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Berliner Zeitung | Defa-Filmerbe DDR: Angebot ohne Nachfrage?
28. October 2013
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Defa-Filmerbe DDR: Angebot ohne Nachfrage?

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defa stiftung

Am Sonntag war, erneut eher unbemerkt, der von der Unesco 2005 ausgerufene „Welttag des audiovisuellen Erbes“. Um das Vergehen und Vergessen alter Filme ging es abends wenigstens im Zeughauskino, gut zwei Dutzend Zuschauer kamen zum Podiumsgespräch „Das Defa-Filmerbe im digitalen Zeitalter“ und der anschließenden Vorführung von Artur Pohls Umsiedler-Drama „Die Brücke“ (1949).

Zum von Jörg Frieß, Programmleiter des Zeughauskinos, moderierten Gespräch saßen Filmemacher Günter Jordan, Martin Koerber von der Stiftung Deutsche Kinemathek (SDK), Stefanie Eckert von der Defa-Stiftung und Hans Helmut Prinzler, Kurator des Hauptstadtkulturfonds auf der niedrigen Bühne. Streit gab es keinen, der Tonfall blieb eher freundlich-melancholisch, im Mittelpunkt stand ein kurzer Status-Bericht zur Situation und Zukunft der Defa-Produktionen.

Es geht um Geld

Um den eigentlichen Filmbestand braucht man sich wohl nicht sorgen, Martin Koerber erklärt irgendwann, die „abgeschlossene Sammlung“ sei bestens erhalten und gepflegt, die wohl 7 500 Produktionen in „absolut ungewöhnlich“ gutem Zustand. Doch dann wird es kompliziert. In erster Linie geht es um Technik und Geld. Denn sowohl die Umstellung der Kinos auf digitale Projektion wie auch die neuen Erfordernisse der Fernsehsender verlangen heute eine Übertragung der Filme in digitale Formate.

Stefanie Eckert berichtet, dass schon einiges für das Fernsehen auf Digi-Beta-Bänder übertragen wurde, doch das reiche den Sendern heute nicht mehr, es müssten jetzt schon HD-Dateien sein. Das kostet, habe aber auch einen Vorteil: Die hochauflösenden Datenpakete eigneten sich auch als Ausgangsmaterial für BluRay-Veröffentlichungen, ein im schulischen, aber auch wissenschaftlichen Zusammenhang gefragtes Medium. Das bestätigt auch Prinzler, der anmerkt, die Verfügbarkeit von Filmen sei heute durch Heimkino-Formate viel besser als früher.

Nur Günter Jordan verlangt, den Defa-Bestand auch auf Film vorzuhalten, denn „die Leute wollen auch das Knistern und Knacken“ einer analogen Vorführung. An der Notwendigkeit einer Digitalisierung – ob aus wirtschaftlichen oder archivarischen Gründen – wird diese Nostalgie wohl nichts ändern.

Wer bezahlt?

Doch wer bezahlt die Überspielung von 35mm-Material auf digitale Systeme? Die SDK ist seit Anfang des Jahres für die wenig lukrative Kino-Auswertung auch der Defa-Filme zuständig, noch für zehn Jahre handhabt die privatisierte Progress den deutlich profitableren Ausschnitt-Dienst und die kommerzielle Auswertung jenseits der Kinos, etwa auch der Defa-Wochenschau „Der Augenzeuge“. Etwas Geld steckt da wohl drinnen.

Doch ein viel größeres Problem ist die sinkende Nachfrage und das schwindende Interesse an alten Filmen. Fernsehsender hätten kaum noch Programmplätze für historische Produktionen (Koerber: „höchstens um 23.75 Uhr“), mit Schwarz-Weiß-Filmen könne man auch nicht kommen. Und das Publikum, letztlich potenzieller Kunde und damit Finanzier, interessiere sich nicht mehr wirklich, es brauche mehr kuratierte Veranstaltungen wie die Arsenal-Reihe „No Future“ im November. Stefanie Eckert weist darauf hin, dass im nächsten Jahr 100 Defa-Titel auch über Plattformen wie iTunes verfügbar sein werden und man sich überhaupt stärker online engagiere, mit Social-Media-Aktionen und Youtube-Clips.

Nach etwas über einer Stunde Gespräch bleiben Unsicherheit und Fragen zurück: Niemand würde den Erhalt von Goethe-Schriften oder Brandenburger Tor von den Kosten abhängig machen, beim Medium Film ist das anders. Und wie will man heute Zuschauer für Filmgeschichte jenseits der Top-Hits begeistern? Was nutzt die beste Kopie, das höchstauflösende Digitalformat, wenn das keiner sehen will?