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„Brauchen wir Zeitungen?“: Täglich 24 Minuten Zeit zum Lesen

Regionalzeitungen erreichen in Deutschland immer noch mehr Menschen als Fernsehsender.

Regionalzeitungen erreichen in Deutschland immer noch mehr Menschen als Fernsehsender.

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Berliner Zeitung/Markus Wächter

Vor eineinhalb Jahren wurden 120 ehemalige Tageszeitungsleser in Berlin, Hamburg und Leipzig befragt, warum sie ihre Zeitung abbestellt haben. „Es gab immer öfter Berichte in der Zeitung, die mich nicht interessieren,“ beklagten sie. Oder: „… konnte oft nicht erkennen, was wirklich wichtig … ist.“ Und: „Oft stand in den Berichten nur das, was ich schon vom Radio oder Fernsehen wusste.“ Bemängelt wurde zu viel Irrelevantes, Oberflächlichkeit, zu wenig Eigenleistung und Recherche. Ist die Lokalzeitung am Ende?

„Brauchen wir Zeitungen?“ fragt der ehemalige Journalismus-Professor Michael Haller in einem Buch mit diesem Titel. Die Frage ist rhetorisch gemeint. Regionalzeitungen gehören immer noch zur Grundausstattung, um Bürger zu informieren und die Willensbildung in unserer Demokratie zu leisten. Haller stützt sich auf zehn Jahre Arbeit als Direktor des Instituts für Praktischen Journalismus- und Kommunikationsforschung (IPJ) in Leipzig. Er hat dabei viele hilflose Versuche beobachtet.

Regionale Tageszeitungen verlieren kontinuierlich an Auflage und machen das Internet dafür verantwortlich, dass Anzeigen und Leser abwandern. Haller argumentiert, dass der Schwund schon lange vor dem Internet einsetzte und Zeitungen sich selbst in Gefahr brächten, weil sie die Bedürfnisse ihrer Leser vernachlässigten. Sie seien selbst schuld an ihrer Krise. Dabei erreichten Regionalzeitungen in Deutschland immer noch mehr Menschen als Fernsehsender.

Vor einigen Jahren propagierte Haller journalistisches Erzählen, versammelte in Leipzig Edelfedern aus dem In- und Ausland. Davon ist er offenbar abgekommen. Das Reporterforum, in dem sich die Edelfedern um Cordt Schnibben vom Spiegel organisiert haben, ist ihm inzwischen suspekt. Schnibben hat im Sommer eine Serie zur Zeitungskrise veröffentlicht und als Resultat eine App für eine Abendzeitung entwickelt. Haller findet das den falschen Ansatz, weil sie „praktisch nur Services und Feierabend-Entertainment anbietet“. Die Mehrheit der Leser, sagt er unter Verweis auf seine Forschung, wolle etwas anderes, nämlich Relevanz und Orientierung am Morgen. Immerhin sehen beide in der App die Zukunft der Tageszeitung. Und beide wissen, dass Zeitungen vor allem junge Leute zum Lesen bringen müssen.

Während der Journalist Constantin Seibt vom Tagesanzeiger in Zürich mit seiner Kolumne Deadline Stil und Haltung predigt, den Dreispalter elegant verdammt und unter Kollegen dafür viel gepriesen wird, nennt Haller ihn einen Egomanen und Dampfplauderer. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen Schnibben, Seibt und ihm gingen allerdings „deutlich tiefer als nur darum, ob eine App zum Frühstück oder zum Feierabend kommt oder ob man schöne Geschichten erzählt oder nicht.“ Schönschreiber hätten ihren Platz, allerdings dürfe man ihnen nur die Beilagen überlassen. Übernähmen sie auch die Hauptaufgabe, dann gerieten Zeitungen tiefer in Gefahr, weil sie zu wenig Information und Orientierung böten.

Es sei falsches Wunschdenken von Journalisten, dass Zeitungsleser im „Internetzeitalter“ in der Tageszeitung lieber Erzählgeschichten finden möchten als aktuelle und „hart“ recherchierte Nachrichten. Datenanalysen zeigten, dass es den Leuten (egal, ob 30 Jahre oder 60 Jahre alt), auf den Inhalt ankomme: Viele Ereignisse wollten sie nachichtlich-berichtend vermittelt haben nach klassischen journalistischen Kriterien wie Aktualität und Relevanz.

Lokalzeitungen reagierten hilflos auf die Krise, sagt Haller. Die Abendzeitung in München ist ihm zufolge das Beispiel einer Zeitung, die sich selbst überflüssig gemacht habe, weil sie zu wenig Orientierung in den wirklich wichtigen Fragen biete. Ähnlich erginge es dem Hamburger Abendblatt, das dramatisch an Lesern verliere.

Vor zehn Tagen meldete der Donaukurier in Ingolstadt auf Seite eins unterm Aufmacher zur Krimkrise dreispaltig, dass ein Landwirt den eigenen Enkel überrollt habe – „um ein Haar“ hätte er ihn beim Rückwärtsfahren übersehen. Der einjährige Bub wurde ins Krankenhaus gebracht; dort konnte man keine Verletzungen feststellen und schickte den Vater mit dem Kind wieder nach Hause. Ein typisches Beispiel für den zwanghaften Versuch, lokalen Ereignisse Bedeutung zu verleihen und sie auf Seite eins zu holen. Lesern sei aber egal, ob solche Nachrichten auf Seite eins oder Seite 25 stehen. Einziger Effekt sei, dass die Leser ihr Blatt als provinziell wahrnehmen.

Wie kann die Tageszeitung Geltung zurückgewinnen? Besser Ausgebildete wollten ihren Berufsalltag mit einer „Übersicht“ über das relevante Geschehen beginnen - und nicht beschließen. Dafür hätten sie im Durchschnitt 24 Minuten täglich Zeit. Die Vorschläge Seibts mündeten „in die Nische des Zeitgeist- und Gonzo-Journalismus“. Die echten Zukunftsprobleme seien „völlig andere“.

Medienkompetenz bedeutet für Haller, die Kulturtechnik „Zeitung-Lesen“ zu erwerben. Denn viele Jugendliche könnten nicht mehr sagen, wo der Unterschied zwischen einem Bericht und einem Kommentar liegt. Bei einem Test in Hamburg und Leipzig mit Berufschülern, denen sechs Zeitungstexte vorgelegt wurden, hielten 66 Prozent den Sachbericht für eine Meinungsäußerung und 59 Prozent den Kommentar für einen Sachbericht. Sie verstehen also die Technik nicht, die zu den Grundlagen der politischen Willens- und Meinungsbildung gehört.

Haller macht deshalb zehn Vorschläge, die alle in eine ähnliche Richtung gehen. Er will die Lesekompetenz von Jugendlichen fördern. Verlage sollten Kindern in Vorschule und Schule mit Zeitungen vertraut machen. Dafür seien auch Gratis-Abos sinnvoll und Förderprogramme.

Michael Haller: Brauchen wir Zeitungen? Halem-Verlag, 248 Seiten, 18 Euro.



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