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Martin Heidegger: War Heidegger Antisemit?

Der Philosoph Martin Heidegger.

Der Philosoph Martin Heidegger.

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Martin Heidegger war einer der einflussreichsten deutschen Philosophen des 20. Jahrhunderts. Auf diesen Satz können sich alle einigen, die Heidegger-Anhänger wie seine Ablehner. Es lassen sich auch keine Gründe ausfindig machen, dies zu bestreiten. Sonst aber herrscht allenthalben Uneinigkeit, die mitunter Züge eines Gesinnungskrieges annimmt. Und an ihm beteiligen sich mit besonderem Eifer gern auch jene, die Heideggers Schriften allenfalls vom Hörensagen kennen.

Antisemit im Geheimen?

Das ist jetzt wieder sehr schön zu beobachten. Für Februar und März ist die Veröffentlichung der „Schwarzen Hefte“ angekündigt, drei weitere Bände der im Verlag Vittorio Klostermann erscheinenden Heidegger-Gesamtausgabe; es sind Notizen aus den Jahren 1931 bis 1941, die zum umfangreichen Nachlass Heideggers gehören. Zu Lebzeiten hielt er diese Notizen geheim. Nachdem einige wenige Passagen daraus bekannt wurden, ist – zunächst in Frankreich, inzwischen aber auch hierzulande – ein heftiger Streit entbrannt. Er dreht sich um die schon häufig behandelte Frage, ob Heidegger Antisemit war.

Darauf gibt es eine eindeutige Antwort: ja, das war er. Zumindest zeitweise. Er glaubte etwa ein „Weltjudentum“ am Werk, das sich zum Ziel gesetzt habe, die von Heidegger behauptete deutsche Sonderrolle im philosophischen Geschick des Abendlands zu unterwandern. Für Günter Figal, Präsident der Heidegger-Gesellschaft, ist dies eine der Stellen „eindeutig antisemitischen Inhalts“. Peter Trawny, Herausgeber der „Schwarzen Hefte“, bestätigt dies, will jedoch berücksichtigt wissen, dass es sich dabei „um einen geheim gehaltenen Antisemitismus“ handle. Dennoch seien die Aufzeichnungen niemals privater Natur, sondern stets auf der Höhe von Heideggers philosophischem Denkens. Er hatte auch festgelegt, dass sie am Ende der Veröffentlichung der Gesamtausgabe erscheinen sollen.

Warum wollte er seinen Antisemitismus publik machen? Trawny sagt, vielleicht wollte zeigen, „wie sehr sich eine philosophische Entscheidung versteigen und verirren kann“. Vielleicht. Man wird das erst einschätzen können, wenn die „Schwarzen Hefte“ erschienen sind. Derzeit lässt sich allenfalls ahnen, in welcher Tonlage sie gehalten sind. In den beiden zuletzt erschienen Bänden der Gesamtausgabe („Zum Ereignis-Denken“, Bd. 73.1/73.2, zusammen 1496 S., 129 Euro) findet sich etwa ziemlich unvermittelt dieser Satz: „Das Hitlerregime kam im Verlauf seiner Entwicklung dahin, die aufkommenden Gemeinheiten als solche auch zu verkünden.“ Es ist keineswegs eindeutig, was damit gesagt sein will. Von welchen Gemeinheiten ist überhaupt die Rede?

Das Eigenleben der Texte

Die in den Feuilletons und auf eher boulevardesken Plattformen wie Spiegel online geführte Debatte um Heidegger hat sich allerdings längst in eine Situation manövriert, die keinen Raum für Differenzierungen lässt. Denn die entscheidende Frage ist, ob der Antisemitismus Heideggers auch sein Werk hinfällig macht. Darüber wird zu reden sein, und mit moralischen Kriterien allein ist dabei nichts getan.

Es sei hierzu der Blog „Aisthesis“ (bersarin.wordpress.com), betrieben von dem ungemein klugen und lesenswerten „Bersarin“, zur Lektüre empfohlen. In dem Beitrag von Bersarin und in den Leserkommentaren werden in denkbar genauester Weise die Spannungen und Widersprüche vermessen, die mit den „Schwarzen Heften“ einmal mehr Thema werden. „Kein Text, kein Werk“, so ist dort zu lesen, „fällt vom Himmel. Aber jeder Text, jedes Werk führt ein Eigenleben.“ Ja, und „das Leben eines Menschen unterliegt ebenso vielfältigen, jedoch ganz anderen Kriterien als ein Text.“ Wer zu solchen Unterscheidungen nur mit moralischer Brille fähig ist, wird das Thema zwingend verfehlen. Auch hier hilft: lesen, auch Heidegger.