Neuer Inhalt
Berliner Zeitung | „Dschungelcamp“: Sex, Stress und jede Menge Schuld
20. January 2014
http://www.berliner-zeitung.de/847536
©

„Dschungelcamp“: Sex, Stress und jede Menge Schuld

Dschungelcamp

Einige Dschungel-Insassen kennen die Filme von Porno-Sternchen Melanie Müller.

Foto:

RTL

Die Zusammenfassungen von „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ gibt es bei uns als Brief. Weil: drüber schreiben und sich austauschen hilft. Annika Leister, Martin Weber und Philip Sagioglou wechseln sich ab mit ihrer Dschungel-Kritik.

Lieber Martin, Lieber Philip,

ich habe ein schlechtes Gewissen. Denn meine Larissaphobie hat mich egoistisch werden lassen, kalt den Emotionen anderer gegenüber, ich habe nur noch das Bedürfnis mich selbst zu schützen vor dieser nervenzerrüttenden, sich ständig wiederholenden One-Woman-Show.

Am Ende von Tag zwei lag ich in Fötus-Stellung vor dem Fernseher und verfluchte RTL, weil die höchstens einen anderen Insassen einblenden, wenn Winfried Glatzeder seinen Penis zur Waschung trägt. Und ich habe das Publikum verflucht, ohja, zumindest das engagierte Publikum, das tatsächlich zum Telefon greift und nur Larissa, Larissa, Larissa zur Dschungelprüfung wählt.

Denn das ist der einzige Punkt, an dem ich dir widersprechen muss, Martin: Sicher, man wählt den, den man doof findet, weil man ihn quälen will. Aber in diesem Extremfall?! Da müsste doch der Selbstschutz einsetzen, man müsste sogar eher Mauerblümchen Corinna Drews oder Marco Angelini, dem Unsichtbaren, die Stimme geben – nur, damit Larissa Marolt wenigstens für die Dauer dieser einen Prüfung aus dem Bild ist.

Geteiltes Leid ist halbes Leid

Nichts, nicht einmal meine frisch entflammte Liebe zu Melanie Müller, half gegen diese Wut, diese Angst, diese Larissa. Da musste ich, die Arme immer noch in Fötus-Stellung um meine Knie geschlungen, an das Sprichwort denken, das uns auch zu unserem Briefwechsel bewegt hat: Geteiltes Leid ist halbes Leid. Der Grund für mein schlechtes Gewissen ist allerdings, dass ich nicht irgendwen anrief, sondern meinen guten Freund Pete (Name aus Freundschaftsgründen geändert), der als einziger Mensch, der mir bekannt ist, auf meine Frage mit der Gegenfrage antworten konnte: „Was ist denn das, das Dschungelcamp?“  

An dieser Stelle muss ich wohl kurz erklären, wie es dazu kommen kann, dass es in Deutschland tatsächlich noch rare Exemplare gibt, die nie eine Folge dieses Medien-Hypes gesehen haben, denen sogar das gesamte Konzept unbekannt ist. Ein paar Beispiele helfen vielleicht weiter: Pete ist Ende 20 und besitzt seit Jahren keinen Fernseher. Stattdessen konsumiert Pete in bewegten Bildern vor allem wissenschaftliche Vorträge auf Youtube, Filme mit einem IMDB-Rating über acht Punkten und Physik-Dokumentationen, die mich sofort in Tiefschlaf fallen lassen.

Pete weiß alles über Bach, Brahms und die Beatles, hat aber – ganz ehrlich! -  keine Ahnung, wer Miley Cyrus, Jay Z oder Helene Fischer sind, er könnte nicht einmal ihren Beruf erraten.

Winfried ist Porno-Fan

Nur einen von den Kandidaten im Camp zu kennen, davon ist Pete so weit entfernt, wie der Wendler vom Echo, um unser Moderatorenduo zu zitieren. Dieses Nicht-Wissen ist Pete bewusst, es ist ihm aber vollkommen egal. Denn Pete interessieren Konventionen ungefähr so sehr, wie Winfried Glatzeder der nächste Wahnsinnsanfall von Larissa, wofür ich beide heiß und innig verehre.

Stimmt, diese Plakate mit den verschwitzten, weinenden Menschen an den Bahnhaltestellen, doch, die habe er gesehen, sagt Pete. Und willigt ein, mir zuliebe, zu seiner ersten Folge Dschungelcamp. „So schlimm kann das ja nicht werden“, sagt Pete zuversichtlich. Ich sage lieber nichts.

Und dann hat mich das Dschungelcamp überrascht. Beziehungsweise Larissa, die dieses Camp ja bisher zu 99 Prozent bestimmte. Denn sie war am Sonntagabend so still, so zurückhaltend, beinahe NORMAL, dass das Lager im Kamera-Wald so malerisch wirkte wie ein ZDF-Weihnachtsmärchen.

Jochen Bendel veranstaltete mit dem Wendler eine private Therapiesitzung („Du bist so sensibel, du kannst so schüchtern sein“), Winfried Glatzeder versuchte als geübter Kriminalist („Ich hab ja genug Tatorte gemacht“) mehr über die erotische Vergangenheit der Melanie Müller zu erfahren. Dabei outete er sich, wenig überraschend, als Fan guter Pornos. Etwas überraschender gab auch Mola Adebisi zu, einen der Melanie-Müller-Filme zu kennen. „Leider Gottes“ habe er da „ein paar Ausschnitte gesehen“. Ist schon okay, Mola, ein Porno ist kein Weltuntergang.

Alkohol hilft nicht

Ein bisschen Sex, ein bisschen Stress, wenig Larissa – für mich war diese Folge lauwarmer Balsam für die gequälte Seele. Für Pete aber, den Unerprobten in Sachen Trash, war es die Hölle. Im Fünf-Minuten-Takt verabschiedete er sich in die Küche, um Tee zu kochen, Wein zu entkorken, nachzuschenken, nachzuschenken. Doch aller Alkohol half nicht.

Da war am Anfang der Wendler in seiner erotischsten Form, der sich, immer mit dem Hinterteil in der Miniatur-Badehose voran, in der Sonne fläzte (Pete: „Warum ist der Typ die ganze Zeit nackt? Die dürfen doch Shorts tragen, oder?“). Dann war da Gabby, die stolz erklärte, dass sie weiß, was DDR bedeutet (Pete: „Du weißt, dass ich das hier nur für dich mache, ne?“).

Und das Duo Zietlow/Hartwich mit ihren viel gelobten Moderationen, die Pete noch vor der nicht zu bewältigenden Dschungelprüfung als die „größte Erniedrigung überhaupt“ analysierte.

Petes körperlicher Zustand, nach dem ich mich vorsichtshalber regelmäßig erkundigte, als er immer stiller wurde, verschlimmerte sich von „Herzrhythmusstörungen“ nach 30 Minuten hin zu „Krämpfen“ nach einer Stunde. Pete hatte die Fötus-Stellung erreicht - und mein schlechtes Gewissen war nicht mehr zu bändigen. Ich Monster, hatte dieses reine Geschöpf in den Trash gezerrt.

 Nichts kann ungeschehen machen, was ich Pete angetan habe. Aber habt ihr vielleicht Vorschläge, wie ich mich entschuldigen könnte? Ich habe gegrübelt, aber ganz ehrlich – mir fällt nichts ein, das reichen würde.

Schuldige Grüße

Eure Annika

 

PS: Achja, Larissa muss übrigens zur nächsten Dschungelprüfung.