blz_logo12,9

ARD-Film So wie du bist: Einfach ein ganz normales Leben

Szene aus "So wie du bist" mit Juliana Götze.

Szene aus "So wie du bist" mit Juliana Götze.

Foto:

MDR/ORF/Anjeza Cikopano

Heute ist ja jeder irgendwie „anders normal“. Den aufgeklärten Blick, mit dem die pensionierte Richterin Helene Offer (Gisela Schneeberger) sich im Restaurant umschaut, hatte sie nicht immer. Weil ihr aber nach einem Autounfall die mit dem Down Syndrom geborene Michalina (Juliane Götze) anvertraut wurde, sieht sie ihre Umgebung nun mit anderen Augen. Es ist die Perspektive der „Inklusion“, die Behinderte nicht mehr integrieren will, sondern die Vielfalt der Schöpfung betont. Im Dialogbuch von „So wie du bist“ klingt das dann so: „Der da hat eine Brille, der daneben ist dick, der sitzt im Rollstuhl.“ Der Gendefekt „Down Syndrom“, mit dem Michalina auf die Welt gekommen ist, wird so zu einer Spielart unter vielen in einer Gesellschaft der Imperfekten. Und so hat natürlich auch die Richterin einen Defekt: Die Karrierefrau, die ihrem Beruf alles untergeordnet hat, ist nämlich „emotional behindert“. Und das ist in einem Feel-Good-Film schlimmer als jeder Gendefekt.

Dies ist also der Ausgangspunkt für einen Spielfilm, der unterhaltsam, aber sachdienlich über sein Anliegen – die Inklusion – reflektieren will. „So wie du bist“ belässt es nicht dabei, der spröden Richterin eine emotionale Lektion zu erteilen. Relativ schnell lässt sie sich von der freundlichen Zugewandtheit einfangen, mit der Michalina ihr begegnet. Virtuos gelingt es Gisela Schneeberger und Juliana Götze, die Herzensöffnung glaubhaft zu machen. Als aus dem bloßen Kalkül, die öffentliche Meinung mit der ehrenamtlichen Tätigkeit zu beschwichtigen, echte Zuneigung zu der jungen Frau geworden ist, startet der Film noch einmal durch.

Traum von Ehe und Familie

Drehbuchautor Uli Brée hat nämlich ein weiteres Thema ins Zentrum seiner Filmerzählung gestellt: Michalina ist volljährig, aber im juristischen Sinne nicht geschäftsfähig. Sie ist nicht krank, aber auch nicht in der Lage, alleine zu leben. Vor allem aber ist sie verliebt! Und ihr Freund hat auch das Down Syndrom. Die beiden träumen von einem selbstbestimmten Leben, von Ehe und Familie, von Zärtlichkeit und Sex. Davon, ein „ganz normales Leben“ zu führen. Und die Regie von Wolfgang Murnberger findet für diese Sehnsucht zauberhafte Bilder.

Fernsehfilme, die vom „behinderten“ Leben erzählen, gibt es schon einige: Mit dem ARD-Vierteiler „Liebe und andere Katastrophen“ wurde der junge Schauspieler Rolf Brederlow 1999 bekannt, dessen eigene Lebensgeschichte ein Jahr später von Vivian Naefe in „Bobby“ verfilmt wurde. Immer ging es um die Frage: Was wird aus den Kindern mit Down-Syndrom, wenn sie keine Kinder mehr sind, aber immer noch nicht ohne die Hilfe von Erwachsenen leben können? Und immer waren die Filme heiter und ihr Happy-end für den Zuschauer eine schöne Gewissheit: Der Behinderte, der eben nicht nur behindert ist, ist am Ende eine Bereicherung für seine Umwelt, die selbst (emotional) behinderter ist, als sie glaubt.

Soziale Erwünschtheit vs. soziale Realität

Interessanterweise hält das Fernsehen diese Botschaft für alte Menschen mit einer Demenz-Erkrankung nicht bereit; die Rückentwicklung zu einem kindlichen Gemüt wird in Filmen über Alzheimer selten als Gewinn dargestellt, sondern als familiäre Bürde, die kaum oder gar nicht zu bewältigen ist. Diese Filme sind dann selten heiter. Wie selbstverständlich steht gelegentlich – zuletzt in dem ARD-Film „Die Auslöschung“ – sogar der Suizid des Erkrankten als probate Problemlösung im Raum.

Aus dem Kreis der Menschen mit Down Syndrom ist inzwischen eine illustre Reihe begabter Schauspieler hervorgegangen, die ihre fiktiven Figuren entsprechend glaubhaft verkörpern können. Was Juliana Götze oder Bobby Brederlow spielen, ist freilich mehr ein Produkt der sozialen Erwünschtheit als der sozialen Realität: Aufgrund der pränatalen Diagnostik werden immer weniger Kinder mit Down Syndrom geboren. Die Last, ein Leben lang für ein behindertes Kind sorgen zu müssen, überwiegt dann doch bei vielen Eltern gegenüber der Lust, mit einem besonderen Kind zu leben.

Im Anschluss an den gefühlswarmen Film „So wie du bist“ wird deshalb Kai Pflaume die Reportagereihe „Zeig mir deine Welt“ starten, in der er Menschen mit Down Syndrom besucht. Wieder wird es darum gehen, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Die Inklusion wäre gelungen, wenn auch das gar nicht mehr nötig ist.

So wie du bist, Mittwoch, den 19. Juni um 20.15 Uhr, ARD



Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?