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Berliner Zeitung | Interview mit Katrin Müller-Hohenstein: Darf man als Sport-Moderatorin einen Lieblingsverein haben?
28. December 2015
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Interview mit Katrin Müller-Hohenstein: Darf man als Sport-Moderatorin einen Lieblingsverein haben?

Darf ein Sportreporter Fan einer Mannschaft sein? Darf er, sagt die ZDF-Sportmoderatorin Katrin Müller-Hohenstein, Anhängerin des 1. FC Nürnberg.

Darf ein Sportreporter Fan einer Mannschaft sein? Darf er, sagt die ZDF-Sportmoderatorin Katrin Müller-Hohenstein, Anhängerin des 1. FC Nürnberg.

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imago/Chai v.d. Laage

Derzeit ist Katrin Müller-Hohenstein vor allem im stundenlangen Wintersportmoderationseinsatz, bekannt geworden ist sie indes durch „Das Aktuelle Sportstudio“ im ZDF. Ein Gespräch über Gelassenheit vor der Kamera, vorsichtige Profis und die Jagd nach der Quote.

Frau Müller-Hohenstein, Sie wurden vor zehn Jahren ganz ohne Fernseherfahrung Moderatorin des „Aktuellen Sportstudios“. Welche Eigenschaft haben Sie seitdem vor der Kamera erworben?

Gelassenheit. Irgendwann weiß man: Mir fällt in jeder Sekunde was ein, weil ich – das klingt sehr unromantisch – eine Schublade aufziehe, in der schon etwas drin ist. Kürzlich ist der Beitrag zu einem Spiel nicht abrufbar gewesen. Vor neun Jahren hätte ich da noch schweißnasse Hände bekommen.

Hat sich das Verhalten Ihrer Gesprächspartner in den vergangenen zehn Jahren verändert?

Nach meinem Eindruck sind sie vorsichtiger geworden. Den Profi-Fußballern fliegt ein falscher Nebensatz innerhalb kürzester Zeit so um die Ohren, dass sie gut beraten sind, sich zurückzuhalten.

Gibt es Ausnahmen?

Ganz wenige. Thomas Müller redet nach wie vor, wie ihm der Schnabel gewachsen ist.

Sie sind vielen mit der Formulierung während der WM 2010 in Erinnerung, als Sie nach einem Tor von Miroslav Klose vom „inneren Reichsparteitag“ sprachen. Dafür gab es Kritik.

Die Formulierung war überhaupt nicht so gemeint, wie sie interpretiert wurde. Ich komme aus Franken, da ist das ein geflügeltes Wort.

Aber Sie erwischte der Shitstorm.

Ach, der holt jeden irgendwann mal ein. Ich finde es nur erstaunlich, wie die Kollegen der schreibenden Zunft in der Lage sind, eine Riesennummer daraus zu basteln.

Gibt es zu wenig kritische Distanz im Sportjournalismus?

Das muss jeder für sich selbst bewerten. Ich habe in meinem Telefon genau drei Privatnummern von Spielern, die ich sehr schätze. Das weiß aber kein Mensch.

Würden Sie mit diesen Spielern ein Interview führen?

Ja. Aber keiner würde merken, dass ich sie mag oder kenne.

Sehen Sie darin keine Gefahr?

Welche Gefahr geht davon aus, wenn sich ein Sportmoderator mit einem Spieler gut versteht?

Dass seine Neutralität verloren geht, und er keine kritischen Fragen stellt.

Das sehe ich nicht so. Es stellt sich dann ja auch die Frage: Darf ein Sportreporter überhaupt Fan einer Mannschaft sein?

Darf er?

Ja, logisch. Ansonsten wäre man nie zu diesem Job gekommen. Ich behaupte mal, jeder Mensch, der sich für Fußball begeistert, hatte als Kind einen Lieblingsverein, das kann man ja nicht einfach abstellen.

Nun spielt der 1. FC Nürnberg ohnehin gerade nicht in der Bundesliga.

Ich weiß gar nicht, was Sie meinen … Es gibt ja auch noch andere Vereine, die ich mag.

Im Jahr 2013 haben ARD und ZDF 790 Millionen Euro für Sport ausgegeben – auf der Jagd nach einer guten Quote. Müssen sich nicht gerade die Öffentlich-Rechtlichen von der Quote lösen?

Was wir zeigen, muss eine gewisse Relevanz haben. Und wenn wir sehen, dass sich viele Zuschauer für etwas interessieren, finde ich es legitim, dass wir das auch zeigen. Biathlon hat im Vergleich zu anderen Wintersportarten oft eine sehr gute, wenn nicht die beste Quote. Aber wir sehen unseren Auftrag und zeigen auch alles andere.

Müssen der Sport und seine Institutionen transparenter werden?

Das werden sie ja vielleicht automatisch. Warten wir mal ab, wie das neue DFB-Präsidium aussehen wird. Die Interimspräsidenten fordern ja selbst Aufklärung und Transparenz in der Angelegenheit.

Wären Sie auch für mehr Transparenz beim gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Fernsehen? Hätten Sie etwa ein Problem damit, Ihr Gehalt für die Moderation des „Sportstudios“ offenzulegen?

Transparenz ist derzeit sehr angesagt. Dass jetzt jeder Mensch sein Gehalt offenlegen muss, ist damit noch nicht zwingend verbunden. Würden Sie Ihr Gehalt offenlegen?

Ich arbeite nicht bei den Öffentlich-Rechtlichen und werde nicht von den Bürgern bezahlt. Von Politikern sind die Gehälter leichter einsehbar als die von Fernsehmoderatoren.

Das ist aber auch eine gesellschaftliche Frage: In Schweden weiß zum Beispiel jeder, was der Nachbar verdient. In Deutschland ist das nicht so. Da würde ich mir zunächst mal die Frage stellen, ob wir das dann nicht alle machen müssten.

Wäre es für Sie eine Option, bei einem Privatsender zu arbeiten?

Ich habe fast 20 Jahren beim privaten Rundfunk gearbeitet. Jetzt arbeite ich für das ZDF, was in erster Linie daran liegt, dass es dort „Das Aktuelle Sportstudio“ gibt. Das ist die einzige Sendung, die ich als Kind schon machen wollte.

Das Gespräch führte Kaspar Heinrich.


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