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ARD-Doku zu Google: High Heels statt Enthüllung

Google häuft so viele Daten an wie noch kein Konzern oder Staat zuvor.

Google häuft so viele Daten an wie noch kein Konzern oder Staat zuvor.

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imago stock&people

Der Titel verspricht Enthüllung: „Die geheime Macht von Google“ hat der WDR die Dokumentation über den US-Internetkonzern betitelt. Tatsächlich fördert die Dokumentation allerdings nicht nur nichts Neues ans Licht. Sie setzt auch einen zweifelhaften Fokus – und muss sich vorwerfen lassen, die Zuschauer bewusst zu täuschen.

Das ist besonders unerfreulich, da es im Zusammenhang mit Google viele Bereiche gibt, die es verdient hätten, näher beleuchtet zu werden: Zum Beispiel die beängstigenden Verflechtungen von Google und anderen Silicon-Valley-Konzernen mit den US-Geheimdiensten, die weit über das durch Edward Snowden enthüllte Prism-Programm hinausgeht, wie Shane Harris in seinem gerade veröffentlichen Buch „@War“ eindrucksvoll beschreibt.

Ebenso ist es fraglich, wie es um die Transparenz in Bezug auf die Speicherung der Nutzerdaten bestellt ist: Gibt Google dem Nutzer tatsächlich die Macht zu entscheiden, was mit seinen Daten passiert, so wie der Konzern suggeriert – oder handelt es sich eher um eine Pseudo-Transparenz, wie Netzaktivist Markus Beckedahl kritisiert?

David gegen Goliath

Dieses Thema wird zwar im Film kurz angeschnitten – doch die Macher scheinen sich nicht wirklich dafür zu interessieren, was mit den Nutzerdaten passiert. Stattdessen fokussiert sich der Film auf die Klage von Internetfirmen, die sich in der Darstellung der Google-Suchergebnisse benachteiligt fühlen. Problematisch wird hier vor allem, was der Film unerwähnt lässt. Zum Hintergrund: Bei der Auseinandersetzung, die der Film in den Mittelpunkt stellt, geht es um das Wettbewerbsverfahren der EU-Kommission gegen Google. Im Wesentlichen geht es dabei um die Anzeige von Informationen aus den Google-Diensten wie Maps oder Shopping in den Google-Suchergebnissen. Konkurrenten wie Yelp oder der Axel-Springer-Konzern fordern, dass ihre eigenen Digitalangebote sichtbarer angezeigt werden. Einen Kompromiss, den die EU-Kommission mit Google ausgehandelt hatte, wurde vor Kurzem nach einer massiven Lobby-Kampagne des Axel-Springer-Konzerns wieder aufgekündigt.

In der Dokumentation wird dann auch ein Manager der Axel-Springer-Firma „Ladenzeile“ zu einem der Protagonisten des Films – ohne dass allerdings auch nur an einer Stelle die Verbindung zum Springer-Konzern erwähnt wird. Ladenzeile-Chef Robert Maier wird lediglich als ein „Internetunternehmer“ präsentiert, um das Bild eines Kampfes von David gegen Goliath zu zeichnen. Nun mag Springer nicht mit Google mithalten können – eine kleine Internetbutze ist der Konzern allerdings auch wieder nicht, wie die in der Auseinandersetzung mit Google zur Schau gestellte politische Macht Springers zeigt.

Pinke High Heels

Noch deutlich wird die verzerrte Darstellung an einem weiteren lediglich als „Internetmanager“ eingeführten Protagonisten, der als zweite Hauptfigur die Klage gegen Google führt: Michael Weber, dessen Firma „Hot Maps“ ebenfalls unerwähnt bleibt. Was der Zuschauer so nicht erfährt: Hinter Webers Firma, verbirgt sich ein Web-Kartendienst, der technisch vollkommen zurückgeblieben ist. Die bittere Realität ist: Keinem Nutzer, der nach einer bestimmten Straße sucht, wäre auch nur irgendwie geholfen, wenn Google einen Link zu diesem Kartendienst anzeigt, (was aus eben diesem Grund wohl auch kein Konkurrent von Google macht). Tatsächlich hatte sich Hot Maps vor allem einen Ruf als Abmahnunternehmen gemacht.

Völlig ausgeblendet bleibt so die Frage, ob die Klage der Manager von Ladenzeile bis Hot Maps überhaupt im Interesse der Verbraucher ist: Was sollten sie davon haben, zweitklassige bis irrelevante Angebote eingeblendet zu bekommen, nur damit Konzerne wie Axel Springer mehr Profit machen? Selbst scharfe Google-Kritiker sehen das anders. Anstatt der Frage nachzugehen, was es bedeutet, wenn ein Konzern so viele Daten anhäuft wie noch kein Konzern oder Staat zuvor, reduziert die Dokumentation den gesamten Themenkomplex im Wesentlichen auf die Frage, wie Produktbilder von pinken High Heels angeordnet sind. Eine merkwürdige Entscheidung.

Die Story im Ersten: Die geheime Macht von Google. 01.12.2014, 22.45 Uhr, ARD