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Interview mit Bela Réthy: Die Sehnsucht nach dem echten, wahren Fußball

Béla Réthy, seit Jahrzehnten mit dem Fußball verbunden.

Béla Réthy, seit Jahrzehnten mit dem Fußball verbunden.

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imago/Martin Hoffmann

An diesem Mittwoch stehen noch einmal Viertelfinal-Spiele im DFB-Pokal an, am kommenden Dienstag geht es mit den Achtelfinals in der Champions League weiter. Es sind aufregende Zeiten für Fußballfans und Journalisten. Wir sprachen mit Béla Réthy, der das Spiel KAA Gent gegen VfL Wolfsburg kommentiert.

Herr Réthy, in meiner Jugend war ich glühender Anhänger von Bayer 05 Uerdingen ...

Oh, da war ich oft! Grotenburg-Kampfbahn! Da kannte ich jeden Schäferhund. Als Jungreporter musste man sich ja erst einmal etablieren und wurde deshalb nach Wattenscheid und Uerdingen geschickt, auch mal nach Bochum. Irgendwann wollte man auch gar nicht mehr weg da. Das war so nett und persönlich.

Ich habe dort in den 80ern geschaut, ob irgendwo eine Kamera war, das hätte nämlich bedeutet, dass das Spiel in der „Sportschau“ gezeigt wird. Da hatte Fußball im Fernsehen noch eine ganz andere Magie ...

Das hatte schon eine gewisse Strahlkraft. Man hat sich manchmal wochenlang auf bestimmte Spiele gefreut. Aber weil Sie gerade die Grotenburg ansprechen: Ich war dort, als Redakteur an der Seite des Reporters Rolf Kramer, bei einem Europokalspiel, legendär. 7:3 gegen Dynamo Dresden ...

Ach ja, das Spiel des Jahrhunderts, und Rolf Kramer kommentiert, sagen wir: sehr sachlich.

Der Rolf war ein großartiger Journalist und ein guter Reporter, aber er hatte eine eher komprimierende Art. Wenn Friedhelm Funkel am Ball war, hat er halt „Funkel“ gesagt. Damals hat man sich noch mit dem Patriotismus zurückgehalten.

Das ist heute ganz anders. Dabei hat Hanns Joachim Friedrichs doch gesagt, einen guten Journalisten erkenne man daran, dass er sich nicht mit einer Sache gemein mache ...

Auch nicht mit einer guten.

Genau. Inzwischen gibt es eine gewisse Parteilichkeit bei den Reportern, wenn eine deutsche Mannschaft ein internationales Spiel bestreitet.

Ja, das ist eine Dienstleistung an den Kunden. Aber man verliert ja nicht die Objektivität dadurch. Ich habe zum Beispiel bei der WM in Brasilien Deutschland gegen Algerien kommentiert. Eine katastrophale Vorstellung der Mannschaft. Und trotzdem hat man sich als Reporter am Ende mit ihr gefreut, weil sie das Viertelfinale erreicht hat. Man ist ja Mensch und trotzdem Analytiker. Ich finde, die Mischung geht und soll erlaubt sein. Sie nennen das Parteilichkeit, ich nenne das ... auch Parteilichkeit. Aber man darf die kritischen Punkte nicht verschweigen. Ich habe sie nicht verschwiegen, und darüber waren einige beim DFB auch etwas pikiert.

Sie haben ja auch das 7:1 gegen Brasilien kommentiert. Wie war das?

Es war schwierig, weil sämtliche Zutaten für eine Reportage – Dramaturgie, Spannung und so weiter – weggefallen sind. Die Gründe waren benannt, die Mannschaft war gefeiert worden, und als es 5:0 stand, blieb noch eine Stunde. Eine sonderbare Situation.

Können Sie es noch genießen, privat ein Fußballspiel anzuschauen?

Sie müssen irgendwo auch Fußballfan sein, sonst könnten Sie den Job nicht machen. Fußball, ohne arbeiten zu müssen, ist für mich Freizeit. Ich bin auch schon mal im Stadion, ess’ meine Wurst, trinke mein Bierchen und darf auch ein wenig pöbeln. Dass geht am Mikro nicht.

Welchen Reporter-Typ bevorzugen Sie eigentlich, wenn Sie sich im Fernsehen ein Spiel ansehen? Den Analytiker? Oder den emotionalen?

Ich möchte vom Reporter, der ja im Stadion vom Spielfeld deutlich mehr sieht als der Zuschauer auf dem Fernsehschirm, schon eine taktische Einordnung haben. Aber nicht permanent belehrend. Mir reicht „So spielen sie, so haben sie bisher Erfolg gehabt oder auch nicht“ – und dann noch ein paar Infos, wenn der Trainer während des Spiels umstellt. Ansonsten plädiere ich schon eher für die Emotionen – wenn die Fakten benannt sind.

Im Zeitalter von Pep Guardiola und Co. ist Fußball ja deutlich komplexer geworden ...

Manchmal auch überkompliziert. Wenn man alles, was man mit Trainern so bespricht, weitergeben würde an das Publikum, bekäme das ganze Seminarcharakter, und wo bleibt dann die Unterhaltung? Guardiola will im Grunde genommen nur, dass seine Mannschaft auf Zuruf vier, fünf Systeme spielen kann. Und die Systeme an sich sind ja kein Hexenwerk. Er ist kein Guru, er ist einfach ein guter Trainer.

Sie haben in den sozialen Netzwerken ja leidvolle Erfahrungen machen müssen, was die, nennen wir es: Kritik an Ihrer Arbeit geht.

Wer nicht, der in der Öffentlichkeit steht? Die sozialen Medien nehmen generell eine sehr ungute Entwicklung. Was da für ein Potenzial an Hass, Niedertracht, Rassismus zutage tritt, das ist schon erschütternd.

Marcel Reif hat in der Süddeutschen Zeitung erzählt, er habe einem Typen, der in einem Forum etwas extrem Unziemliches über ihn gepostet hat, mal zurückgeschrieben, Zitat: „dir hat man ins hirn geschissen“ .

Ja, hat er?

Jawohl. Haben Sie so etwas auch schon mal getan?

Nö. Ich trete nicht in Interaktion mit diesen Leuten. Ich versuche, breit aufgestellt zu sein für das Publikum, aber ich kann das Niveau nicht beliebig weit nach unten schrauben. Ich bin so aufgewachsen und erzogen worden, dass ich auf Argumente reagiere. Rede – Gegenrede, mit dem Blick in die Augen. Ich würde auch niemals über jemanden etwas schreiben, was ich demjenigen nicht auch ins Gesicht sagen würde. Eine Frage des Anstands.

Die internationalen Turniere werden weiter aufgebläht, die Fernsehgelder in Großbritannien gehen ins Astronomische – wie wird sich der Fußball noch entwickelt?

Wie das Römische Reich. Irgendwann wird seine Ausdehnung zu groß, er explodiert und wird wieder klein. Das wird mit den Füßen abgestimmt werden, und es gibt ja auch schon erste Tendenzen. In England zum Beispiel sind die Zweitligastadien voll, hervorragende Atmosphäre mit alten Traditionsvereinen, kein Operettenpublikum.

Die Konsequenzen daraus zieht aber niemand ...

Natürlich – solange man viel Geld requirieren kann, wird es gerne genommen. Jetzt will die DFL ja bei der Vermarktung der Bundesliga über die Milliardengrenze hinaus. Aber wie sehr freuen wir uns über einen Verein wie Darmstadt! Dass die da mithalten können, dass es noch so etwas Romantisches hat und nach Bratwurst riecht und nach Rasen, nach dem Ursprünglichen – das gefällt allen. Der Wunsch ist da, ein bisschen mehr Darmstadt zu haben. Auch bei jungen Leuten. Die Fans haben ja auch ein Traditionsbewusstsein. Warum mokiert man sich so über Hoffenheim oder über RB Leipzig? Weil die Leute offenbar spüren, dass sich der Fußball durch solche Vereine verändert. Aber alles legal, alles gut. Es kann ja auch sein, dass die Traditionsclubs zu schlecht gewirtschaftet haben und die anderen Modelle erfolgreicher sind. Das ist dann Darwinismus.

Wann wird es Ihnen zu viel werden?

Nie. Der Ball rollt immer. 11 gegen 11. Ich kann die ganzen Hintergründe sehr gut ausblenden. Ich gucke einfach zu gerne Fußball.

Sie haben jetzt schon über 300 Spiele im Profi-Fußball kommentiert. Sind Sie manchmal noch nervös?

Das hat mit Erfahrung nicht so viel zu tun, sondern mit dem Charakter. Ich war sogar beim ersten Spiel nicht besonders nervös. Ich denke immer, das ist eine schöne Sache, das ist Fußball, es geht nicht um die Wasserstoffbombe, es geht nicht um den Hunger auf der Welt. Es ist Spaß, es ist Freude. Und es ist ja auch nur Fernsehen.

Ach, wenn das doch mehr Menschen so sehen würden.

Um noch einmal auf die sozialen Medien zurückzukommen: Man möge uns nicht so wichtig nehmen. Wir begleiten das Spiel, wir geben Informationen, wir arbeiten alle auf hohem professionellen Niveau, manchem gefällt’s, manchem nicht, man kann auch weghören. Also – einfach mal ein bisschen weniger wichtig nehmen. Fände ich gut.

Das Gespräch führte Marcus Bäcker.