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Berliner Zeitung | Heilbronner Stimme: Eine handgemachte Live-Reportage auf WhatsApp
09. December 2014
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Heilbronner Stimme: Eine handgemachte Live-Reportage auf WhatsApp

In insgesamt 32 kurzen Texten, Fotos, Karten und Videos schildert die Heilbronner Stimme eine Story über WhatsApp.

In insgesamt 32 kurzen Texten, Fotos, Karten und Videos schildert die Heilbronner Stimme eine Story über WhatsApp.

Foto:

Apple; Montage: BLZ

Zehn Stunden lang Handynummern einzutippen, zählt sicher nicht zu den aufregendsten Aufgaben, denen man als Journalist nachgehen kann. Für Vanessa Wormer und Daniel Stahl gehört die vergangene Woche dennoch zu den aufregendsten ihrer Berufslaufbahn. Die Tageszeitung Heilbronner Stimme wagte am Donnerstag, dem 70. Jahrestag der Bombardierung der Stadt, ein Experiment: Über das historische Ereignis berichteten die Redaktion in Form einer Live-Reportage auf WhatsApp.

Die Idee stammt von Vanessa Wormer, 27, und Daniel Stahl, 30: „Unser Wunsch war, dass an diesem Abend ein kollektives Raunen durch Heilbronn geht“, sagt Onlineredakteurin Vanessa Wormer. Die Heilbronner sollten durch die Whats-App-Story den Abend des 4. Dezember 1944 nachempfinden, während sie am Abend des 4. Dezember 2014 ihrem Leben nachgehen. „Wir wollten bewusst eine andere Erzählform ausprobieren“, sagt Vanessa Wormer. „Whats-App war das perfekte Medium dafür.“

Immer dabei

Der 2009 gegründete und im Februar für 19 Milliarden US-Dollar von Facebook gekaufte Messenger-Dienst WhatsApp wird immer populärer, aller Datenschutzdiskussionen zum Trotz. Anfang 2014 nutzten 32 Millionen Deutsche WhatsApp, Facebook hatte zum gleichen Zeitpunkt 27 Millionen deutsche Nutzer; Twitter kommt auf gerade einmal eine halbe Million aktive Nutzer. Nicht nur die große Publikumsreichweite macht WhatsApp für Medienmarken attraktiv, auch der intime, exklusive Charakter der Kommunikation. Als Smartphone-App ist WhatsApp ist immer dabei: morgens im Bett, mittags im Büro, abends in der Kneipe. Der Aufmerksamkeit des Empfängers kann sich der Sender dabei sicher sein.

Ob Verlage, Onlineportale oder Radiosender – weltweit wollen Redaktionen nun Teil der WhatsApp-Konversation werden, hoffen, dass ihre Texte und Beiträge bei Whats-App geteilt werden. Den Dienst als journalistische Plattform, als direkten Verbreitungskanal zu nutzen, haben bislang aber nur wenige ausprobiert. Die BBC startete im Sommer ein Projekt anlässlich der Wahlen in Indien, das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) zu den nationalen Abstimmungen im September. Und die britische Tageszeitung Oxford Mail weist ihre WhatsApp-Nutzer seit Juni einmal am Tag auf die fünf besten Artikel hin und informiert ansonsten über Breaking News aus der Region.

Die erste Kontaktaufnahme zwischen Medienmarke und Mediennutzer ist noch ziemlich beschwerlich: Wer seiner Zeitung oder seinem Radiosender bei WhatsApp folgen will, muss sich zunächst deren Nummer besorgen, sie als Kontakt abspeichern und sich dann per Nachricht für den Dienst anmelden. Auch von Redaktionsseite aus ist dieser Kommunikationsweg mühsame Handarbeit, was daran liegt, dass WhatsApp nach wie vor eine reine Smartphone-App ohne offizielle Desktop-Version ist. Bisher sperrt sich der Messenger-Dienst in seinen AGB explizit gegen eine kommerzielle Nutzung; auch Medien-Partnerschaften, wie sie etwa Facebook pflegt, gibt es nicht.

2500 Telefonnummern per Hand eingetippt

Ein redaktionelles WhatsApp-Projekt ist deshalb mit hohem Aufwand verbunden und eigentlich auch noch nicht massentauglich. Bei der Heilbronner Stimme, einer Regionalzeitung mit einer Auflage von 84.000 verkauften Exemplaren, hatten sie mit 200, maximal 300 Interessenten für ihren Ticker zum Jahrestag der Bombardierung gerechnet. Stattdessen meldeten sich 2500 Nutzer, die mitlesen wollten. 2500 Telefonnummern also, die per Hand im Redaktions-Smartphone eingespeichert und innerhalb der App auf zehn sogenannte Broadcast-Listen verteilt werden mussten – dort ist jeweils Platz für maximal 256 Nutzer. Im Unterschied zu einer normalen WhatsApp-Gruppe sieht der Empfänger einer per Broadcast-Liste verschickten Nachricht nur den Kontakt des Absenders, nicht aber die Daten der anderen Empfänger.

Für Reporter Daniel Stahl hatte die zehnstündige Fleißarbeit einen schönen Nebeneffekt: „Durch das Eintippen der Nummern hatte ich ein ganz anderes Gefühl für mein Publikum. Beim Schreiben der Texte habe ich mir dann vorgestellt, ich erzähle diesen 2500 Menschen jetzt eine Geschichte.“ In insgesamt 32 kurzen Texten, Fotos, Karten und Videos schilderte die Zeitung über WhatsApp den Schrecken der Bombardierung, bei der 6500 Menschen ums Leben kamen.

„In Heilbronn haben die Menschen gerade Feierabend“, schreibt die Stimme um 16.50 Uhr, „hier ahnt noch niemand etwas vom bevorstehenden Angriff.“ Um 19.09 Uhr heißt es: „Die Heilbronner hören Motorengeräusche am Himmel. Die ersten Flugzeuge erreichen die Stadt von Westen her.“ Und um 20.04 Uhr: „Die Menschen in den Bunkern hören seit wenigen Minuten keine Explosionen mehr. Die ersten reißen ihre Kellertüren auf. Luft. Und dann Hitze. Die ganze Altstadt brennt, aus den Fenstern der Häuser schlagen Flammen.“

Traurige Smileys

Nicht nur die technische Zuverlässigkeit der App bereitete Vanessa Wormer und Daniel Stahl während des Projekts einige, schließlich unbegründete Sorgen, sie fragten sich auch, wann wohl die ersten blöden Kommentare der Nutzer kommen. Sie blieben aus. Stattdessen: traurige Smileys und Lob in allen Variationen, nicht ein einziger negativer Kommentar auf der Facebook-Seite der Heilbronner Stimme. „Informativ“ und „spannend“ sei es gewesen, schreiben die Leser, „berührend und bewegend“, „gut gemacht“, „Geschichte hautnah“, „hätte ich einer Lokalzeitung gar nicht zugetraut“.

„So etwas haben wir beide noch nicht erlebt“, sagt Daniel Stahl über das zahlreiche positive Feedback. „Wir überlegen jetzt natürlich, wie man das weiterführen kann.“ Mehr als 90 Prozent der Nutzer wünschen sich ähnliche Formate auch für die Zukunft, ergab eine Umfrage im Anschluss an das WhatsApp-Projekt. Deswegen tue es „auch nur ein kleines bisschen weh“, dass alle 2 500 mühsam eingespeicherten Telefonnummern nun erst einmal wieder gelöscht werden mussten – das nämlich hatte die Heilbronner Stimme den Nutzern vorher versprochen.