blz_logo12,9

BND-Zusammenarbeit : Kratzer am Spiegel-Lack

Mit diesem Titel startete das Nachrichtenmagazin Der Spiegel am 8. März 1971 eine 15-teilige Serie über den BND – der daran allerdings mitgearbeitet hat.

Mit diesem Titel startete das Nachrichtenmagazin Der Spiegel am 8. März 1971 eine 15-teilige Serie über den BND – der daran allerdings mitgearbeitet hat.

Nüchtern und knapp kündigte das Hamburger Nachrichtenmagazin Der Spiegel in seiner Ausgabe vom 8. März 1971 eine kleine Sensation an. „In diesem Heft beginnt eine Serie über den Bundesnachrichtendienst, an der die Spiegel-Redakteure Hermann Zolling und Heinz Höhne seit Ende 1968 gearbeitet, für die sie recherchiert, interviewt, studiert und analysiert haben“, hieß es in der „Hausmitteilung“, dem jeder Ausgabe des Magazins vorangestellten Editorial. 15 Wochen lang schilderte die Serie „Pullach intern“, die später Grundlage eines gleichnamigen Buch-Bestsellers wurde, Arbeitsweise, Erfolge und Pannen des deutschen Auslandsgeheimdienstes.

Ein Scoop, der Freund wie Feind elektrisierte und zu hitzigen Debatten in Bundesregierung und Parlament führte. Und der einmal mehr den Ruf des Spiegel als kritisches und unabhängiges Magazin zu unterstreichen schien, als wahres „Sturmgeschütz der Demokratie“.

Nicht so unabhängig wie vermutet

Eine jetzt veröffentlichte Studie der Unabhängigen Historikerkommission, die die Geschichte des BND erforscht, kratzt nun ein wenig am Spiegel-Lack. Nach Erkenntnissen des Marburger Historikers Jost Dülffer, der die BND-Akten über die Serie aus den Jahren 1969 bis 1972 auswerten konnte, hat das Magazin seinerzeit nicht so unabhängig agiert wie bislang vermutet. So gab es sowohl bei der Recherche als auch bei der Schlussredaktion von „Pullach intern“ eine enge Kooperation zwischen BND, Bundeskanzleramt und Spiegel. Jeden Fortsetzungsartikel der Serie leiteten die Autoren vor der Drucklegung dem BND zu, um Korrekturwünsche auch des Kanzleramtes umzusetzen. „Sowohl das Kanzleramt als auch der BND meldeten inhaltlichen Widerspruch an, der zu einem beträchtlichen Teil vom Spiegel berücksichtigt wurde“, bilanziert Historiker Dülffer. Dabei sei es darum gegangen, „den Spiegel im Rahmen des Möglichen von der Publikation geheimer Informationen abzuhalten und ihn gelegentlich auf Sachfehler aufmerksam zu machen“.

Die inhaltliche Ausrichtung und den Tenor habe der Dienst hingegen nicht beeinflussen können und wollen, so Dülffer. Die „Korrektoren“ in Bonn und Pullach ärgerten sich zwar über die Spiegel-üblichen Sottisen und die vielen pointierten Anekdoten über Führungsstil, Personal, Cliquen oder Bonner Rivalitäten – in den ihnen vorgelegten Manuskripten ließen sie diese von ihnen als „unschön“ bezeichneten Passagen allerdings unkommentiert, heißt es in der Dülffer-Studie.

Die Idee zur Serie „Pullach intern“ hatte der Spiegel im Jahr 1969. Zwar galt das Verhältnis des Magazins zu dem Geheimdienst seit der Spiegel-Affäre 1962 nach außen hin als belastet. Intern aber war der Kontakt zwischen Pullach und Hamburg nie abgerissen, es gab Hintergrundgespräche, aber auch tatkräftige Hilfe des BND bei bestimmten Rechercheprojekten.

Dennoch war eine Serie über die Arbeitsweise des BND und herausragende Spionagefälle in den 1960er-Jahren ungleich schwerer zu recherchieren als etwa heute. Der Spiegel-Autor Zolling wandte sich daher im Januar 1969 an den zuständigen Staatssekretär im Bundeskanzleramt, Karl Carstens (CDU), und bat um Unterstützung sowie um ein Informationsgespräch mit dem BND-Präsidenten Gerhard Wessel. Bonn gab grünes Licht, denn man versprach sich davon auch eine publizistische Aufwertung des Geheimdienstes.

Journalistische Gratwanderung

Den Spiegel-Autoren Zolling und Höhne standen zeitweise bis zu fünf Gesprächspartner des BND zur Verfügung, der ranghöchste von ihnen war Vizepräsident Dieter Blötz. Einem BND-Vermerk von 1971 zufolge fand eine Reihe von Informationsgesprächen über „abgeschlossene Fälle“ statt, bei denen Zolling zugesichert haben soll, „das Schild des BND so sauber und rein darzustellen, wie es noch nie war“. Darüberhinaus verpflichtete sich der Spiegel, alle Manuskripte vor Veröffentlichung dem Dienst zur „Einsicht und Korrektur“ vorzulegen. Allerdings nutzten die Spiegel-Redakteure für ihre Recherchen auch eigene Quellen in BND und Regierung, die dem Dienst nicht bekannt waren.

Die Spiegel-Serie „Pullach intern“, das macht die Studie deutlich, war eine journalistische Gratwanderung zwischen unabhängiger Aufklärung und politischer Einflussnahme. Für die Verfasser und das Hamburger Magazin spricht, dass sie damals bei allen Zugeständnissen einen kritischen Blick bewahrten und bis zu einem gewissen Grad Missstände im Dienst ansprachen. Der Entstehungsprozess der Serie ist dennoch ein Lehrbeispiel dafür, wie journalistische Unabhängigkeit geopfert wird, wenn man einen publizistischen Erfolg erreichen kann. Ein Konflikt, der auch im heutigen Journalismus noch aktuell ist.