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Berliner Zeitung | TV-Kritik zur WM-Sendung: Peinliche Kaffeesatzleserei bei Illner
11. July 2014
http://www.berliner-zeitung.de/1481434
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TV-Kritik zur WM-Sendung: Peinliche Kaffeesatzleserei bei Illner

Maybrit Illner

Maybrit Illner

Foto:

ZDF und Carmen Sauerbrei

Frankfurt -

Israel führt gerade Krieg gegen den Gazastreifen, wo vor allem  Zivilisten die Opfer sind. Der Irak steht vor der Teilung in drei Staatsgebiete. Im Sudan sterben die Menschen „wie die Fliegen“, titelte die FR kürzlich. Von dem Bürgerkrieg in Syrien gar nicht zu reden –­ oder doch: Europa streitet nun vor allem darum, wer mehr Flüchtlinge aufnehmen sollte, müsste, könnte.

In Deutschland selber blamiert sich die Kanzlerin zusehends, weil sie von ihren US-amerikanischen Freunden mit zweitklassigen Spionen  bloßgestellt wird, das aber so nicht zu sagen wagt, und nur den CIA-Chef in Berlin nach Hause schickt. Und ihre nassforsche Verteidigungsministerin, die vermutlich ihre Nachfolgerin werden will, liebäugelt mit der Anschaffung bewaffneter Drohnen für die Bundeswehr, damit die unsere Freiheit künftig effektiver todbringend verteidigen könne (aber wo bloß?).

Ein Klischee nach dem anderen

Es gibt also offensichtlich ein paar Themen, die diskutiert werden könnten, durchaus auch in einer der Talkshows des deutschen Fernsehens, die gemeinhin und nicht ganz zu Unrecht  im Verdacht stehen, Plattformen für die immer gleichen Selbstdarsteller zu bieten statt konstruktive Auseinandersetzung mit dem, was die Nation, die Welt bewegt.

Aber da haben wir doch noch was, was die Welt bewegt, und sogar was Positives, hat dann wohl ein findiger Redakteur beim ZDF in der Mainzer Provinz gesagt, sich das Leibchen der Nationalelf übergestreift, ist in die Redaktionskonferenz geeilt und hat vorgeschlagen: Lasst uns was zur WM machen, wir stehen doch im Finale! Und so geschah es. Man wäre gerne bei dieser Entscheidungsfindung dabei gewesen, nur um zu wissen, ob es da den einen oder die eine gegeben hatte, die noch alle Kekse in der Dose und sich gegen diesen Unfug ausgesprochen hatte. Selbst wenn: Es half nichts. "Alles oder nichts – wird Deutschland jetzt Weltmeister?" hieß dementsprechend das Motto der Sendung, und mit „nichts“ muss dann ja der zweite Platz gemeint sein – schon das mehr als fragwürdig. Und Illners Eingangssatz, ob die Nationalelf bei einer Finalniederlage als „Meister der Herzen“ heimkäme, machte es nicht besser.

Am Ende waren sich alle einig

Es wurde dann im Laufe der Sendung kaum ein Satz gesagt, kaum eine Frage gestellt, die nicht schon dutzendmal zuvor zu hören waren. Die Moderatorin spulte ein Klischee nach dem anderen ab, etwa das  von  Medien mit Niveau unter der Grasnarbe gern strapazierte Thema der „Rache“ für irgendeine vor Jahrmillionen gespielte Begegnung. Dass vermeintliche Experten wie Felix Magath oder Thomas Berthold  zugaben, sich mit ihren Vorhersagen geirrt zu haben, warf ein Licht auf die Kaffeesatzleserei rund um die WM.

Aber immer wieder hätte, so vorhanden, das Phrasenschwein gefüttert werden müssen, wenn etwa Journalist Hajo Schumacher – auch so ein Talkshow-Dauergast – erklärte, man fahre nicht zur WM, „um Zweiter zu werden“, oder sein Namensvetter, der ehemalige Nationaltorwart, seine Erkenntnis zum besten gab, dass man Erfahrungen selber machen müsse.  Angenehme Ausnahme: die Frau in der Runde, Nia Künzer, die offensichtlich in der Lage ist, eigene Gedanken zu formulieren. Aber am Ende waren sich alle einig: Deutschland wird gewinnen – wer  gewagt hätte, etwas anderes zu sagen, wäre vermutlich vom DFB exkommuniziert worden...

Stefan Niggemeier, längst der wichtigste Medienkritiker der Republik, hat jüngst nachgewiesen, wie das ZDF selbst sein journalistisches Aushängeschild, das heute journal, dem Fußball und damit der Quote opfert. Und jüngst wurde eine halbe Stunde Sendezeit mit einem Bericht über die Reaktionen auf den Fanmeilen vergeudet. Nur folgerichtig, dass sich auch Maybrit Illner dem Quoten-Diktat beugt. Auf dem Lerchenberg herrscht blanker Opportunismus.


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