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„Anne Will“ zur Flüchtlingskrise: Linke und Konservative vertauschen ihre Standpunkte

Die Runde bei Anne Will

Die Runde bei Anne Will

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Screenshot ARD

Berlin -

Die etwas schnoddrig gestellte Frage, ob Angela Merkel noch die Kurve kriege, war schnell abgehakt bei Anne Will. Beantwortet wurde sie jedoch nicht. Dabei ist sie ja interessant und ziemlich berechtigt nach dem letzten Deutschlandtrend, in dem 81 Prozent der Befragten erklärt hatten, mit der Politik der Bundesregierung unzufrieden zu sein.

Was hätte wohl ein Vorstandsvorsitzender eines deutschen Unternehmens dazu gesagt, da die Wirtschaft doch Merkels Politik nach wie vor stützt und für den Kurs der Kanzlerin wirbt? Was hätte wohl der Bürgermeister eines kleinen Ortes dazu gesagt, in dem ein großes Flüchtlingsheim errichtet wurde? Was hätte ein Kommunikationsexperte dazu gesagt, dass die Kanzlerin ihre Politik den Deutschen offensichtlich nicht erklären kann?

Interessantes wurde nicht beantwortet

Das hätte man gerne gehört am Ende dieser durchaus unangenehmen Woche für Angela Merkel. Hätte. Stattdessen aber redeten Ursula von der Leyen, Hans-Ulrich Jörges vom „Stern“ und Oskar Lafontaine vom anderen Stern, nein, natürlich von der Linken. So weit, so bekannt. Peter Schneider, der Schriftsteller und Alt-68er, war auch da und sogar ein bisschen überraschend, aber dazu später.

Zunächst verleitete die Sendung dazu, über ein kleines Experiment nachzudenken. Wenn man einem gerade aus Aleppo geflohenen Syrer erklären wollte, wie seit einem Jahr über die Flüchtlingskrise in Deutschland geredet wird, und wer das vor allem tut - dann hätte man ihm sagen können: Merken Sie sich die Namen Jörges, Lafontaine und von der Leyen. Und Sie wissen schon ganz gut Bescheid. Dann sehen Sie sich die ersten zwanzig Minuten, die erste halbe Stunde dieser Talkshow an, und Sie wissen genau, was seit einem Jahr debattiert wird.

Das ist praktisch, kein Readers Digest, sondern eine Art Speakers Digest für Neuankömmlinge. In dem Moment, in dem Anne Will sagt: „Jetzt haben wir aber viel Rückschau“, gefühlt bei Minute 20, wäre die erste Unterrichtseinheit über Deutschland dann beendet.

Linker und konservativer Standpunkt kehren sich um

Und dann kommt Deutschland für Fortgeschrittene. Denn im Laufe der nächsten halben Stunde würde ein syrischer Flüchtling erfahren, dass sich die politischen Koordinaten in Deutschland ganz schön ins Gegenteil verkehrt haben. Waren die Linken früher bekannt für internationale Solidarität und die Rechten für die Anbetung nationaler Grenzen, hat sich das heute umgekehrt. Da sitzt einer der Anführer der Linken, Oskar Lafontaine, und erklärt mal forsch, dass hier nicht jedem geholfen werden könne - und die wichtige Vertreterin einer konservativen Partei, Ursula von der Leyen, erklärt immer wieder, dass geschlossene Grenzen keine Lösung seien.

Wer hätte damit vor vierzig Jahren gerechnet? Vielleicht hat Peter Schneider, der Alt-68er, ja selbst noch nicht vor allzu langer Zeit gedacht, dass er irgendwann gemeinsam mit Oskar Lafontaine im deutschen Fernsehen Obergrenzen fordern würde.

Schneider will Merkel Regierungserklärung schreiben

Das war der Zeitpunkt, wo einem klar wurde, dass es doch ein bisschen schwieriger sein würde, einem syrischen Flüchtling die deutsche Debatte mit einer Talkshow nahezubringen. Zumal der Schriftsteller Schneider sich dann noch anerbot, Merkel die nächste Regierungserklärung schreiben zu wollen.

Die Kanzlerin sollte es wahrscheinlich als Empfehlung verstehen, dass Schneider dann noch erwähnte, dass er sich zu den 81 Prozent zähle, die mit ihrer Regierung nicht zufrieden seien. Vielleicht dachte er ja, sie könne mit ihm noch die Kurve kriegen.