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„Team Wallraff“: Der Staat macht lieber die Augen zu

Günter Wallraff

Der Journalist und Autor Günter Wallraff

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dpa

Köln -

Jetzt soll bloß keiner kommen und sagen: Das sind doch alte Kamellen, das haben wir doch alles schon gewusst, wie miserabel die Arbeitsbedingungen in der Sicherheitsbranche sind. Wozu brauchen wir da noch einen Günter Wallraff und ein Team von RTL mit Reportern, die Undercover ermitteln?

Weil das Wallraff-Team jenen entscheidenden Schritt weiter gehen kann, dem man einem Privatsender wie RTL gar nicht zugetraut hätte. Die Recherche als Wachmann in einem der größten Flüchtlingsheime in Hamburg zum Beispiel, der unfassbare Druck, die Angst davor, rausgeschmissen zu werden aus einen Job, der 8,50 Euro die Stunde bringt und Extraschichten ohne Ende. „Wenn Du nicht spurst, kriegst Du keine Vertragsverlängerung.“ Das Team Wallraff beschreibt nicht bloß das Dilemma, es ordnet ein, weil hier Opfer auf Opfer treffen, die Schwachen, die gezwungen sind, ihre miesen Lohn durch Hartz IV aufzustocken und plötzlich Flüchtlinge bewachen müssen, die vermeintlich mehr haben als sie. „Das entsetzt einen, das macht einen hilflos, auf Dauer macht das einen Menschen fertig“, sagt Günter Wallraff.

Und es entsetzt einen, wie leicht es offenbar in Deutschland ist, als Sicherheitsmann nach einer dreitägigen Schulung in schrottreifen Geldtransportern Hunderttausende Euro durch die Gegend zu transportieren. Mit einer scharfen Waffe und einem Waffenschein, den man in einem 72-Stunden-Crashkurs erworben hat und von dem selbst der Ausbilder sagt, dass ihn angst und bange wird, wenn er da auf die Straße schickt. Ohne Dienstkleidung, ohne schusssichere Westen, ohne Training für das Verhalten bei Ernstfällen. Für einen Grundlohn von 7,25 Euro.

Aber der Staat macht lieber die Augen zu. Im Jobcenter Frankfurt müssen die Mitarbeiter der Sicherheitsdienste, die auf den Gängen aufpassen, dass nichts eskaliert, ihren kargen Lohn selbst mit Hartz IV aufstocken. Die Bewacher des Jobcenters sind gleichzeitig Kunden desselben. Das ist ein Skandal und Wallraff liefert den Beweis. Auch wenn es in der offiziellen Stellungnahme des Jobcenters heißt: Wir zahlen Tariflöhne und im Übrigen ist der Auftraggeber für den Sicherheitsdienst die Bundesagentur für Arbeit. Als ob es das besser machen würde.

Weiter so. Für das Team um Günter Wallraff gibt es noch viel zu tun. Und wenn die Boulevard-Verpackung seiner Undercover-Recherchen nervt, der kann ja mal von seinem Recht als Gebührenzahler Gebrauch machen und bei den öffentlich-rechtlichen Sendern anfragen, warum sie dieses Feld kampflos den Privaten überlassen? Samt der guten Einschaltquoten.



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