in Hamburg und trat vor die Ressortleiter, denen der Online- und der Print-Redaktion. Sie hatten von Büchner zuvor einen Text zugeschickt bekommen, sozusagen zur Einstimmung. Vom Leser, der künftig als Kunde zu sehen sei, war darin die Rede. Der Text war Grundlage eines Vortrags, den Büchner als dpa-Chef einmal gehalten haben soll. Mancher Ressortleiter entdeckte darin viel „Marketingsprech“ und reagierte geschockt.

Büchner sei sehr selbstbewusst aufgetreten, erzählen die, die dabei waren. Was der künftige Chefredakteur sagte, freute die einen, weil sie das Gefühl hatten, endlich habe einer begriffen, was das Problem des Spiegels sei. Andere waren fassungslos, wieder andere, denen ohnehin egal ist, wer unter ihnen Chefredakteur ist, sehen ihre Felle davonschwimmen.

Nachrichtenträchtiger müsse der Spiegel werden, sagte Büchner und sprach damit jenen aus dem Herzen, die die fehlende Relevanz des Magazins beklagen. Titel über Rückenschmerzen und Seelenleiden lehne er ab. Aber gerade die verkauften sich gut, warf einer ein und konnte sich bestätigt fühlen durch den besten Wert seit vielen Wochen, den die Ausgabe mit der Titelgeschichte „Der heilende Geist – Medizin: Gesund durch Meditation und Entspannung“ erzielt hat. Nahezu 312 000 Hefte wurden davon allein am Kiosk verkauft. Mag sein, konterte Büchner, doch solche Titel schadeten der Marke Spiegel.

Vertrauen aufs Gedruckte

In diesem Moment war den Ressortchefs klar: So nett Büchner wirken mag, so hart kann er sein. Empfindlichkeiten traf er, als er sagte, schön geschriebene Texte seien „nice to have“, also ganz nett, sie zu haben, doch lege er vor allem Wert auf Recherche und harte Information. Und allemal lieber als ein Essay, auch das schimmerte in seinen Worten durch, sei ihm ein Kommentar, der mit Schärfe Debatten anheizt. Wegrücken will Büchner den Spiegel von allem, was an Illustrierte erinnert. So kritisierte er auch das Layout, für das sein Vorgänger Georg Mascolo eigens einen Art Direktor engagiert hatte.

Alle Kraft gelte dem gedruckten Magazin, auch das machte Büchner deutlich, denn noch lange werde die Printausgabe mit weitem Abstand der Geldbringer des Hauses sein – auch wenn Büchner in Aussicht stellte, eines Tages für Inhalte bei Spiegel Online vom Leser Geld zu verlangen. Um jüngere Leser anzusprechen, sei schon jetzt wichtig, Spiegel-Inhalte in sozialen Netzwerken zu verbreiten und durch Mehrwert und Links anzureichern.

Provoziert gefühlt hätten sich am Ende vor allem die Verantwortlichen der Ressorts Kultur und Gesellschaft, berichteten Redakteure hinterher. Skepsis überwog, ob Büchners Plan aufgehen kann, die so unterschiedlich denkenden und in zwei Klassen aufgeteilten Redaktionen des gedruckten Spiegels und von Spiegel Online langfristig zu vereinen. Viele fassten die Ankündigung ihres künftigen Chefs als Anordnung auf, weniger als Angebot, gemeinsam zu überlegen, wie das gelingen könnte.

Am Dienstag, Büchner war längst wieder in Berlin, hallten seine Worte in Hamburg noch nach. Redakteure wollen nicht zuletzt aus Bemerkungen der kommissarischen Chefredakteure Klaus Brinkbäumer und Martin Doerry Spott und Ironie herausgehört haben. So habe Doerry eine Studie zitiert, wonach der Spiegel acht Prozent mehr Entscheider erreiche als im vorigen Erhebungszeitraum. Da scheine ja in diesem angeblich so schwer renovierungsbedürftigen Unternehmen nicht alles falsch zu laufen, lautete das Fazit. Am 1. September, spätestens am 1. Oktober, hat Büchner am Montag angekündigt, werde er beim Spiegel antreten. Bis dahin laufen sich die Truppen warm.