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Dmitri Kisseljows Propaganda bei "Russland heute" : Glänzend gebildeter Zyniker

Dmitri Kisseljow, Chef der neuen Nachrichtenagentur „Russland heute“

Dmitri Kisseljow, Chef der neuen Nachrichtenagentur „Russland heute“

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AFP/MIKHAIL KLIMENTYEV

Von Russland aus betrachtet sieht die Welt anders aus. Und damit das auch so bleibt, und damit Russlands Fernsehzuschauer nicht westlich-liberaler Propaganda zum Opfer fallen, gibt es Dmitri Kisseljow. Jeden Sonntagabend erklärt er auf dem staatlichen Kanal Rossija 1 die „Nachrichten der Woche“ – so heißt sein Programm.

Die letzte Ausgabe zeigte die Unruhen in Kiew: „Leere und Schrecken“ wollte Kisseljow in den Augen der Demonstranten gesehen haben, und dem deutschen Außenminister Guido Westerwelle unterstellte er, der sei als Schwuler wohl von den Körpern der Klitschko-Brüder „erwärmt, ja überhitzt“ worden. Dabei modulierte Kisseljows Stimme zwischen echter Empörung und Ironie, so wie einst die von Sudel-Ede, dem DDR-Moderator Karl-Eduard von Schnitzler.

Gnadenfrist bis März

Ausgerechnet dieser Mann soll nun das Ansehen Russlands im Ausland aufbessern. Das erfuhr eine schockierte Journalistengemeinde am Montag. Da verfügte Präsident Wladimir Putin per Ukas die Auflösung der staatlichen Nachrichtenagentur Ria Novosti, damit Kisseljow auf deren Trümmern eine neue Agentur namens „Russland heute“ („Rossija Sewodnja“) aufbaue. Die soll sich auf Russlands Außenwirkung konzentrieren, anders als die ebenfalls staatliche Nachrichtenagentur Itar-Tass. Die 3 000 Mitarbeiter von Ria Novosti haben noch eine Gnadenfrist bis März.

Unter der bisherigen Chefredakteurin Swetlana Mironjuk hatte sich Ria Novosti einiges Ansehen erworben, aber auch Feinde im Kreml. Ria Novosti berichtete oft ausgewogen und – zumal auf der englischen Webseite – kritisch. Zugleich kostete die Agentur den Staat viel Geld. 334 Millionen Euro waren es offiziell über die letzten fünf Jahre.

Kisseljow hat am Montag seine Mission so definiert: Es gehe um die „Wiederherstellung eines fairen Verhältnisses zu Russland als einem wichtigen Land der Welt mit guten Absichten“. Wie er das erzielen will, sagte er nicht. Seine Biografie gibt darauf auch keine Antwort.

Je länger Putin regierte, desto simpler wurden die Botschaften

1954 geboren, hat er Skandinavistik in Leningrad studiert – weshalb er gerne die germanische Mythologie zitiert, aber auch Russlands historische Sieg über Schweden. Im Fernsehen arbeitete er schon zu Sowjetzeiten und in den relativ liberalen Neunzigern. Je länger und je autoritärer aber Putin regierte, desto simpler wurden Kisseljows Botschaften. Er bejubelte den Präsidenten zu dessen 60. Geburtstag als ehrgeizigsten russischen Herrscher seit Stalin, und er stach durch bizarre homophobe Aussagen hervor: Die Herzen verunfallter Schwuler sollten „vergraben oder verbrannt“ werden, da sie nicht für Organspenden taugten.

In Wahrheit, schrieb der Journalist Vitali Portnikow, sei Kisseljow ein glänzend gebildeter Zyniker, der Gut und Böse genau unterscheiden könne. Es spiele nur keine Rolle für ihn. Innerlich lache Kisseljow „über Putin, die Bonzen im Kreml und all das, was er sagen muss“. Fragt sich, wie dieser Mensch jenseits der russischen Grenzen ankommen wird. Wenn die Ukraine dafür Maßstab ist, dann ist Kisseljows Außenwirkung fatal. Im Kiewer Fernsehen wurde er längst als Witzfigur parodiert.



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