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Blattreform beim Magazin Stern: Ideen statt Fakten

Die aktuelle Ausgabe des Stern.

Die aktuelle Ausgabe des Stern.

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Stern

Es war die größte Blattreform dieses Jahres. 25 Millionen Euro verschlang allein die begleitende Werbekampagne. „Sorry, Henri Nannen, es musste sein“, entschuldigte sich der Stern bei seinem Gründer auf einem der Werbemotive. Zuvor hatte Chefredakteur Dominik Wichmann gesagt: „Die Marke glänzt nicht“. Neun Monate sind vergangen, seitdem er das Blatt und die Redaktion von Grund auf umgebaut hat. Was hat es gebracht?

Der Stern verkörpert heute ein anderes journalistisches Verständnis. Er liefert zwar auch einen Scoop wie in den beiden Ausgaben über Bushidos mafiöse Verstrickungen, mehr noch aber bietet er jetzt Geschichten, die am Schreibtisch entstehen. Im Heft wimmelt es außerdem von Rubriken, Kolumnen, allerlei Umfragen und feststehenden Elementen. Sie schnüren ein wie ein Korsett. Wichmann widerspricht: „Der Stern ist besser geworden. Wir sind auf dem richtigen Weg“.

Die Henri Nannen Lounge

In Deutschland gibt es drei aktuelle Wochenmagazine: Alle drei haben binnen eines Jahres neue Chefs bekommen. Beim Spiegel stößt er auf Vorbehalte. Beim Focus ackert und ackert er, doch nicht einmal Exklusivstorys führen zu Auflagenerfolgen. Und beim Stern? Ist kein Stein auf dem anderen geblieben.

Zu den Redaktionsräumen gehört neuerdings die „Henri Nannen Lounge“. Mit Elbblick im ersten Stock des Hamburger Verlagsgebäudes von Gruner + Jahr steht links ein gelblicher Konferenztisch mit grün bezogenen Stühlen. Eine dunkle Holzvitrine trennt den Raum. Rechts auf einem roten Orientteppich stehen englische Sofas mit dickem Polster aus braunem Leder. An den Fenstern schwere Vorhänge, in den Ecken Stehlampen, an der Seite ein Schreibtisch. Er stammt, wie fast alles hier, aus Nannens ehemaligem Büro.

Die Lounge dient repräsentativen Zwecken, soll aber auch das Wir-Gefühl der Redaktion stärken. Ein paar Möbelstücke reichen da nicht aus, bei allem, was zu hören ist. Wichmann sagt, es sei normal, dass es in einer Umbruchphase an der einen oder anderen Stelle holpert und ruckelt: „Das ist ein Riesenprojekt, da kann nicht alles gleich super laufen.“

Einem Messias gleich wurde er im Sommer 2011 beim Stern empfangen. Wichmann kam vom Magazin der Süddeutschen Zeitung, bei dem er schon mit 27 Jahren Chefredakteur geworden war. Er genießt den Ruf eines intelligenten, kreativen Blattmachers, vielfach preisgekrönt. Bis ihm seine beiden Vorgänger das Zepter überließen, hatte sich der 42-Jährige beim Stern viel Sympathie erarbeitet. Inzwischen ist die Aufbruchstimmung Ernüchterung gewichen. Neuerdings nennen sie ihn Dr. W. Ichmann. Das hat mit der Art zu tun, wie er das Blatt macht und sich in Konferenzen beeilt, es vor allen anderen selbst zu loben. Das nimmt den Raum für Kritik.

Überraschende Erkenntnis

„Die Stimmung dreht sich gerade wieder“, sagt Wichmann. Die Erkenntnis überrascht. Die Konferenz, in der die Redakteure Tacheles sprachen, ist zum Zeitpunkt, als er das sagt, erst wenige Stunden her. Dort war viel von „Entfremdung“ die Rede. Statt in der Dienstagskonferenz über kommende Themen zu diskutieren, würden sie von wenigen am grünen Tisch erdacht und „unter der Hand“ vergeben. Schon vor der Recherche sei klar, welcher These, welchem Spin zu folgen sei, dazu passend würden die Autoren ausgewählt.

Wer woran gerade arbeite, wisse man nicht, die Sachkompetenz der Ressorts werde kaum genutzt. Statt in Geschichten werde in Formaten gedacht, lautet ein weiterer Vorwurf. Ständig seien Exposés zu schreiben und Aufträge zu erfüllen, die anderntags zurückgenommen würden. Noch nie sei es beim Stern so hierarchisch zugegangen. Die Redaktion gleiche einer Behörde, die Redaktionsspitze einem Wasserkopf.

Mit 13 Namen ist das größte Ressort inzwischen die Chefredaktion. Es folgen die Ressortleiter und die Chefs der neuen Textteams. Das Blatt wird von sogenannten Managing Editors gemacht, je einem für den vorderen, mittleren und hinteren Teil. „Ich habe noch nie in meinem Leben unter so vielen Chefs gearbeitet“, sagt ein Redakteur und klagt, wie lange in dieser Bürokratie Entscheidungen auf sich warten ließen. Ein anderer erzählt von Unmengen an Konferenzen und Mails, die in Kopie an noch mehr Adressaten verschickt würden. Die Türen zu den Büros sind jetzt oft geschlossen.

Auf Außenwirkung bedacht

Wichmann ist auf Außenwirkung bedacht, er will keine Angriffsfläche bieten. Er sagt: „Mir war klar, dass es Kritik geben wird“. Nicht ohne Grund habe er im Januar das „Sounding Board“ eingerichtet. Es funktioniert wie eine Art Kummerkasten. Man kann auf farbigen Kärtchen notieren, was gut, schlecht oder mittelmäßig läuft. Ein „Sounding Manager“ leitet das Ergebnis an den Chefredakteur. Passiert sei dann allerdings nichts, sagt einer, der diese Art direkter Mitsprache als „simulierte Teilhabe“ bezeichnet.

Da der Unmut wuchs, kam es zu jener Aussprache, die Wichmann nun als Stimmungswandel verkauft. Er sagt, Ende des ersten Quartals 2014 werde er einiges modifizieren. Dann sei seit dem Umbau ein Jahr vergangen und der Digitalstart von stern.de stünde kurz bevor. Unter anderem werde er die Zahl der Konferenzen wieder reduzieren, auch das Problem zwischen Ressorts und Textteams gehe er an.

Ein paar Tage später meldet sich unaufgefordert Dominik Stawski vom Redaktionsbeirat. Er warnt vor einseitiger Meinungsmache. Was er vermitteln will, oder vielmehr soll, ist dies: „Der Stern steckt mitten in einem Prozess, der längst nicht abgeschlossen ist. Wir probieren viel aus und trauen uns was, vieles davon klappt, manches nicht. Die Diskussion innerhalb der Redaktion ist fruchtbar.“

Für einseitige Meinungsmache ist die Kritik zu vielstimmig. Sie kommt auch keineswegs nur von Verlierern der Reform. Woran sie sich reibt, ist Wichmanns Verliebtheit in Ideen, von denen er sich durch Fakten ungern abbringen lässt. So etwa bei der Titelgeschichte über Uli Hoeneß, die keinerlei News hatte. „Der Stern ist nicht Seite 1, der Stern ist die Seite 3“, begründet Wichmann die Entscheidung. Auch eine gut erzählte Geschichte sei ein Wert an sich. Ähnlich scheint es sich zu verhalten, wenn alle über die NSA-Affäre berichten, während der Stern historisiert: „Geschichte der Spionage – Von Mata Hari bis Edward Snowden“.

Geschichten vom Schreibtisch

Auf die Spitze getrieben hat es der Stern mit dem „Vorabprotokoll“ der letzten 48 Stunden vor der Bundestagswahl: eine Art „Reportage“ darüber, wie sich Bevorstehendes eventuell ereignen könnte. All das sind Geschichten, die am Schreibtisch entstehen, so auch die vom Verlagsvorstand per interner Mail hochgelobte, sehr wohlwollende über Altkanzler Kohl und seine zweite Frau in der aktuellen Ausgabe.

Es gibt einiges im neuen Stern, das sich bereits wieder überlebt hat, etwa die Seite „Im Bett mit…“, für die sich zuletzt Prominente, anders als geplant, bis zur Halskrause bekleidet in Hotelbetten fotografieren ließen. Auch die Rubrik „Auf dem Weg zur Arbeit mit…“ einem Promi hat sich abgenutzt. Und bei der zusätzlichen Humorseite „Ein Quantum Trost“ lässt der erste Witz noch immer auf sich warten. Wichmann sagt: „Nichts ist in Stein gemeißelt“. Ebenso räumt er ein, dass Wirtschafts- und Sportthemen unterrepräsentiert sind, was nicht wundert, da er die beiden Ressorts abgeschafft hat. „Das müssen wir besser im Blick haben, dasselbe gilt für große Unterhaltungsthemen“, sagt der Stern-Chef.

Wichmann relativiert, er beschwichtigt, doch in einem bleibt er eisern: Ein Zurück gibt es nicht. Das will auch niemand. Dazu war der Stern zu dröge geworden. Aber womöglich ließe sich mit der Redaktion manches besser machen als gegen sie.