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Maxim-Gorki-Theater: Warum es cool ist, Migrant zu sein

In Berlin leben viele Israelis - und auch viele Juden.

In Berlin leben viele Israelis - und auch viele Juden.

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imago stock&people

Die drei Ronens kommen aus Israel, und arbeiten derzeit in Berlin. Wir treffen uns in der Kantine des Gorki-Theaters. Yael Ronen ist hier Hausregisseurin, ihr Bruder Michael ist Schauspieler und Regisseur. Der Vater Ilan Ronen kommt mit dem Bus von der Komödie am Kurfürstendamm, wo er derzeit als Gastregisseur „Eine Familie – August: Osage County“ inszeniert, das am 22. Januar Premiere hat. Auch seine Frau ist hier, die Schauspielerin Rachel Hafler. Sie hat ihm schon einen Teller Spaghetti bestellt und verabschiedet sich bald. „Ich hole meinen Enkel aus dem Kindergarten ab“, sagt sie.

Was würde Ihr Großvater dazu sagen, dass seine Enkel in Berlin leben und nicht in Israel?

Michael Ronen: Wären die Großeltern noch am Leben, würden sie das als Verrat empfinden, weil wir das Land verlassen haben, das sie für uns aufgebaut haben. Aber ich kokettiere auch mit dem Gedanken, dass ich die Suche meines Großvaters fortführe, ihn hat sie nach Israel geführt, mich zurück nach Wien, wo er herkam. Ich spreche jetzt seine Muttersprache, Deutsch.

Yael, Sie waren 2007 mit Ihrem Stück „Plonter“ an der Schaubühne als erste der Familie in Berlin.

Yael Ronen: Das war vor allem in Michaels Leben ein dramatisches Ereignis, denn er verliebte sich in Irina, die deutsche Dramaturgin, die heute seine Frau ist. Er war der erste, der hierher zog.

Ilan, wie ist es für Sie, dass Ihre Kinder in Berlin sind?

Es ist nicht leicht. Ob wir wollen oder nicht, sind wir Teil unserer Vergangenheit. Ihr aus dem Weg zu gehen, ist gefährlich. Ich bin aber auch sehr stolz auf sie, und ich weiß wie sehr sie es schätzen, hier zu leben, Theater zu machen. Und dann denke ich wieder, sie müssten in Israel sein, hier kämpfen. Denn wenn man im Ausland ist, kann man Israel weder in politischer noch in künstlerischer Hinsicht verändern. Ein Kollege beim Habima Theater hat zu mir gesagt: Was willst du. Du warst es, der sie zu all dieser internationalen Zusammenarbeit ermutigt hat.

Yael Ronen: Und als ich einen Palästinenser geheiratet habe, sagten meine Eltern: Du hast unsere liberale Erziehung zu ernst genommen.

Ilan Ronen: Das war ein Witz.

Was ist schwieriger für Sie, der palästinensische Schwiegersohn oder die deutsche Schwiegertochter?

Ilan Ronen: Das ist schon ganz schön extrem. Ich habe einen Cousin, der sehr religiös ist. Er wusste nicht, ob er zur Hochzeit kommen sollte und fragte mich: Wie ist das für dich? Ich antwortete: Das ist eine Botschaft, die Gott uns schickt. Sie lautet: Make peace, not war. Die dritte Generation soll vielleicht eine neue Identität kreieren. Und dass wir jetzt alle in Berlin sind, unsere ganze Familie, hat fast etwas Metaphysisches. Ich denke, mein Vater hat da seine Hände im Spiel. Vielleicht kontrolliert er alles von da, wo er jetzt ist. Das ist als würden wir zu den Deutschen sagen: Es gibt uns immer noch, uns Juden. Wir sind nicht ausgelöscht worden.

Yael und Michael, glauben Sie, dass Sie Ihre Partner rein zufällig gewählt haben?

Michael Ronen: Mein Vater hat zu mir gesagt: Was machst du so lange in Deutschland, das ist gefährlich. Am Ende wirst du mit einer deutschen Frau zusammen sein. Und das ist natürlich wahr. Man schafft diese Möglichkeit, einfach dadurch dass man hier ist. Yaels Fall ist dagegen viel einzigartiger.

Ilan Ronen: Ja. Europäisch-jüdische Paare gibt es dagegen viele.

Michael Ronen: Es gibt billige Flüge mit Easy-Jet in alle diese Länder.

Yael Ronen: Easyjet zerstört das jüdische Erbe.

War es ein politisches Statement, nach Berlin zu kommen?

Yael Ronen: Es ist eine Kombination. Man sieht in Israel keine politische Zukunft, der Wirtschaft geht es nicht gut. Und Berlin ist billig, das ist die Hauptsache. Ich habe hier auch einfach bessere Möglichkeiten. Für Israel ist es ein Riesenverlust, dass so viele weggehen. Und ich empfinde es auch schon als Verrat, dass wir das Land denen überlassen, denen wir nicht vertrauen. Aber vor allem jetzt, da ich ein Kind habe, bin ich nicht mehr gewillt, den persönlichen Preis zu zahlen. Ich möchte nicht, dass mein Sohn in einer solchen Atmosphäre aufwächst, wie sie derzeit in Israel herrscht. Ich würde aber nicht sagen, dass ich nie wieder zurückgehe. Als Einwanderer in Deutschland sehe ich mich jedenfalls nicht. Ich habe ein Prepaid-Telefonkarte und wohne zur Untermiete. Aber mein Sohn geht in einen deutschen Kindergarten und kommt nächstes Jahr hier auf die Schule. Und er zeichnet immer diese beschissene deutsche Flagge.

Michael Ronen: Das bringt meine Mutter um.

Ilan Ronen: Das würde deinen Großvater umbringen.

Yael Ronen: Für meinen Mann und mich ist das auch ziemlich verstörend .

Also ist Berlin nicht Ihr neues Zuhause?

Yael Ronen: Berlin ist mein Zuhause. Es ist der Ort, an dem ich jetzt sein soll. Ich sehe es aber nicht als meine letzte Station. Als ich im Sommer in Israel war, während des Kriegs, habe ich mich so fremd gefühlt. Und meine Freunde haben mir gesagt, wie privilegiert ich bin. Aber auf mich kommen auch Herausforderungen zu. Ich werde meinem Sohn nicht bei den Schularbeiten helfen können. Ich muss verstehen, wie das deutsche System, die Kultur funktionieren. Meine einzigen Begegnungen damit finden durch ihn statt. Es wird auch immer mehr zum Problem, dass ich nicht Deutsch spreche. Meine eigene Umgebung ist sehr international, sie machen es mir leicht. Ich kann weiter Englisch sprechen, treffe nicht auf die Hardcore-Deutschen. Ich bin unter dem Schutzschirm des Gorki.

Ilan Ronen: Das ist einzigartig. Ein internationales Theater. Und je mehr internationale Projekte es gibt, desto mehr Solidarität entsteht in der Gesellschaft.

Yael Ronen: Das Gorki hat es geschafft, dass ein migrantischer Hintergrund als cool gilt. Hier findet die Party statt.

In dem Stück „Hakoah Wien“ sagen Sie, Michael, den Satz: Wie kannst du erkennen, wann dein Land nicht mehr deine Heimat ist? Sie sprechen mit Ihrem Großvater, der während der Nazizeit erkannte, dass Österreich nicht mehr seine Heimat war. Hat es für Sie diesen Moment in Bezug auf Israel gegeben?

Michael Ronen: Ich war glücklich mit Israel. Das änderte sich mit dem Armeedienst. Ich war in einer Kampfeinheit in den besetzten Gebieten während der Zweiten Intifada 2002/2003. Ich sah Dinge, von denen ich nichts ahnte. Das war ein Schock. Ramallah ist nur eine halbe Stunde von Tel Aviv entfernt, aber es liegen Welten dazwischen. Unsere Gesellschaft, also auch meine Familie, ist sich dessen nicht wirklich bewusst. Es wird vor einem versteckt.

Haben Sie Israel deshalb verlassen?

Michael Ronen: Nein, ich wollte etwas von der Welt sehen.

Sie sind dann in Berlin geblieben. Michael. Warum?

Michael Ronen: In Berlin geschieht etwas sehr Besonderes. Libanesen, Syrer, Israelis kommen hierher, treffen sich, finden zusammen. Es entsteht so etwas wie ein neuer Naher Osten. Daraus ergibt sich ein Potenzial für den wirklichen Nahen Osten.

Ilan, Yael, haben Michaels Armee-Erfahrung Ihr Israel-Bild erschüttert?

Yael Ronen: Michael ist naiv, wenn er glaubt, dass wir davon nichts mitbekommen haben, dass wir dem nicht ausgesetzt waren.

Ilan Ronen: Ich stehe der Armee mit gemischten Gefühlen gegenüber. Zum einen leben wir in einer Region mit vielen gewalttätigen Auseinandersetzungen und ich glaube immer noch daran, dass diese Armee dazu da ist, Israel zu verteidigen. Aber die Gesellschaft und auch die Armee haben sich verändert.

Inwiefern?

Ilan Ronen: Je länger die Besatzung dauert, desto stärker werden Armee und Gesellschaft korrumpiert. Die Besatzung tut den Israelis nicht gut. Als Eltern finden Sie sich in einer seltsamen Lage wieder. Wir waren nicht glücklich darüber, dass Michael in die besetzten Gebiete geht, aber wir haben es auch nicht verhindert. Der Armeedienst ist Teil unseres Lebens.

Yael Ronen: Es ist Teil des Mythos, was ein Israeli ist, was deine Pflicht als Bürger ist.

Michael Ronen: Es ist eine Schande, wenn jemand nicht geht. Das ist das Problem.

Ilan Ronen: Es ist nicht wirklich eine Schande. Aber schau dir an, was in Frankreich passiert ist, der Überfall auf den koscheren Supermarkt. Das und die Tatsache, dass viele europäische Juden nach Israel einwandern, machen Israel für Juden wieder stärker zu dem einen sicheren Ort.

"Netanjahu muss die Probleme in Israel lösen"

Netanjahu hat die französischen Juden vor kurzem mit Nachdruck zur Auswanderung aufgefordert.

Yael Ronen: Bei uns gibt es ja nur alle zwei Jahre einen Krieg.

Ilan Ronen: Unsere derzeitige Regierung, die rechts und nationalistisch ist, manipuliert sehr stark. Die Tatsache, dass mein Premierminister, jetzt, wo Wahlen bevorstehen, nach Frankreich reist, um neben anderen Staatschef auf einer Demonstration in erster Reihe abgelichtet zu werden, gefällt mir nicht. Er muss die Probleme in Israel lösen.

Yael Ronen: Es ist lächerlich, ihn für freie Meinungsäußerung protestieren zu sehen, während in Israel Meinungen unterdrückt werden. Künstlerischen Events wird mit Entzug der Gelder gedroht, wenn sie heikle Themen ansprechen. Jede kritische Äußerung wird sofort als linksradikal abgestempelt. Es wird eine Atmosphäre geschaffen, in der Menschen Angst haben, die Regierung zu kritisieren.

Ilan Ronen: Die Dritte Generation sieht vieles anders als die, die an der Macht sind. Sie wollen nicht unter einem Konflikt leiden, der nicht mehr der ihre ist.

Wie könnte eine Lösung aussehen?

Michael Ronen: Ich habe einen Vorschlag. Wir nennen es nicht mehr das Land der Juden. Wir nennen es das Land der Unterdrückten oder noch besser, Land der Diaspora. Dann wären wir für alle Unterdrückten, auch für Palästinenser oder Sudanesen und andere offen.

Yael Ronen: Da gibt es nur ein Problem: Israel ist zu klein und hat zu wenig Wasser.

Michael Ronen: Vielleicht können wir uns mit den Nachbarländern einigen und die Ressourcen teilen. Das Problem ist doch, dass wir uns immer als einzigartig wahrnehmen und uns von anderen Bedürftigen distanzieren. Vielleicht sollte man das Konzept „Land der Juden“ aufgeben. Vielleicht ist die Lösung, dass wir keinen Sonderweg für die Juden verlangen. Wenn ich mit Palästinensern spreche, sagen sie: Das Problem hat damit begonnen, dass dein Großvater hierhergekommen ist. Tatsächlich haben die Juden, die in den 1930er Jahren nach Palästina gekommen sind, keine Projekte mit den Palästinensern gemacht. So hat die Teilung begonnen. Vielleicht müssen wir die jüdische Identität neu definieren.

Ilan, wie müsste sich Israel verändern, dass auch Sie es verlassen?

Ilan Ronen: Ich kann Israel nicht verlassen. Ich bin Teil dieses Israel, wurde im Kibbuz geboren. Wir waren die neue Generation, die, die keine Geschichte hatte, nur eine Zukunft. Wir waren die neuen Juden. Ich verstehe, dass die Kinder weggehen. Israel ist sehr isoliert. Meiner Familie habe ich immer vorgelebt, sich nicht abzuschotten, sich nicht politisch vereinnahmen zu lassen. Wir müssen uns öffnen. Natürlich mache ich mir Sorgen über das, was bei uns passiert. Ich hoffe sehr, dass die Wahlen etwas verändern besonders was den israelisch-palästinensischen Konflikt angeht.

Michael Ronen: Jüdisch zu sein bedeutet für mich, in einer Heimweh-Situation zu leben. Das hat für Juden 2000 Jahre lang funktioniert. Was mein Großvater gemacht hat, war eine Antwort darauf, was Eure Großväter aus diesem Land, diesem Kontinent gemacht haben. Aber die Welt ändert sich, Grenzen verändern sich, Identitäten ändern sich.

Ilan Ronen: Meine Kinder sind auf einer Reise.

Michael Ronen: Du auch.

Ilan Ronen: Lass mich in Ruhe. – Sie sind Teil dessen, wie sich die Welt verändert. Es hat auch mit eurem Beruf zu tun. Ihr beide erforscht das Leben, weil ihr Künstler sei. Es ist eine lange Reise. In den Tag hoffentlich, nicht in die Nacht.

Yael Ronen: Lange habe ich es nicht als Option gesehen, im Ausland zu leben. In Israel bekommt man gesagt: Jetzt funktioniert es vielleicht, aber es kommt der Moment, in dem dir klar wird, dass du die falsche Wahl getroffen hast. Ich habe das im Hinterkopf. Dass ich mich nicht wirklich hier niederlassen, meinen Sohn hier nicht aufwachsen lassen kann. Dass der Tag kommt, an dem jemand auf ihn zeigen und sagen wird: Du bist Jude, du gehörst hier nicht her.

Das Gespräch führten Kerstin Krupp und Susanne Lenz