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Berliner Zeitung | Bild-Zeitung und Nicolaus Fest: „Herrlicher Shitstorm!“
28. July 2014
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Bild-Zeitung und Nicolaus Fest: „Herrlicher Shitstorm!“

Gottesdienst in der Khadija-Moschee in Berlin

Gottesdienst in der Khadija-Moschee in Berlin

Foto:

Berliner Zeitung/paulus Ponizak

Der langjährige CDU-Bundestagsabgeordnete Ruprecht Polenz steht im Allgemeinen vor allem für eines: für Differenzierung, Umsicht und Fairness im Urteil. Es will also etwas heißen, wenn der einstige Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses ein bisschen die Contenance verliert. Der Kommentar des stellvertretenden Chefredakteurs der Bild am Sonntag, Nicolaus Fest, zur Antisemitismus-Debatte sei „nicht nur dumm“ gewesen, monierte Polenz am Sonntag auf Facebook, sondern „rassistisch und hetzerisch“. Dazu muss man wissen, dass der 68-Jährige das Mediengeschehen auch von anderer Seite kennt. Er ist Vorsitzender des ZDF-Fernsehrates.

Entschuldigung gefordert

Polenz ist nicht der Einzige, der sich erregt. Der Grüne Volker Beck etwa forderte eine Entschuldigung. Fest schrieb in der aktuellen Ausgabe nämlich einen Kommentar, der es in sich hat und der hier komplett wiedergegeben werden soll. „Ich bin ein religionsfreundlicher Atheist“, heißt es da. „Ich glaube an keinen Gott, aber Christentum, Judentum oder Buddhismus stören mich auch nicht. Nur der Islam stört mich immer mehr. Mich stört die weit überproportionale Kriminalität von Jugendlichen mit muslimischem Hintergrund. Mich stört die totschlagbereite Verachtung des Islam für Frauen und Homosexuelle. Mich stören Zwangsheiraten, ,Friedensrichter‘, ,Ehrenmorde‘. Und antisemitische Pogrome stören mich mehr, als halbwegs zivilisierte Worte hergeben. Nun frage ich mich: Ist Religion ein Integrationshindernis? Mein Eindruck: nicht immer. Aber beim Islam wohl ja. Das sollte man bei Asyl und Zuwanderung ausdrücklich berücksichtigen! Ich brauche keinen importierten Rassismus, und wofür der Islam sonst noch steht, brauche ich auch nicht.“

Die Botschaft des Kommentars lässt sich also wie folgt zusammenfassen: Ein Deutschland ohne Muslime wäre ein besseres Deutschland. Derlei liest man sonst nur auf Wahlplakaten rechtspopulistischer bzw. rechtsextremistischer Parteien. In seriösen deutschen Medien las man es bisher nicht.

Der Fachdienst Meedia kam am Montag zu dem Schluss, Fest habe sich mit dem Text „ins Abseits geschrieben“. In jedem Fall hat er sich den Zorn der Springer-Hausleitung zugezogen, die ihm, so der Blogger Stefan Niggemeier, „eine Art öffentliche Abmahnung“ erteilte. Ob der 1962 geborene Sohn des langjährigen FAZ-Herausgebers und Hitler-Biografen Joachim Fest und Bruder des Verlegers Alexander Fest mit dieser enormen Beschädigung noch weiter produktiv wird arbeiten können, muss bezweifelt werden. Vielleicht ist das auch die Absicht.

Zunächst meldete sich Bild-Chefredakteur Kai Diekmann via Twitter zu Wort. „Nicolaus Fest ist kein Hassprediger!“, betonte er, doch: „Seinen Kommentar heute halte ich für falsch.“ Diese Distanzierung ist ebenso ungewöhnlich wie bedeutsam, weil Diekmann als Gesamtherausgeber der Bild-Gruppe fungiert.

Aber damit nicht genug. Der Bild-Chef ließ am Montag einen Gast-Kommentar des türkisch-stämmigen grünen Bundestagsabgeordneten Özcan Mutlu drucken, in dem dieser den Fest-Kommentar als „Rassismus pur“ bezeichnen darf. Diekmann selbst schrieb einen zweiten Kommentar, in dem er den Springer-Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner mit dem Hinweis zitiert, man müsse zwischen Islam und Islamismus unterscheiden. Dann fuhr er fort: „Wer eine Religion pauschal ablehnt, der stellt sich gegen Millionen und Milliarden Menschen, die in überwältigender Mehrheit friedlich leben. Genau solche Auseinandersetzungen entlang religiöser Grenzen wollen wir NICHT. Wir wollen sie nicht führen, nicht befördern, nicht herbeischreiben. Denn sie enden immer verheerend – das hat die Geschichte oft genug gezeigt!“

Gefühle verletzt

Mochte man anfangs noch glauben, der Fest-Kommentar sei ein „kalkulierter Tabubruch“ (Linken-Chef Bernd Riexinger) des Springer-Verlags gewesen, um mit Islamfeindlichkeit Auflage zu machen, so legen Diekmanns Einlassungen nunmehr einen anderen Schluss nahe. Er meint es ernst. Mittlerweile hat auch Fests unmittelbare Vorgesetzte reagiert. Die Chefredakteurin der Bild am Sonntag, Marion Horn, räumte mit Verzögerung ein, ihr Blatt habe „Gefühle verletzt“. Und sie entschuldigte sich „für den entstandenen Eindruck“, eben dieses Blatt sei islamfeindlich.

Nicolaus Fest hatte sich am Sonntag über die von ihm ausgelösten Reaktionen zunächst keineswegs erschrocken gezeigt, sondern sich vielmehr diebisch gefreut. In einem Tweet notierte er: „Herrlicher Shitstorm!“ Das Lachen dürfte ihm mittlerweile vergangen sein. Denn Kai Diekmann zitierte unterdessen auch den ehemaligen britischen Premierminister Winston Churchill mit den Worten: „Ein kluger Mann macht nicht alle Fehler selbst. Er gibt auch anderen eine Chance.“

In der Springer-Kantine wird man den Spruch künftig sicher öfter hören. Vor allem, wenn der Vize-Chef der Bild am Sonntag auftaucht.