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Deutschlandbild in Russland: Wie das russische Fernsehen Gruselgeschichten verbreitet

Die Moderatorin des Auslandsfernsehsenders RT (ehemals Russia Today) berichtet über einen Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim in Deutschland.

Die Moderatorin des Auslandsfernsehsenders RT (ehemals Russia Today) berichtet über einen Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim in Deutschland.

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Archiv

Neulich gab es in der russischen Fernsehberichterstattung über Deutschland etwas zu lachen. Das kommt derzeit selten vor, denn Deutschland ist, wenn man den Moskauer Kanälen glaubt, migrantenhalber völlig unbewohnbar geworden. Den heiteren Lichtblick zeigte der Kanal Lifenews. In Hamburg, sagte die Moderatorin, seien „Russlanddeutsche“ auf die Straße gegangen, um für die deutsch-russische Freundschaft einzutreten.

Lustig war das, weil diese Russlanddeutschen tschetschenische Fahnen schwenkten und allesamt dunkel und bärtig daherkamen. Der interviewte Organisator war – was Lifenews verschwieg – der Kieler Boxpromoter Timur Duzagaev, ein Vertrauter des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow.

Moskaus hybrider Krieg

Wie das Theater seine Stücke, so inszeniert das russische Fernsehen seine Nachrichten. Und so, wie im Theater gelacht wird, wenn eine Kulisse umfällt oder ein Schauspieler seine Perücke verliert, wurde in den sozialen Netzen auch über den Lifenews-Bericht gelacht. Es scheint, als gäbe das russische Fernsehen in letzter Zeit nicht allzu viel auf die Wirklichkeitstreue seiner Bilder.

In Deutschland ist man nicht belustigt, sondern erschrocken. Der Fall der 13-jährigen Lisa hat gezeigt, wie das russische Fernsehen eine ungeprüfte Geschichte aufbauschen kann, und wie das auf die russisch-sprachigen Deutschen zurückwirkt. Schon wird vor Moskaus „hybridem Krieg“ gewarnt, vor dem Fernsehen als seiner schärfsten Waffe. Es gehe darum, Deutschland zu verunsichern, prorussische Kräfte anzustacheln.

Aber das Bild vom Fernsehen als Waffe ist in diesem Fall nicht hilfreich, jedenfalls soweit es nicht den Auslandssender RT betrifft. Russlands Fernsehkanäle richten sich nicht an die Marzahner und Hellersdorfer, sondern an die vielen Millionen Zuschauer daheim. Diese Millionen kriegen Abend für Abend ein propagandistisch bereinigtes Bild ihres eigenen Landes vorgesetzt, in dem Kritik an Wladimir Putin nicht vorkommt. Warum sollte das Deutschlandbild objektiver sein?

Dabei war dieses Deutschlandbild lange nicht schlecht. Der Zuschauer bekam viele unpolitische Berichte zu sehen, über Weltkriegs-Erinnerung und Mülltrennung, Bierfeste und Autobahnen. Aber es ist kein Wunder, dass das ja tatsächlich krisengeschüttelte Europa mit der Zeit zu jener dunklen Folie wurde, vor der man Russlands angebliche Stabilität und Putins Staatskunst ins rechte Licht rücken wollte. Und je schlechter die gegenseitigen Beziehungen, je düsterer die Aussichten in Russland selbst, desto dunkler die Folie.

Eine von der Polizei vertuschte Vergewaltigung eines russischen Mädchens durch Migranten – so etwas drängte sich als Thema geradezu auf. Und es haben ja auch in deutschen Medien schon Misshandlungsgeschichten Glauben gefunden, die sich später als falsch herausstellten. Der Unterschied ist, dass im russischen Fernsehen nie eine Entschuldigung erfolgt, dass die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge, Nachricht und Meinung bewusst verwischt wird, und dass keinerlei political correctness den Tonfall mäßigt.

Von der Verrohung, die dadurch möglich wird, kann sich der deutsche Fernsehzuschauer kaum einen Begriff machen. Witali Tschaschtschuchin, Berlin-Korrespondent des Fünften Kanals, nannte die Flüchtlinge ein „Heer, zur Eroberung nach Europa geschickt“, „grausam und erbarmungslos“, „nahöstliche Konquistadoren“, die „ihre gewaltige männliche Waffe stets bei sich führen“ – es folgte ein Gespräch mit einem Migranten über dessen unfreiwillige Erektionen – „um den Samen der Zwietracht zu säen“. Es zeichne sich „eine Doktrin der Eroberung der Alten Welt ab: Die Bevölkerung wird vernichtet, die materiellen Güter werden angeeignet.“

Tiefpunkt ist längst noch nicht erreicht

Einzig die Russisch-Stämmigen in Deutschland wehrten sich noch, wo die Deutschen längst aufgegeben hätten. „Ein russischer Aufstand kann jetzt ganz Deutschland überfluten, ein Land, das wohl aufs Neue von einer Plage befreit werden muss.“ Diese Worte fielen, wohlgemerkt, im Hauptnachrichtenprogramm. Die staatlichen Kanäle sind nicht besser.

Natürlich wird mit solchen Berichten Hass angestachelt. Aber der Hauptadressat ist der russische Zuschauer, der sich in seinem Fernsehsessel zurechtkuschelt und für ein paar Minuten den Rubelkurs vergisst. Das macht die Sache nicht besser, aber es sollte uns nicht gleichgültig sein. Wir müssen uns schon die Mühe machen, zu unterscheiden zwischen Angriffen, die auf uns zielen, und unterschiedlichen Wahrnehmungen und Umgangsformen, die unsere Einwanderergesellschaft spalten.

Und wir sollten uns klar machen, dass der Tiefpunkt längst nicht erreicht ist. Viele haben den Fall Lisa mit dem Vorgang im Juli 2014 verglichen, als der Erste Kanal die Kreuzigung eines Kindes durch ukrainische Truppen erfand. Im Fall Lisa war der Korrespondent zunächst durchaus überzeugt, dass das Verbrechen stattgefunden habe. Im Bericht über die Kreuzigung dagegen merkte man Moderator wie Reporterin an, dass sie die Gruselgeschichte selbst nicht glaubten. Man konnte das sogar bis in den Wortlaut hinein verfolgen. Aufgetischt haben sie sie trotzdem, denn das russische Fernsehen kann noch viel mehr, als es uns im Fall Lisa vorgeführt hat.


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