Neuer Inhalt

Insolvenz der „Abendzeitung“: Es war der Traum vom linken Boulevard

Die «Abendzeitung» in München ist bestens vernetzt mit Schickeria und «Bussi-Business». Doch jetzt droht ihr das Aus. Foto: Sven Hoppe

Die «Abendzeitung» in München ist bestens vernetzt mit Schickeria und «Bussi-Business». Doch jetzt droht ihr das Aus. Foto: Sven Hoppe

Nun hat es die Abendzeitung erwischt. Das Münchner Boulevardblatt ist zahlungsunfähig. Die Familie Friedmann als Eigentümerin sehe sich nicht mehr in der Lage, weitere Mittel zur Verfügung zu stellen, teilte der Verlag am Mittwoch mit. Der Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens ist gestellt. Als vorläufigen Insolvenzverwalter hat das Amtsgericht München Rechtsanwalt Axel W. Bierbach eingesetzt.

Die Gesellschafter und Mitarbeiter hoffen nun, dass sich ein Investor findet. „Es geht jetzt im ersten Schritt darum, den Geschäftsbetrieb zu stabilisieren und sich einen Überblick zur wirtschaftlichen Lage des Verlags und zu möglichen Zukunftsoptionen zu verschaffen“, sagte der Jurist Bierbach. „Es besteht kein Zweifel, dass die Abendzeitung eine starke Marke und eine feste Größe im deutschen Boulevardjournalismus ist. Wichtig ist nun, dass Leser und Anzeigenkunden ihrem Blatt in dieser Phase die Treue halten.“

Die Zeitung wird vorerst weiter erscheinen. Die 110 Mitarbeiter, davon 50 Redakteure, erhalten bis Mai Insolvenzgeld, freie Mitarbeiter müssen sich in die Schlange der Gläubiger einreihen.

Johannes Friedmann sprach vor der Redaktion von einem „bitteren Augenblick“ sowohl für ihn als auch für die Familie, die er im Gesellschafterkreis vertritt. Die Redakteure äußerten sich auf der Webseite der Zeitung: „Wir sind traurig und geschockt. Aber wir geben nicht auf.“ An die Leser und letztlich auch an die Anzeigenkunden adressierten sie das Versprechen: „Wir machen weiter – für Sie“.

Die 1948 von Werner Friedmann gegründete Abendzeitung war das, wovon die 68er-Generation träumte: ein linkes Boulevardblatt, einflussreich, ebenso unterhaltsam wie informativ. Herzstück war das umfangreiche Feuilleton, das lange Jahre das Lebensgefühl der Münchner Gesellschaft spiegelte.

Die Talentschmiede

Große Namen des deutschen Journalismus arbeiteten für das Blatt: Buchautor Michael Jürgs, später Stern-Chefredakteur; der für seine Interviews bekannte Arno Luik, heute Stern; der als Star gefeierte Klatsch-Reporter Michael Graeter; Harald Martenstein, heute Kolumnist der Zeit, Marie von Waldburg, Kolumnistin der Bunten, Polit-Talker Frank Plasberg – und nicht zu vergessen: der inzwischen verstorbene Werner Meyer, der 37 Jahre als Chefreporter für die AZ unterwegs war, und die legendäre Filmkritikerin Ponkie (eigentlich Ilse Kümpfel-Schliekmann), die seit 1956 für das Feuilleton schreibt.

1986 war die Abendzeitung Protagonistin der Serie „Kir Royal“ von Helmut Dietl und Patrick Süskind. Franz Xaver Kroetz spielte den Klatschreporter Baby Schimmerlos, Ruth Maria Kubitschek die von Anneliese Friedmann inspirierte Verlegerin Friederike von Unruh.

Nach journalistischen Haudegen wie Uwe Zimmer und Kurt Röttgen wurde 2008 Arno Makowsky von der Süddeutschen Zeitung Chefredakteur. Da war die Abendzeitung längst ein Schatten ihrer selbst. Von 106 000 verkauften Exemplaren gehen derzeit 31 000 über den Kiosktresen. Die Zahl der Abonnenten ist mit 35 000 so hoch wie die „sonstigen Verkäufe“. Die schlichtere Konkurrentin tz aus dem Haus von Verleger Dirk Ippen hat die einst ruhmreiche Abendzeitung überholt.

Seit 2001 summierten sich die Verluste auf rund 70 Millionen Euro; zehn davon allein im Jahr 2013. Auch die Allianz mit dem Süddeutschen Verlag, an dem die Familie Friedmann 18,75 Prozent hält, brachte keinen Erfolg. Zuletzt finanzierte sich der Verlag durch Verkäufe, etwa des Gebäudes in der Sendlinger Straße oder der Anteile an Radio Gong.


Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?