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Maxim-Gorki-Theater: Kündigungswellen

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Demnächst am Gorki-Theater: Shermin Lanhoff.
Demnächst am Gorki-Theater: Shermin Lanhoff.
Foto: Paulus Ponizak

Sie erschüttern Opel-Arbeiter, Karstadt-Verkäuferinnen und Zeitungsredakteure. Nur am Theater gehören sie zur Normalität. Szenario eines Intendantenwechsels am Beispiel des Maxim-Gorki-Theaters.

Das Wort Sklavenhalterverträge fiel mehrfach in diesem Theater. Es passt nicht in das Haus, das den Fremden mit einer Woge entwaffnender Freundlichkeit empfängt, das einen so tüchtigen, anständigen und geradezu fröhlichen Eindruck macht. Es passt nicht, aber wir werden auf diese Verträge zurückkommen. Erst einmal zu der Freundlichkeit, die zunächst von der Pressesprecherin Claudia Nola ausgeht, unerhört beliebt, schon eine kleine Ewigkeit dabei und vor allem eine feste Bank. Das ist wichtig, denn sie wird das Maxim-Gorki-Theater nicht verlassen, wenn sich jetzt alles ändert.

Vielleicht würde sie am liebsten mit den Füßen aufstampfen und „Verdammter Mist!“ rufen, „warum musste dieser Intendant einfach abhauen, sein Vertrag lief doch bis 2016! Und dann noch bis nach Stuttgart, ans Ende der Welt! Ich kann jetzt gerade nicht meine kleinen Kinder einpacken und den Mann und die Wohnung und ihm hinterherziehen!“ Die Nachricht vom vorzeitigen Weggang des Intendanten Armin Petras hatte im Herbst 2011 ein kleines Beben verursacht im Theater. Trotzdem stampft die beliebte Frau Nola in ihrem kleinen übervollen Büro natürlich mit keinem einzigen Fuß auf und sie klagt auch über nichts, denn sie ist die Pressesprecherin des Theaters: Heute von Armin Petras und danach von Shermin Langhoff, die in diesem Herbst aus dem Off-Theater Ballhaus Naunynstraße ins Gorki wechselt.

Sie kommt...
Er geht...

Shermin Langhoff, 43, kam als Kind aus der Türkei nach Deutschland. Sie wurde Verlagskauffrau, arbeitete in der Filmbranche, leitet erfolgreich das Berliner Ballhaus Naunynstraße. Einen Vertrag mit den Wiener Festwochen kippte sie für das Angebot, ab Herbst 2013 gemeinsam mit Jens Hillje das Maxim-Gorki-Theater zu leiten.

Armin Petras, Jahrgang 1964, studierte in der DDR Regie und ging 1988 nach West-Berlin. Er war Regisseur in 22 Theatern, schreibt Stücke unter dem Namen Fritz Kater und übernahm 2006 das Gorki-Theater. In diesem Herbst wird er Schauspiel-Intendant am Staatstheater Stuttgart. Sein Vertrag in Berlin lief ursprünglich bis 2016.

Die künftige Intendantin hatte in einer ersten Betriebsversammlung erklärt, dass sie sich über jeden freue, der mit ihr an dem Haus bleiben wolle. Doch schon kurz darauf verschickte sie Kündigungen an 50 der 160 Theatermitarbeiter, an die meisten, die kündbar waren. Das löste Befremden aus. Ich habe mit Shermin Langhoff über diese Irritationen am Theater gesprochen. Aber bei der Autorisierung des Textes entschloss sie sich, die Verwendung jeglicher Zitate und Inhalte zu verbieten.

Es ist dieses falsche Versprechen, das den Intendantenwechsel von Armin Petras zu Shermin Langhoff in ein ungünstiges Licht rückt, nicht etwa die Kündigungen selbst. Entlassungen sind üblich am Theater. Darum soll es gehen in diesem Text, dass Kündigungen in der Kunst zur Normalität gehören. Sie sind so üblich wie in keinem anderen Bereich der Gesellschaft, wo es oft noch Lebensanstellungen gibt und Berechenbarkeit. Wo Entlassungen zu Schockstarre der Beschäftigten führen können. Den Opel-Arbeitern etwa war das Entsetzen ins Gesicht geschrieben, als sie letzten Monat von der Betriebsschließung erfuhren. Und keiner soll denken, auf den Gängen dieser Zeitung herrsche coole Gelassenheit, jetzt, wenn in den Chefetagen die Kündigungslisten zusammengestellt werden.

Am Theater ist das anders. Flexibilität und Spielwut bis zum Sarg – dieses Mantra muss ein Schauspieler vor dem ersten Gedanken an diesen Beruf verinnerlichen. Ein Schauspieler hat glänzend dazustehen, auf eine großartige Spielzeit zurückzublicken, in Optimismus zu baden und niemals über schlechte Gagen zu klagen. Am Gorki-Theater steht noch nicht fest, wer von den 22 Schauspielern mit Armin Petras nach Stuttgart zieht und wer sich nach etwas anderem umsieht, um vielleicht in Berlin zu bleiben. Auch unter Kollegen bleibt der Austausch zugeknöpft – es handelt sich schließlich um Konkurrenten.

Theater richtet sich nach den Regeln des Kapitalismus

Wenn der Intendant über die lebenslange Ungewissheit seiner Angestellten referiert, hört man als erstes einen kleinen Vortrag darüber, dass der Schauspieler es in Deutschland besser hat als irgendwoanders auf der Welt, wo es allenfalls Stückverträge gibt. Hier dagegen biete ein Stadttheater soziale Sicherheit für ein volles Jahr, bei Petras sogar für zwei Jahre. Besser könnte es der Chef des Arbeitgeberverbands Bühnenverein auch nicht sagen. Armin Petras weiß natürlich, wovon er spricht: „Ich war an 22 Stadttheatern, wurde fünf Mal rausgeschmissen. Später musste ich selbst Kündigungen aussprechen, schrecklich. Aber so ist das Spiel. Es läuft nicht wie auf der Insel der Seligen, sondern es richtet sich nach den Regeln des Kapitalismus. Und wir hier machen einfach mit.“

Das sagt der Regisseur, der sein Publikum sieben Jahre lang ins Handgemenge der politischen Konflikte hineingezogen und mit den Überforderungen dieser Gesellschaft konfrontiert hat. „Natürlich erzeugt das alles Druck, einen Druck, drinnen zu bleiben im System, nicht rauszufliegen, Erfolg zu haben.“ Petras hat insofern für sein Ensemble gesorgt, als er es in einem klasse Zustand hinterlässt – Schauspieler aus einem angesehenen und produktiven Theater wie diesem sind gefragt. Das Gorki ist eine Empfehlung. Die Schauspieler sind drin im System, nicht draußen. Bei den Absendern der zwanzig Bewerbungen, die täglich auf dem Schreibtisch des Intendanten landen, unberücksichtigt, sieht das anders aus. Sie würden gern rein ins Spiel. Aber die Gesellschaft hat keinen Platz für alle. Der Kampf braucht schweres Selbstbewusstsein.

Gunnar Teuber, seit zwei Jahrzehnten ein Schauspieler in der Nähe von Petras, hat sich noch nicht entschieden. Er war in den großen Gorki-Inszenierungen der letzten sieben Jahre präsent, spielte in Filmen von Frank Beyer, Bernd Böhlich, Matti Geschonneck, Dominik Graf und Andreas Kleinert – er ist ein Gesicht. Er weiß, was er kann, weiß, dass er ohne Petras keinesfalls am Gorki bleiben will, nur was er stattdessen will, das weiß er noch nicht. Er sagt, so ein Endpunkt wie dieser sei gar nicht schlecht, zwinge zur Neuorientierung, er habe schon Lust auf etwas Neues.

Teuber war jetzt sieben Jahre in Berlin, ohne viel mitzubekommen von der Stadt: Zu viel Arbeit, zu wenig Zeit für Freunde. Über Armin Petras, bekannter Workaholic, sagt er: Er ist einer, den man selten zu Hause antrifft. Der auch seinen Mitarbeitern die Chance geben will herauszufinden, zu wie viel gleichzeitiger Arbeit sie eigentlich in der Lage sind.

Im ersten Jahr seiner Intendanz hat es Petras alles in allem, kleine Produktionen mitgezählt, auf 52 Premieren gebracht, 52! Er darf das. Womit wir bei den „Sklavenhalterverträgen“ wären, die das erlauben und im Haus gelegentlich erwähnt werden. Kein Gewerkschafter hat sich je dazwischen geworfen, wenn ein Theaterschauspieler zum Einsatz kommt, wann immer er gebraucht wird. Sechs Tage die Woche ohne Pausenregeln und sonstige lästige Einschränkungen. In der Provinz ist ihre Arbeit ungleich härter, da sind Mindestgagen von 1650 Euro für diplomierte Künstler die Regel, nicht 1800 bis 5000 brutto wie im Gorki. Nichts erinnert an die strengen Pausenvorschriften und übersichtlichen Dienstzeiten eines Orchestermusikers. Der Schauspieler steht immer zur Verfügung. Stimmt, sagt Teuber, „ich darf ja an spielfreien Tagen nicht mal die Stadt verlassen!“ Das verbieten die Verträge, falls mal eine Umbesetzung ansteht. „Als ich nach der Armee mein erstes Theaterengagement bekam und das las, dachte ich: Ist das jetzt nicht wieder Freiheitsberaubung?“ Und trotzdem der Beruf? Immer würde er sich wieder so entscheiden, sagt Gunnar Teuber, immer.

Man braucht einen glühenden Exponierungswillen, um sich in dieses Künstlerleben zu stürzen, und sich gegen geschätzte 15 000 Profi-Schauspieler in Deutschland durchzusetzen, von denen nur ein Bruchteil von der Kunst leben kann. In dem es keine Sicherheit gibt, nicht mal für gefragte Leute. Wer weiß schon, ob sein Gesicht in Mode bleibt, ob er in jedem Alter gefragt ist. Kann man sich daran gewöhnen?

„Natürlich nicht!“, sagt Janka Panskus, die als Theaterpädagogin seit elf Jahren zahllose Schulklassen auf die Vorstellungen vorbereitet. Sie blieb verschont von der Kündigungswelle, und es trifft sie trotzdem: „Ich finde es toll, dass mal eine Frau Intendantin wird, zumal eine mit türkischen Wurzeln, ein gutes Signal aus Berlin. Trotzdem ist der Wechsel angstbehaftet, gerade weil es sich hier alles glänzend entwickelt hat, weil wir so ein tolles Team geworden sind, kollegial, hochengagiert, freundlich. Als die Kündigungen kamen, dachte ich: Was für ein grauenhaftes System, warum machen wir da mit? Aber es ist ein Dilemma, für das es keine Lösung gibt. Das System muss so sein, ein Intendant kann nur mit seinen Schauspielern arbeiten – sie sind der Stoff, aus dem die Kunst besteht.“

Das kann hart sein für den Künstler, aber das Theater hält es lebendig. Wobei eben niemand annehmen soll, der Künstler an sich habe keine Sehnsucht nach Beständigkeit. Sonst müsste man Außenstehenden nicht regelmäßig erklären, dass Castorf und Peymann eigentlich keine Intendanten auf Lebenszeit mit eigenen Theatern sind.

Hochflexible Freiheit

Das Theater-System mit seinem gewaltigen Freiheitsbegriff ist schon sehr besonders, vor allem aber übergriffig. Es will am liebsten jeden in seiner Nähe kündbar halten, stetig einsatz- und austauschbar, nicht nur die Schauspieler, Regisseure, Dramaturgen, Ausstatter, die sich dem bewusst aussetzen. Theaterchefs schließen auch mit Requisiteuren, Maskenbildnern, Bühnen- und Tonmeistern diese leicht kündbaren hochflexiblen Künstlerverträge. Wäre Jens Gebhardt, Chef der Requisite, nicht geschützt durch mehr als 15 Dienstjahre, hätte auch ihn die Kündigung treffen können. So hat er nur eine Kollegin aus seiner kleinen Abteilung eingebüßt und kann sich weiter „wie ein Fossil“ fühlen an „seinem“ Theater, an dem er schon gelernt hat und das für ihn eine solche Heimat ist, wie sie es für die meisten nie werden kann.

Etwa für Maja Thiesen aus dem künstlerischen Betriebsbüro. Ihre Arbeit ist keine künstlerische, sondern eine organisatorische, trotzdem wurde sie gekündigt. Als Alleinerziehende wird sie nicht mit nach Stuttgart gehen, nachdem sich ihre Eltern gerade ihretwegen in Berlin niedergelassen haben. Ihr steht es frei, sich auf ihre alte Stelle neu zu bewerben. Sie solle sich überlegen, und ob sie auch für weniger Geld arbeiten könne. Sicher, wenn alles teurer wird, wie sollte da ein schmaleres Gehalt ein Problem sein? Maja Thiesen klingt ernüchtert: „Klar, am Anfang ist man jung und enthusiastisch, lebt den Job, arbeitet immer am Limit. Niemand schaut auf die Uhr bei der Arbeit. Und jetzt, wo ich weniger flexibel werde, sortiert mich das gerne so kapitalismuskritische Theater aus – auch aus finanziellen Gründen.“

Es ging immer ums Geld am Gorki. In der Intendanz sitzen der immer noch jungenhafte unruhige Hochleistungstheatermann Armin Petras mit Jeans und Mütze, und sein Geschäftsführer Klaus Dörr mit der sonoren Rundfunkstimme, in korrektem schwarzem Tuch. Beide haben das Haus vor sieben Jahren von ihrem glücklosen Vorgänger Volker Hesse übernommen, der mit den Subventionen bei bestem Willen nicht auskam. Theater ist eine archaische, arbeitsintensive, teure Produktionsform, wenn sie Repertoire anbietet und mehr als Unterhaltung sein will. Die Länder und Kommunen wollen nicht darauf verzichten, aber sie bezahlen schon lange nicht mehr das, was sie bestellen. Sie überlassen es den Häusern, sich das Geld einzuteilen. Armin Petras sagte anfangs: 8,3 Millionen – die müssen reichen. Fortan haben hier alle teuflisch viel gearbeitet, die Kritiker in Atem gehalten, die meisten für sich gewonnen, selbst wenn ein Stück scheiterte, weil man ihnen den Ernst und den Spaß auf der Bühne abnahm und sie nicht die Bescheidwisser gaben.

Heute sagt Dörr: „Wir wurden Ko-Produktions-Weltmeister, um das Budget nicht zu überschreiten. Wir haben es fünf Jahre lang geschafft, dann gingen uns die Kräfte aus. Die Krise wurde unsere Produktionsform, wir brauchten 400 000 Euro mehr im Jahr.“ Petras: „Dann wären wir geblieben. Aber es kam kein Angebot.“ Der neuen Intendantin, Liebling der Kulturpolitik, zahlt die Stadt zum Start nun 400 000 Euro zusätzlich, der Hauptstadtkulturfonds steuert noch mal 300.000 bei. Sie braucht das Geld. Petras: „Unsere Entscheidung zu gehen, war also richtig.“

Die ausgebliebene Anerkennung durch die Berliner Politik dürfte ihn schon gekränkt haben. Er möchte auch nicht als Hinschmeißer dastehen, der einfach dem lukrativen Angebot an das größere Staatstheater gefolgt ist, sondern er versteht sich als „protestantischer Arbeiter. Wir wollten keine Schulden machen, aber auch keinen entlassen.“ In Stuttgart hat er fast doppelt so viele Schauspieler, beste Bedingungen, er könnte alle seine Künstler mitnehmen. Den Entlassenen in Berlin hat er versprochen, sich um Jobs zu bemühen, wo es knirscht, aber viele haben schon etwas Neues. Petras und Dörr erzählen, dass sie zuvor ein Angebot von einem anderen großen Haus hatten und nicht gegangen sind, weil sie in Berlin verpflichtet waren, an diesem herrlichen Familientheater mit dem guten Karma, wo sie eigentlich nicht weg wollten. In dem jeder weiter mit Leidenschaft seinem Job nachgeht, obwohl sich alles ändert, für viele nicht zum Besseren.

Schauspieler, Künstler überhaupt, führen das Leben, das für uns alle vorgesehen ist. Gerade erst hat die Politik nach noch mehr Flexibilität und noch mehr befristeten Verträgen verlangt. Die Arbeit soll noch effizienter werden, damit noch leichter aussortiert werden kann.

„Wir Theaterleute, waren mit die ersten, die Globalisierung lernten“, sagt Klaus Dörr. „Sklavenhalterverträge? Klar, die sind Teil des Systems.“ Aber natürlich geht es hier an keiner Stelle um Sklaven. Aus diesem System kann nämlich jeder jederzeit aussteigen, dem irgendetwa nicht passt. Er ist dann ganz frei, nur einfach nicht mehr im System.

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