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Berliner Zeitung | ARD-Film "Operation Zucker. Jagdgesellschaft": Lolita statt Straßenkind
20. January 2016
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ARD-Film "Operation Zucker. Jagdgesellschaft": Lolita statt Straßenkind

Ein Kind in Weiß – was für ein unschuldiges Bild. Doch der Zuschauer bekommt am Mittwoch keine unschuldige Geschichte erzählt.

Ein Kind in Weiß – was für ein unschuldiges Bild. Doch der Zuschauer bekommt am Mittwoch keine unschuldige Geschichte erzählt.

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BR/Wiedemann & Berg Television G

Dass die „Operation Zucker“ nicht gut gegangen war, ist sicher vielen Zuschauern noch in bester Erinnerung. Denn um den Fernsehfilm, den die ARD vor drei Jahren zum Thema Kinderhandel zur besten Sendezeit ausstrahlte, hatte es im Vorfeld heftige Debatten gegeben: Darf die Polizei so hilflos gezeigt werden wie in diesem Film? Kann man ernstlich behaupten, die Täter kämen aus allen – ja, wirklich auch den ganz staatstragenden – Schichten der Gesellschaft? Nur in gekürzter – manche meinten: entschärfter – Fassung war der Film damals erstausgestrahlt worden. Und hatte danach für die unbeugsame Radikalität der Urfassung viele Preis gewonnen.

Nun haben alle etwas dazugelernt: „Operation Zucker. Jagdgesellschaft“ ist ohne Beanstandungen durch die Jugendschutzgremien der ARD gekommen, aber die Botschaft der Fortsetzung ist vielleicht noch beunruhigender als die erste: Seinerzeit war gezeigt worden, wie ein kleines Mädchen aus Rumänien in die Bundesrepublik verkauft und von ihren neuen „Besitzern“ in Berliner Abbruchhäusern versteckt worden war. „Jagdgesellschaft“ zeichnet ein anderes Bild von den Tätern: Sie leben mit ihren Opfern hinter vermeintlich bürgerlichen Fassaden. „Wir sind die Guten“, sagt eine Täterin im Film. „wir geben den Kindern ein warmes Zuhause“.

Schon die Exposition des Films verheißt nichts Gutes: Die junge Vanessa wechselt in der Berliner U-Bahn ihre Klamotten: Ballerinaschuhe statt Springer Stiefel, Minirock statt Jeans, Lolita statt Straßenkind. Dann aber werden wir kurze Zeit später in einem schönen, reichen Viertel vor einer schönen, reichen Haustür stehen. Ihre Mutter (Jördis Triebel) empfängt Vanessa unterkühlt – und wäre dies ein Familiendrama, man würde die Reserviertheit der Erwachsenen auf die Pubertät der Göre und ihre schrecklichen Klamotten schieben.

Nadja Uhl spielt eindrucksvoll

Lange braucht auch Kommissarin Wegemann, wieder einfühlsam und eindrucksvoll gespielt von Nadja Uhl, bis sie ihren Augen trauen mag: Ist wirklich der stadtbekannte Bauunternehmer Voss ein Kinderhändler? Wie kann das sein, wenn die kleine Lucy doch zu Frau Voss so vertrauensvoll „Mama“ sagt? Jördis Triebel, auch sie die kraftvolle Darstellerin einer abgründigen Persönlichkeit, spielt ihre Figur mit jener Härte, die das Thema braucht: Schonungslos klärt der Fernsehfilm darüber auf, dass wir unseren Augen und Ahnungen trauen müssen, wenn wir ein grell geschminktes Mädchen auf dem Bahnsteig warten sehen, wenn eine pubertäre Lolita zu einem seriösen Herrn in den Wagen steigt. Wenn wir erkennen wollen, was das eigentlich meint: „... in allen Schichten der Gesellschaft“.

„Jagdgesellschaft“ ist nicht nur eine Fortsetzung von „Operation Zucker“, es ist auch der Versuch, den Tatbestand mit all seinen menschlichen Verheerungen noch genauer, also in all seiner Komplexität zu reflektieren. Wieder ist Gabriela Sperl (zusammen mit Wiedemann & Berg) Produzentin des Films, diesmal aber hat sie ein anderes Kreativteam zusammengestellt: Die Regie verantwortet nun Sherry Horman, sie verfilmt ein Drehbuch von Friedrich Ani und Ina Jung. Zuweilen fällt es schwerer, ihrer Geschichte zu folgen, die sprunghafter, geheimnisvoller erzählt und inszeniert ist als Teil 1. Dem Mitleid mit der kleinen Fee aus Rumänien ist nun endgültig die Erschütterung über die Ausweglosigkeit der Lage gewichen: Wie soll man gegen diese derart gut organisierten Tätergruppen angehen? Wie den Nachschub aus den ärmeren Ländern jenseits der EU stoppen? Wie die Kinder zum Reden, das Verbrechen vor Gericht bringen?

Diskussion mit Maischberger

Nach dem Film, der erneut an den Nerven zerrt, wird es wieder eine Diskussionssendung geben – geben müssen. Sandra Maischberger, seit neustem Talkerin auf dem Mittwochsendeplatz, übernimmt diesmal die Aufgabe, die Zuschauewr nach der Fiktionalisierung eines leider authentischen Phänomens behutsam aufzufangen – und zugleich mit den Fakten zu konfrontieren, die offenbar unabweislich sind. Auch unabänderlich?

Unsere Autorin ist Leiterin der Abteilung Audiovisuelles Erbe in der Deutschen Kinemathek am Potsdamer Platz.