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Mary Gaitskill - Der verschwundene Kater: Inventur einer stellvertretenden Einsamkeit

Was heißt hier „kleiner Verlust“ und wenn , dann für wen?

Was heißt hier „kleiner Verlust“ und wenn , dann für wen?

Foto:

REUTERS/Mariana Bazo

Mit Steven Samüsant-provokanter Verfilmung ihrer Kurzgeschichte „Secretary“ (in der 1989 auf Deutsch erschienenen Sammlung „Schlechter Umgang“) erstrahlte ihr Stern urplötzlich auch über Amerikas Literaturlandkarte hinaus – dauerhaft etablieren aber konnte sich die in Rhinbek bei New York lebende Schriftstellerin Mary Gaitskill trotzdem nicht.

Zu düster und unbequem war ihre engagierte literarischen Auseinandersetzung mit Themen wie Sexualität, Sucht, Prostitution und der Einsamkeit der heutigen Frau in Amerikas Gesellschaft. So blieb die 1955 geborene, in Detroit aufgewachsene Autorin auch in ihrer Heimat ein „Writers Writer“, eine Autorin für Autoren. Dabei schreibt sie seit bald vier Jahrzehnten eine makellose, in ihrer psychologischen Dichte und Genauigkeit beeindruckende Kurzprosa, deren feinnervige Kompaktheit und Schärfe wegweisend für Kurzgeschichtenautorinnen wie Beth Nugent, Lorrie Moore oder auch Sandra Cisneros gewesen sein dürfte.

Mit kristalliner Schärfe

Trotzdem wartete man hierzulande seit einer gefühlten Ewigkeit vergebens auf Neuübersetzungen dieser Dichterin, die über die beiden auf deutsch vorliegenden Titel „Schlechter Umgang“ und den Roman „Im Spiegel der Anderen“ hinausgehen. Mit diesem Missstand aufgeräumt hat gottlob nun der feine Zürcher Dörlemann Verlag, indem er Gaitskills im Sommer 2009 in der Londoner Literaturzeitschrift „Granta“ erschienene Erzählung „Lost Cat“ unter dem Titel „Der verschwundene Kater“ jetzt vorgelegt hat. Denn Gaitskills gerademal 125 luftig gesetzte Buchseiten umfassender Text wuchert mit Sätzen, deren kristalline Schärfe noch immer beeindruckt – arrangiert zu der anrührenden, unverhohlen autobiographisch getönten Erzählung Gaitskills um ihre aus Italien mitgebrachte kleine Katze Gattino, deren plötzliches Verschwinden sie zu einer klugen Meditation darüber veranlasst, was es bedeutet, etwas zu verlieren, ein geliebter Mensch oder nur eine halb blinde Katze.

Dieser Verlust stützt sie einen Zustand, der eine Art innerer Inventur zur Folge hat. Dabei gerät Gaitskills schwieriges Verhältnis zum ihrem Vater oder das ihrer Schwester ebenso unversehens in den Focus ihres Erzählens wie das zu den beiden Pflegekindern, die sie und ihren Mann wochenendweise besuchen – und mithin an persönliche Grenzen führen. Wie die Amerikanerin es dabei versteht, den Verlust ihres Katers zum Anlass zu nehmen, um über weit größere existenzielle, ihr eigenes Dasein als Frau, Freundin und Partnerin streifende Fragen nachzudenken, das ist famos.

Im Zentrum all ihrer Überlegungen steht die Frage: Wie viel an Verlust kann ein Einzelner ertragen, ohne sich darüber selbst zu verlieren? Und wen oder was macht die verzweifelte Suche nach einer verschwundenen Katze plötzlich aus uns? Eine Getriebene? Ein Verrückte? Gegen Ende nämlich muss sich die Autorin dabei erleben, wie sie Wahrsagerinnen und sogar Detektive konsultiert, um sich Hilfe bei ihrer verzweifelten Suche nach dem geliebten kleinen Vierbeiner zu holen. Doch Gattino bleibt verschwunden, trotz zahlreicher Hinweise auf dessen angebliches Verbleiben.

So schließt Mary Gaitskills klug die eigenen Verletzungen und Entbehrungen bilanzierende Erzählung mit der Erkenntnis, dass es nicht selten die vermeintlich kleinen Verluste sind, die uns weiterbringen, indem sie uns aus der Erstarrung unserer selbst befreien.