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Henri Nannen Preis 2014: Kollegen stört Appelbaums Alleingang

Zehn Autoren bekommen für ihre NSA-Recherchen den Henri Nannen Preis. Jacob Appelbaum hält die Nannen-Büste in der Hand.

Zehn Autoren bekommen für ihre NSA-Recherchen den Henri Nannen Preis. Jacob Appelbaum hält die Nannen-Büste in der Hand.

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Henri Nannen Preis 2014

Die Idee war charmant. Der Bronzekopf sollte im Berliner Spiegel-Büro umgedreht aufgestellt werden, so, dass Henri Nannen den Blick durchs Fenster auf die US-Botschaft richtet. Dort hatte Der Spiegel im Herbst den Horchposten ausgemacht, von dem aus das Handy der Kanzlerin überwacht worden ist.

Für diese Enthüllung erhielten die zehn an der Geschichte beteiligten Autoren am vorvergangenen Freitag in Hamburg den an Stern-Gründer Henri Nannen erinnernden Preis. Neben 5000 Euro gab es die 28 Zentimeter hohe und mehrere Kilogramm schwere Büste des Berliner Bildhauers Rainer Fetting.

Diese Skulptur soll nun eingeschmolzen werden. Das beschloss einer der Preisträger, der Internet-Aktivist Jacob Appelbaum, im Alleingang. Publik gemacht hat er das am Freitag auf der Bühne des Theaters der Welt in Mannheim. Eine „brutale Ego-Show“ sei das, raunt ein Spiegel-Kollege. Was hat Appelbaum getrieben?

Er erkenne das Votum und die Jury an, sagte Appelbaum, nicht aber den Preis, der den Namen eines Mannes trägt, „der Propaganda für die Nazis gemacht hat“, nicht einfach ein Mitläufer, sondern eindeutig ein Mitgestalter gewesen sei, und mitverantwortlich für den „Versuch, einen der größten faschistischen Massenmörder der Geschichte als unschuldig darzustellen“. Er meint die Hitler-Tagebücher, deren Veröffentlichung Nannen, zu der Zeit nicht mehr Chefredakteur, aber weder initiiert noch forciert hat.

Auch über seine jüdisch-amerikanische Herkunft sprach Appelbaum und die Verpflichtung, kein Mitläufer zu sein. Er schäme sich daher, wegen des feierlichen Rahmens nicht schon bei der Verleihung das Wort ergriffen zu haben. Das erklärt nicht, weshalb er als einziger der Spiegel-Preisträger mit der Büste in den Händen für die Fotos posiert hat. Als sei es Beutekunst, sagt einer, habe Appelbaum sie auch bei der anschließenden Feier nicht mehr herausgerückt.

Appelbaum will nun sein Preisgeld zwei antifaschistischen Gruppen spenden und die Skulptur umformen lassen. „Dieser Kopf wird dann die wichtigste Figur des investigativen Journalismus darstellen: die anonyme Quelle“.

Stephanie Nannen: „Was für eine heuchlerische Aktion“

Darf er das? Beim Spiegel heißt es, Appelbaum habe in Mannheim nur für sich gesprochen. Der Preis aber gebühre allen zehn beteiligten Kollegen. „Wir fänden es bedauerlich, wenn die Büste eingeschmolzen würde.“ Fetting sagt, die Rechte an der Skulptur besitze der Stern-Verlag Gruner + Jahr. „Ich habe die Skulptur seinerzeit gemacht, weil Nannen für mich positiv besetzt war und als wichtiger Medienmann im reaktionären Nachkriegsdeutschland entscheidend dazu beigetragen hat, den Ungeist der Nazizeit zu vertreiben. Eine schwerwiegende Nazi-Problematik vergleichbar mit dem Fall Günter Grass, war mir bisher nicht bekannt.“ Wäre dem so, wäre die Aktion verständlich. „Ansonsten empfinde ich die Zerstörung eines Kunstwerkes grundsätzlich als einen groben Missbrauch.“

Nannens Vergangenheit als Kriegsberichterstatter und Soldat der Luftwaffe ist nicht vergleichbar mit Günter Grass’ Geständnis aus dem Jahr 2006, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein. Ohnehin bricht Appelbaum weder ein Tabu noch enthüllt er Neues. Henri Nannen hat sich früh zu seiner Mitschuld und Feigheit bekannt. Was er war und tat, daran erinnerten zuletzt Veröffentlichungen zu seinem 100. Geburtstag. Gleiches gilt für die auf das Jubiläum ausgerichtete Preisverleihung vor einem Jahr.

Stephanie Nannen, die vor wenigen Monaten eine lückenlose Biografie über ihren Großvater veröffentlicht hat, überrascht Appelbaums Empörung. Indem er sich im Nachhinein gegen den Preis wende, „unterstellt er der Jury, dem Verlagshaus, dem für sein Lebenswerk ausgezeichneten Alfred Grosser, der als Kind jüdischer Eltern aus Nazi-Deutschland floh – und nicht zuletzt seinen Spiegel-Kollegen, Teil einer Bewegung zu sein, die das Image von Henri Nannen reinhalten und von dessen, wie Appelbaum annimmt, wahrer Geisteshaltung als Nazi-Freund ablenken will.“ Ein investigativer Journalist, der als Nominierter zu einer Preisverleihung geht, müsste sich über den Namensgeber informieren. „Sieht er dann ein Problem, spricht er es vor Ort an und unterlässt das nicht wegen des feierlichen Rahmens. Appelbaum aber nimmt gern den Preis eines Mannes, der für all das, was investigativer Journalismus ist, steht, und hinterher kocht er sein privates Süppchen. Was für eine heuchlerische Aktion, um sich wichtig zu machen!“

Im Nachgang erscheint ein weiterer Streit aus dem Vorfeld der Gala in neuem Licht. Ursprünglich sollten im Fall des Gewinns nur vier der zehn Spiegel-Autoren auf die Bühne. Am Ende setzte sich der Kollektivgedanke durch. Alle nahmen die Büste entgegen, behalten wollte sie aber keiner, zweimal wurde sie durchgereicht. Einer behielt sie: Jacob Appelbaum.



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