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Deutschlandradio baut um: Vom Sein und dem Streit darüber

Das Haus des Senders am Hans-Rosenthal-Platz in Berlin.

Das Haus des Senders am Hans-Rosenthal-Platz in Berlin.

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imago/Schöning

Von Sonnabend an müssen sich die Hörer von Deutschlandradio Kultur umstellen. Das multithematische Potpourri aus „Ortszeit“ und „Radiofeuilleton“ wird abgeschafft. Stattdessen läuft zu den Hauptsendezeiten frühmorgens, am Mittag und am Abend künftig, unterbrochen durch die Nachrichten zur vollen und halben Stunde, die Sendung „Studio 9“. Sie versteht sich als politisches Debattenfeuilleton. Ergänzt wird das Programmschema durch einstündige Schwerpunktsendungen, thematisch getrennt zu Literatur („Lesart“), Musik („Tonart“), Theater („Rang 1“), Philosophie („Sein und Streit“), Kultur („Kompressor“), Film („Vollbild“), Sport („Nachspiel“) und Lebensart („Echtzeit“).

Am frühen Abend wird es mit „Zeitfragen“ im täglichen Themenwechsel Features geben. Jenseits der Tagespolitik und jenseits der politischen Akteure will Chefredakteur Peter Lange ein anderes Verständnis von Politikberichterstattung entwickeln. Vor allem zivilgesellschaftliche Entwicklungen gelte es zu betrachten, sagt er. Statt sich an der politischen Agenda zu orientieren, soll die Redaktion andere Anlässe suchen, um den Dingen auf den Grund zu gehen. Die anstehende Reform bei Deutschlandradio Kultur ist die erste seit 2005.

Der Plan: Indem insbesondere bei „Studio 9“ sowohl die Redaktionsteams als auch die Themen aus Politik und Kultur gemischt werden, soll sich Deutschlandradio Kultur stärker absetzen vom informationsorientierten Deutschlandfunk in Köln. „Politik trifft auf Kultur“ könnte das neue Motto des Berliner Senders lauten. Vor allem bildungspolitische Fragen sollen im Zentrum des stark auf Dialog setzenden Programms mit entsprechend meinungsfreudigen Moderatoren stehen. Die nach Genres gebündelten Sendungen wiederum sollen es dem Hörer erleichtern, bestimmte Themen, die bisher über den Tag verteilt stattfanden, im Programm wiederzufinden. Die Reform ist das Ergebnis einer Befragung von 4000 Hörern und anderen Kulturaffinen, die der Sender gerne als Hörer hätte.

Die Festangestellten kämpfen mit allerlei Umwälzungen

„Flottenstrategie“ nennt Programmdirektor Andreas-Peter Weber das Auseinanderdividieren der Profile bei den drei nationalen Schwestersendern Deutschlandfunk, Deutschlandradio Kultur und D-Radio Wissen. Den Anfang machte im vergangenen Jahr Deutschlandfunk mit der wortorientierten „Radionacht“. Im Februar folgte der Umbau von D-Radio Wissen mit dem Ziel, tatsächlich jüngere Hörer zu erreichen. Den Abschluss der Reformen bildet nun Deutschlandradio Kultur. Es soll „im Sinne eines Diskursradios Themen und Ereignisse als kulturelle Phänomene betrachten“, sagt Weber. Auf Politisches will das neue Deutschlandradio aus dem kulturellen Blickwinkel schauen, die Kultur will es durch die politische Brille betrachten.

Die „Flottenstrategie“ spiegelt sich in der Art wieder, wie in den drei Sendern jeweils nicht miteinander konkurrierende Sendungen zeitlich parallel ausgestrahlt werden. „Reißverschlussprogrammierung“, nennt Weber das und verweist auf die vierstündige Musiksendung „Tonart“, die bei Deutschlandradio Kultur parallel zur „Radionacht“ im Deutschlandfunk läuft. Jede Nacht widmet sich „Tonart“ einem anderen Genre, von Klassik am Montag über Rock am Donnerstag bis Filmmusik oder der Clublounge am Wochenende.

Die Vorbereitungsphase zu der Reform war im Funkhaus am Hans-Rosenthal-Platz in Schöneberg von großer Unruhe bis hin zu verzweifelten Appellen an die Führung um Intendant Willi Steul begleitet. „Bettlägerig“ sei man nun nicht mehr, sagt Weber, „wir machen aber noch keinen Leistungssport“. Er nennt es normal, dass es durch den Wegfall eingeübter Strukturen zu Irritationen kommt, daher sei die Führung mit den Mitarbeitern „in interne Diskussionen getreten“. Bei der internen Kommunikation hapert es dem Vernehmen nach noch immer. Die Festangestellten kämpfen mit allerlei Umwälzungen, die Freien hoffen, bei einer Versammlung mit Weber, an diesem Donnerstag endlich Näheres dazu zu erfahren, wo und ob überhaupt sie in Zukunft noch Aufträge bekommen.

Zeitgleich zur Programmreform hat der Sender die Webseite überarbeitet. Auch werden intern künftig Onliner an einem Tisch mit den anderen Redakteuren sitzen. Damit hofft Weber, die Angebote von Radio und Online enger zu verzahnen.