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Berliner Zeitung | Abrechnung mit den Medien: Wulff-Interview stammte aus der Konserve
22. July 2014
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Abrechnung mit den Medien: Wulff-Interview stammte aus der Konserve

Bereits im Vorfeld sorgte das Gespräch mit Wulff für Debatten in der Redaktion. Danach erst recht.

Bereits im Vorfeld sorgte das Gespräch mit Wulff für Debatten in der Redaktion. Danach erst recht.

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dpa/Julian Stratenschulte

Es ist schon kurios, wenn ein derart abgehangenes Interview wie das des Magazins Der Spiegel mit Christian Wulff behandelt wird, als sei es taufrisch. Wieder ist die Medienschelte des ehemaligen Bundespräsidenten Thema, wieder müssen von ihm konstruierte Zusammenhänge zurechtgerückt werden, und am Donnerstag wird Wulff seine Sicht erneut ausbreiten, diesmal als Gast bei Maybrit Illners Talkshow im ZDF.

Doch Lesern der „Hausmitteilung“ auf Seite 3 des aktuellen Spiegel mag es aufgefallen sein: Dort steht, um die unterkühlte Gesprächsatmosphäre aufzulockern, sei das Interview für ein gemeinsames Spargel-Essen unterbrochen worden. Der Termin muss also vor dem Johannistag stattgefunden haben, danach gibt es keinen frischen Spargel.

Hausinterne Diskussionen

Genau so war es auch: Das Interview wurde in derselben Woche geführt, in der Wulff sein Buch „Ganz oben – ganz unten“ präsentiert hat. Das war am 10. Juni. Warum es erst jetzt, Wochen danach, erscheint, erklärt der Interviewer, Peter Müller, in einem Video auf Spiegel Online: Keiner der Beteiligten habe gewusst, ob das Interview jemals autorisiert werden würde. Wozu Müller nichts sagt, sind die hausinternen Diskussionen, die es schon im Vorfeld zwischen Chefredakteur Wolfgang Büchner und der Spiegel-Redaktion gab.

Als es darum ging, wer zu dem Termin mit Wulff gehen soll, hat sich Büchner dagegen ausgesprochen, dass diejenigen Spiegel-Redakteure das Interview führen, die für die damalige Wulff-Berichterstattung verantwortlich waren. Das bestätigen mehrere Quellen. Dazu muss man wissen, dass Büchner in jener Zeit, als in Sachen Wulff recherchiert worden ist, noch Chefredakteur der Deutschen Presseagentur war. Erst im vorigen September hat er seinen Posten bei dem Hamburger Magazin angetreten. Auf Nachfrage, welche Fehler er der Spiegel-Berichterstattung vorwerfe, nannte Büchner die Veröffentlichung von Wulffs Ansage auf der Mailbox des Bild-Chefredakteurs Kai Diekmann. Büchner fand, das habe die Privatsphäre verletzt.

Es ist nicht das erste Mal: Davon, was privat ist und was für die Öffentlichkeit relevant, hat Büchner ganz eigene Vorstellungen. Sie entsprechen jedenfalls nicht denen der Spiegel-Journalisten und auch nicht denen des Spiegel-Justiziariats. Doch Büchner blieb dabei: Autoren wie Jürgen Dahlkamp, Michael Fröhlingsdorf oder Dirk Kurbjuweit, die mehrere der Wulff-Artikel geschrieben hatten, würden die Gesprächsatmosphäre des als „Streitgespräch“ angekündigten Interviews vergiften. Diejenigen, die im Stoff sind, außen vor zu lassen und möglicherweise vor Wulff den Kotau zu machen, empfand die irritierte Redaktion bis hin zum Sportressort als Unding. Das teilte sie Büchner ohne Umschweife mit.

Geführt haben das Gespräch schließlich Christiane Hoffmann aus dem Berliner Büro, besagter Peter Müller und Büchner selbst. Trotzdem erschien es in der Ausgabe vom 16. Juni nicht. Stattdessen schrieb Kurbjuweit ein eher allgemeines Stück über „Die Welt, wie Christian Wulff sie sieht“. Erst jetzt, fünf Wochen später, hat Wulff das Interview doch noch autorisiert.

Was auf den sieben Seiten steht, auch, was darin nicht steht, führte in der Konferenz am vergangenen Montag erneut zu Debatten. Zum Beispiel durfte Wulff unwidersprochen behaupten, Spiegel-Redakteure hätten in Hannover „einer angeblichen Rotlichtvergangenheit meiner Frau hinterherrecherchiert“. Die mit der Berichterstattung damals betrauten Redakteure hätten richtigstellen können, dass der damalige Spiegel-Chef Georg Mascolo ausdrücklich angewiesen hatte, in dieser Sache nicht zu recherchieren. Seine Auffassung war unmissverständlich: Selbst wenn die Gerüchte sich als richtig erwiesen, würde es der Spiegel nicht veröffentlichen. Die Interviewer, die in die Berichterstattung damals nicht eingebunden waren, mögen das nicht gewusst haben – sie stellten es gegenüber Wulff jedenfalls nicht richtig. Ähnliches passierte bei weiteren von Wulffs Einlassungen.

Unklare Lage

Am Montag widersprach dann auch der Vorsitzende der Bundespressekonferenz Wulffs Behauptung, Journalisten hätten Merkel nach der beabsichtigten Einstellung von „Wetten, dass..?“ gefragt, nicht aber nach seinem Freispruch. Tatsächlich habe es am Tag des Wulff-Freispruches (27. Februar) keine Bundespressekonferenz gegeben, in der am 28. Februar sei in der Tat nicht nach Wulff gefragt worden, aber auch nicht nach „Wetten, dass..?“. „Der von Wulff konstruierte Zusammenhang existiert also nicht.“

Zurück zum Spiegel: Gefragt haben Redakteure am Montag auch, warum statt Wulff nicht der Abschuss des Flugs MH-17 über der Ukraine Titel der aktuellen Ausgabe geworden ist. Die Lage sei am Tag des Absturzes unklar gewesen, lautete die Antwort. Offensichtlich gab es in der Chefredaktion – Vize-Chef Klaus Brinkbäumer war im Urlaub – niemanden, der die Recherchen, auch ressortübergreifend, vorangetrieben hätte.