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"Wem gehört die Stadt?" – Berlin TV-Doku zum Wohnungsmarkt: Von Zwangsräumungen und Makler-Castings

Diese Mieter wohnen noch im Haus, ihre Wohnungen werden angeboten.

Diese Mieter wohnen noch im Haus, ihre Wohnungen werden angeboten.

Foto:

SWR/kurhaus

Hunderte Demonstranten und Hunderte Polizisten stehen sich vor einem Mietshaus in Kreuzberg gegenüber, ein Hubschrauber kreist. Grund des martialischen Aufeinandertreffens: Eine Gerichtsvollzieherin soll eine Zwangsräumung vollstrecken und die Familie eines türkischstämmigen Malermeisters vor die Tür setzen.

Erst beim zweiten Anlauf wird die Räumung von der Polizei durchgesetzt. Berliner Zuschauer wissen, dass diese Aufnahmen nicht ganz neu sind: Ende 2012 scheiterte die erste Räumung, im Februar 2013 mussten Ali Gülbol und seine Familie tatsächlich die Wohnung verlassen.

In jenem Monat kürte die ARD auf einer Eigenwerbeshow namens „Top Of The Docs“ die Gewinner eines Wettbewerbs: Die Berliner Firma Fernsehbüro überzeugte mit seinen ersten Aufnahmen von „Europas heißestem Immobilienmarkt“ und durfte eine außerplanmäßige 90-Minuten-Doku über die Mieterverdrängung in der Hauptstadt produzieren.

Nun, anderthalb Jahre später, nachdem der Kampf ums „Betongold“ längst Dauerthema in den Medien ist, steht die „Top“-Doku endlich im ARD-Programm. Solch eine lange Wartezeit muss kein Makel sein, denn sie bietet die Chance, Entwicklungen deutlich zu machen. Allerdings fällt auf, dass das viele weitere Aufnahmen noch aus dem ersten Halbjahr 2013 stammen, etwa wenn der damalige Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg vor der Kamera steht.

Franz Schulz ist schon seit August 2013 im Ruhestand. Dies mag für Zuschauer in Süddeutschland unerheblich sein – aus Berliner Warte aber hätte man sich mehr aktuelle Beispiele gewünscht.

Über einen längeren Zeitraum treffen die Autoren Andreas Wilcke und Kristian Kähler ein Paar, das an der Hasenheide wohnt und entdeckt hat, dass die eigene Mietwohnung auf einem Immobilienportal zum Verkauf angeboten wird. Vor der Kamera stellen sie diese Entdeckung noch mal nach. Bald wird ihnen eine Modernisierung und damit die Verdopplung der Miete angekündigt. Auch die Auseinandersetzungen um die Bebauung des Freudenberg-Areals in Friedrichshain und das Schicksal der Familie Gülbol werden eine Zeitlang begleitet.

Geld und Mensch

Meist sitzen Mieter und Anwohner am kürzeren Hebel, verlieren vor Gericht. So summieren sich die Aussagen der Betroffenen zu einer Anklage der Verhältnisse. Der soziale Frieden sei in Gefahr, resümiert ein Mieteranwalt. Leider nehmen die Autoren in Kauf, dass nicht jedes Beispiel wirklich zur Anklage einer Vertreibung taugt: Der Malermeister Gülbol etwa, der hier wieder einmal zum Vorzeigefall gemacht wird, hatte jahrelang Mietrückstände auflaufen lassen und auch die Frist zur Nachzahlung nicht eingehalten – die Zwangsräumung wäre also auch von seiner Seite vermeidbar gewesen.

In ihrem pathetischen Untertitel „Wenn das Geld die Menschen verdrängt“ konstruieren die Autoren einen Gegensatz zwischen „dem Geld“ und „den Menschen“. Dabei ist das Geld an sich doch neutral: Vielmehr verdrängen Reichere Ärmere. Auch diejenigen, die sich eine Eigentumswohnung leisten wollen und jene, die sie bauen und verkaufen, haben ein Gesicht.

Das Plus dieser Reportage ist, dass alle Seiten zu Wort kommen, und dass die Autoren gegenüber den Immobilienmaklern und -käufern nicht gleich in einen anklagenden Ton verfallen. Die Zusammenfassungen werden dem Stadtsoziologen Andrej Holm überlassen, dessen prägnante Kommentare ganz ohne Demonstrations-Parolen und Makler-Prosa auskommen.

Selbst wenn der Film insgesamt das Thema vielleicht in zu viele Einzelaspekte auffächert, gelingen doch einige beredte Szenen. Ein cooler Norweger bietet einer schicken Italienerin eine Eigentumswohnung an der Karl-Marx-Allee an. Die Angestellten eines renommierten Berliner Maklerbüros reden stets von „Altmietern“, wenn sie die aktuellen Bewohner meinen. Das soll dem Kunden andeuten: Das Verschwinden dieser Leute ist im Plan inbegriffen.

Der turbulente Verkauf einer unsanierten Altbauwohnung zeigt aber auch, dass sich nicht nur fremde Investoren vom Run auf das „Betongold“ haben anstecken lassen: Die jüngeren Kaufwilligen aus der Mittelschicht, oft Familien mit Kindern, preisen sich gegenüber den Verkäufern wie auf einem Casting an und überbieten sich immer weiter. Einige kaufen schließlich teure Neubauwohnungen, für die Andrej Holm den schönen Begriff „gestapelte Vorstadtidylle“ gefunden hat.

Wem gehört die Stadt? Wenn das Geld die Menschen verdrängt, Dienstag, 19. August, 22.45 Uhr, Das Erste


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