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Exklusiv: Streit um neue Redaktion: Eskalation beim Spiegel

Das Spiegel-Verlagsgebäude in der Hamburger Hafencity.

Das Spiegel-Verlagsgebäude in der Hamburger Hafencity.

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Die Situation beim Nachrichtenmagazin Der Spiegel eskaliert. Am Dienstag wurde die Mitarbeiter KG, der der Verlag zu 50,5 Prozent gehört, kurzfristig von Geschäftsführer Ove Saffe zu einer Sitzung gebeten. Dort informierten er und Chefredakteur Wolfgang Büchner die fünf geschäftsführenden KG-Vertreter im Beisein des Personalchefs, dass die Stellen aller Ressortleiter neu ausgeschrieben werden.

Die künftigen Ressortleiter sollen sowohl für das gedruckte Magazin als auch für Online gleichermaßen zuständig sein. Die Redaktionen selbst sollen nicht fusioniert werden. Nun liegt es an der KG: Sollte sie sich dem Ansinnen verweigern, stehen sowohl Saffe als auch Büchner vor ihrem mit hohen Abfindungen versüßten Abgang. Sollte die KG mehrheitlich zustimmen, dürfte die Redaktion auf die Barrikaden gehen. Am Mittwochabend wollte Büchner sich den Print- und Online-Ressortleitern erklären. Zum Treffen wollten die Ressortchefs eine Resolution mitbringen, in der die Redaktion ihm ihr Misstrauen aussprechen. Von möglicher Arbeitsniederlegung ist die Rede.

Büchners Berufung im vergangenen Jahr war auf Vorschlag Saffes erfolgt. Die KG sehnte sich damals wegen des anhaltenden Streits zwischen dem geschassten Duo Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron über die Digitalstrategie nach einer Chefredaktion, die Lösungen bietet. Selbst hatte sie keinen eigenen Kandidaten, also stimmte sie Saffes Vorschlag zu – obwohl jeder hätte wissen können, dass Büchner seine Erfolge weder als Blattmacher noch als Schreiber noch als politischer Kopf erzielt hat.

Bis zu seinem Antritt galt er vielmehr als Manager mit Interesse für neue Technologien, der die Nachrichtenagentur dpa zu einem marktgerechten Unternehmen umgemodelt hatte. Geplant war für den Spiegel allerdings, dass mit Wolfgang Krach, dem Vizechef der Süddeutschen Zeitung, und Stefan Plöchinger, Chef von sueddeutsche.de und auch beim Printblatt inzwischen Mitglied der Chefredaktion, zwei Könner ihres Fachs und Kenner des Spiegel-Verlags kommen sollen.

Als Büchners Stellvertreter zu fungieren hatten die beiden jedoch keine Lust. Bald zeigten sich Büchners Defizite. Der ihn das am meisten spüren ließ, war Martin Doerry, schon unter dem langjährigen Spiegel-Chef Stefan Aust der Mann fürs Intellektuelle. Doerry erhielt von Büchner den Laufpass und rückte in den Status eines Autors zurück ins Glied.

Hopp oder top

Die Kritik an Büchner riss nicht ab. Im Gegenteil. Zuletzt hatte eine Delegation aus drei Ressortleitern im Auftrag aller Ressortchefs das Gespräch mit Ove Saffe gesucht. Büchner sei untragbar, teilten sie ihm mit. Der Konter folgte am Dienstag. Innerhalb der nächsten zwei Jahre sollen alle Ressortleiterstellen neu ausgeschrieben werden. Der erste, den es treffen würde, wäre Wirtschaftschef Armin Mahler.

Sein Zweijahresvertrag läuft Ende 2014 aus. Üblicherweise müsste er sechs Monate vor Ablauf um weitere zwei Jahre verlängert werden. Dies ist bisher nicht geschehen, eine mündliche Zusage soll er jedoch bekommen haben. Jetzt kann er sich ausmalen, warum er so lange hingehalten wird. Mahler gehört zu Büchners größten Kritikern, ähnlich der Kulturchef, Lothar Gorris, und Alfred Weinzierl vom Deutschlandressort.

Was aber versprechen sich Büchner und Saffe von dieser radikalen Lösung, die traditionell beim Spiegel starken Ressortleiter zu entmachten, selbst die, deren Verträge Büchner wider Erwarten kurz nach seinem Amtsantritt im vorigen September verlängert hat?

Damals wollte er die Redaktion beschwichtigen. Er hatte sie mit der Berufung des Bild-Mannes Nikolaus Blome in die Spiegel-Führung schon genug aufgewiegelt. Jetzt aber hätte Büchner nur die Chance gehabt, von sich aus die Chefredaktion abzugeben – oder die Eskalation zu riskieren. Hopp oder top. Entweder setzt er sich durch, dann muss man sehen, was aus dem Spiegel wird.

Verliert er, können er und seine wenigen Unterstützer sich in der These bestätigt sehen, die Redaktion des Print-Spiegels, dessen Erlöse schrumpfen, habe den Schuss vor den Bug nicht gehört und verweigere sich gegenüber der modernen Online-Welt. Sie wahre ihre Besitzstände und geldwerten Vorteile als stille Teilhaber des Spiegel-Verlags und wolle all das nicht mit den Onlinern teilen. Spiegel Online-Redakteure sind nicht Teil der KG und profitieren auch nicht vom so genannten Hausbrauch.

Eine Frage der Zustimmungspflicht

Wie geht es jetzt weiter? Klar ist: Jetzt muss jeder der fünf KG-Geschäftsführer Farbe bekennen, darunter Marianne von Wellershoff, die Leiterin des Kultur-Spiegels, die Büchner bisher am meisten unterstützt hat. Die Verlagsgeschäftsführung jedoch, die zu all dem nicht Stellung nehmen will, scheint davon auszugehen, dass für die Ab- und Neuberufung von Ressortleitern die Zustimmung der KG ohnehin nicht erforderlich sei.

Damit hätte sie recht, wäre mit der Hauruckaktion nicht verbunden, dass die neuen Ressortleiter für die gesellschafts- und arbeitsrechtlich getrennten Redaktionen von Print und Online gleichermaßen zuständig sein sollen. Das dürfte durchaus eine die Struktur verändernde, also zustimmungspflichtige Maßnahme sein.

Print und Online zusammenzuführen, mit einer leistungsfähigen Redaktion und weiterhin starken Ressortleitern ein journalistisch starkes Blatt mitsamt Digitalausgabe zu machen, ebenso wie ein weiterhin kostenfreies Spiegel Online, allerdings mit aufwendigen und dann ebenfalls zahlungspflichtigen Zusatzangeboten, könnte bald Aufgabe einer neuen Chefredaktion sein.

Doerry und der schon unter Mascolo amtierende stellvertretende Chefredakteur Klaus Brinkbäumer stünden wohl parat, dazu käme womöglich ein jüngerer Onliner, der beide Welten kennt. Zustimmen müssten der Ab- und Neuberufung der Chefredaktion neben der KG Spiegel-Mitgesellschafter Gruner + Jahr, der beim Stern gerade ebenfalls den Chefredakteur ausgewechselt hat.

Zusammen kommen KG und G+J beim Spiegel auf die erforderliche 76-Prozent-Mehrheit. Die Erben Rudolf Augsteins mit ihren 24 Prozent tun nichts zur Sache. Eine außerordentliche Gesellschafterversammlung wird in den nächsten Tagen stattfinden.


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