blz_logo12,9
Berliner Zeitung | MDR Fernsehen: Einer boxt sich durch
07. November 2012
http://www.berliner-zeitung.de/3785496
©

MDR Fernsehen: Einer boxt sich durch

Christian Ulmen und Nora Tschirner ermitteln im Auftrag des MDR.

Christian Ulmen und Nora Tschirner ermitteln im Auftrag des MDR.

Foto:

dapd/Clemens Bilan

Der Mann, der unter einem dieser Plakate mit dem „Tatort“-Fadenkreuz sitzt, lehnt sich entspannt zurück. Neben ihm sitzen Nora Tschirner und Christian Ulmen, die sich für die Presse ein witziges Wortgeplänkel liefern. Die beiden sollen als „Kira Dorn“ und „Herr Lessing“ das Kommissarduo im künftigen Weihnachts-„Tatort“ des MDR spielen. Der Mann unter dem Fadenkreuz muss da gar nicht viel machen. Erst ganz zum Schluss überreicht er den Schauspielern ein „Tatort Weimar“-T-Shirt – er ist schließlich gewissermaßen ihr Auftraggeber, der Mann, der am Ende das Sagen hat.

Der Mann ist Wolf-Dieter Jacobi, seit ziemlich genau einem Jahr Fernsehdirektor des Mitteldeutschen Rundfunks. Dass es in der ARD, in der jeder Sender um Mittel und Plätze kämpft, überhaupt möglich war, einen „Tatort“ über den Plan hinaus anzugehen, ist für ihn keine Selbstverständlichkeit. Aber er fand das Konzept für das Weimarer „Tatort“-Duo Tschirner/Ulmen so wunderbar, dass der MDR der ARD-Degeto zusätzliche Mittel abrang.

Schon das Zustandekommen des Projektes war etwas Besonderes: Denn der MDR hatte die Produktion neuer „Tatort“ und „Polizeirufe“ ausgeschrieben – und fast einhundert Ideen auf den Tisch bekommen. Sowohl beim Erfurter „Tatort“ als auch beim Weimarer Spezial-Krimi kam nicht etwa, wie bisher, die hauseigene Produktionsfirma Saxonia zum Zuge. Obwohl solch eine Ausschreibung vom Sender viel zusätzlichen Aufwand verlangt, soll dieses Prinzip ausgeweitet werden. Bei allen Projekten mit einem Budget von mehr als 50.000 Euro, bei denen der MDR die Urheberschaft besitzt, wird künftig im Angebotsverfahren nach den besten Produzenten gesucht.

Enthusiastische Gründungsphase

Das ist nur eine von vielen Baustellen, die Fernsehdirektor Jacobi derzeit einen Arbeitstag von 12 bis 14 Stunden bescheren. Wenn er spätabends in seine kleine Leipziger Unterkunft kommt, will er kein Fernsehen mehr sehen. Zur Familie in Radebeul schafft er es meist nur am Wochenende. Motivierend wirkt der Blick zurück: Gern erinnert sich der 47-jährige Jacobi an den Enthusiasmus der Gründungsphase des MDR. Nach dem Studium hätte er seine Laufbahn als Sportreporter in Berlin-Adlershof beginnen können. Doch der gebürtige Sachse, der seine Jugend in Berlin verlebt hat, ging zum Landessender Dresden. In einer ehemaligen Betriebsgaststätte baute Jacobi mit wenigen Mitstreitern schon vor MDR-Gründung das Regionalfernsehen in Sachsen auf: „Anfangs hatten wir nur ein Telefon für alle.“

Ob als Reporter oder Moderator, Jacobi probierte alle Genres aus. Gut zehn Jahre lang, über tausend Mal, moderierte er das Landesmagazin „Sachsenspiegel“, bis er 2001 Fernsehchef im Landesfunkhaus Dresden wurde. Im Jahre 2005 bewarb er sich dann kurzerhand um die Nachfolge des geschassten MDR-Sportchefs Winfried Mohren, der Sport-übertragungen privat vermarktet hatte – und wurde genommen.

Als Reporter der Box-Übertragungen war Jacobi noch bis Sommer 2011 in der ARD zu hören. „Ich hab schon mit vier Jahren am Boxring gesessen und an meinem zehnten Geburtstag meinen ersten Boxkampf bestritten – das prägt“, erzählt Jacobi, der es in seiner Jugend bis zum Berliner Meister gebracht hatte. Die umstrittenen ARD-Boxübertragungen verteidigt er: „Dort stehen allesamt Hochleistungssportler – sonst würden sie keine Runde überstehen.“ Vom Mikro verabschiedete er sich, als er MDR-Fernsehchef wurde. Noch bevor er den Posten antreten konnte, wurde er nebenbei Unterhaltungschef – Vorgänger Udo Foht musste nach einem Skandal um undurchsichtige Finanzgeschäfte gehen.

Quote bleibt stabil

Inzwischen ist die Affäre Foht Angelegenheit der Staatsanwaltschaft, und der MDR versucht, mit einem neuen Regelwerk ähnliches zu vermeiden. Aufwendiger ist die Transparenz auf jeden Fall – wo früher einer entschied, muss nun viel mehr dokumentiert und kontrolliert werden. Dazu hat sich der MDR technisch neu sortiert: Von einem zentralen News-Desk sollen Fernsehen, Radio und Online profitieren.

Auch die Zuschauer des MDR mussten sich an Neues gewöhnen – und auf Vertrautes verzichten. Die Streichung einiger Sendungen, meist im Unterhaltungsbereich, bescherte dem neuen Fernsehchef Waschkörbe voller Protestbriefe. Als er entschied, die „Wernesgrüner Musikantenschänke“ nach zwanzig Jahren nicht mehr im MDR-Fernsehen zu zeigen, wurde er von Lokalpolitikern für den Verlust von 60 Arbeitsplätzen im Vogtland verantwortlich gemacht. Doch sowohl Intendantin Karola Wille als auch der Rundfunkrat stehen zu ihrem Fernsehdirektor.

Für Jacobi ist die Einstellung von Traditionssendungen eine rationale Entscheidung: „Sonst hat der Sender doch keine Mittel für Neues.“ Rückblickend hat es ihn doch überrascht, wie hochemotional viele reagierten, welch großen Stellenwert viele Zuschauer langjährigen Moderatoren in ihrem Leben eingeräumt hatten. Trotz des Abgangs vertrauter Figuren blieb die Quote stabil: Mit 8,4 Prozent Marktanteil liegt der MDR 2012 unangefochten an der Spitze der Dritten Programme. An Tagen von Fußball-Champions-League holt der MDR mit Dokumentationen Quoten über zehn Prozent, sagt Jacobi stolz.

Innerhalb der ARD aber ist der MDR immer noch ein publizistisches Leichtgewicht: So stammten in den letzten Jahren gerade mal fünf der über 200 „Tagesthemen“-Kommentare vom MDR. Der neue Fernsehdirektor wird noch viel Kondition brauchen, damit der MDR, der in seinem Programm so gern das ostdeutsche Wir-Gefühl pflegt, auch hier mal als „Stimme des Ostens“ auftreten kann.