Neuer Inhalt

Interview mit Nora von Waldstätten: „Berlin ist mein Zuhause, mein Lebensmittelpunkt“

Die gebürtige Wienerin Nora von Waldstätten lebt seit zwölf Jahren in Berlin.

Die gebürtige Wienerin Nora von Waldstätten lebt seit zwölf Jahren in Berlin.

Foto:

Julia Spicker

Kurz bevor das Interview beginnt, läuft eine kleine, zierliche Person in einer weiten Jacke durch die Lobby des Hyatt-Hotels am Potsdamer Platz: Nora von Waldstätten, 34 Jahre alt, in Wien geboren, seit zwölf Jahren in Berlin lebend, eine der besten deutschsprachigen Schauspielerinnen unserer Zeit. Niemand dreht sich nach ihr um, niemand erkennt sie. Sie scheint zu diesen Menschen zu gehören, die beides können: sich in der Öffentlichkeit verstecken und vor der Kamera so präsent sein, dass man sie nicht mehr vergisst.

„Die dunkle Seite des Mondes“ heißt Ihr neuer Film. Der Titel ist ja eigentlich ein Zitat von Mark Twain.

Stimmt! Im Zuge der Recherche habe ich davon gelesen. Ich habe ihn aber erst mal ganz selbstverständlich mit Pink Floyd verbunden: The Dark Side of the Moon. Mark Twain hat gesagt: „Jeder ist ein Mond und hat eine dunkle Seite, die er niemandem zeigt.“ Das ist ein spannender Gedanke, weil man die Rückseite des Mondes ja tatsächlich nie sieht. Es sei denn, man ist Astronaut.

Aber stimmt es auch? Ist es tatsächlich so, dass jeder eine dunkle Seite hat?

Ich glaube, dass jeder in seinem Leben immer wieder damit konfrontiert ist, mal neidisch, geizig, egoistisch oder einfach mal „eng“ zu sein. Die Frage ist nur, wie geht man damit um? Stellt man sich dem und sagt: Ok, das ginge auch anders. Humor und Selbstironie sind da total wichtig. So kommt man aus seiner emotionalen Sturheit wieder raus und ist wieder frei, neue Wege zu denken.

So richtig dunkel klingt das jetzt aber nicht. Im Vergleich zumindest zu der Figur, die Moritz Bleibtreu im Film spielt: ein erfolgreicher Wirtschaftsanwalt, der von einer Frau zu einem Trip mit halluzinogenen Pilzen verführt wird und danach seine Persönlichkeit verändert. In einer Szene wird er von einem Auto überholt und beschleunigt mit, er kann nicht anders, er will nicht verlieren, und dann kommt es zum Unfall.

Die ist krass, die Szene, schon im Buch von Martin Suter. Auch die Szene, wie er Lucilles geliebte Katze tötet. Weil das so aus dem Kalten passiert. Bei der Premiere in Zürich ging ein Aufschrei durchs Kino.

Die Figur, die Sie spielen, ist das Gegenteil: eine Hippie-Frau, die tanzt und kocht und total locker ist.

Das fand ich so spannend bei Lucille. Eine Frau, die so hell ist, so keck, die ihr Ding macht, freiheitsliebend und total bei sich ist. Und dann stößt jemand wie Urs Blank in ihr Leben, der totale Kontrast. Nach dem Pilztrip verliert er mehr und mehr seine Fassung, zuerst verbal, später auch physisch. Darum hat sie nicht gebeten, damit hat sie nicht gerechnet. So hat sie das Leben eingeholt und völlig überrumpelt. Wie geht sie nun damit um?

Sonst spielen Sie eher andere Frauen. In der österreichischen Serie „Altes Geld“ zum Beispiel sind Sie eine reiche, verwöhnte Tochter, die 14 Selbstmordversuche hinter sich hat und ihre Mitmenschen manipuliert. Man kann regelrecht Angst vor Ihnen bekommen.

Das ist eine tolle und außergewöhnliche Miniserie. Dementsprechend habe ich mich gefreut, als ich die Rolle bekommen habe. Das sind Figuren, da muss man beim Spielen auf die Zwölf gehen. Das schreit danach. Der Regisseur David Schalko ist großartig, mit ihm zu arbeiten, ist befreiend. Er hat uns unter anderem geraten, bei diesem Projekt die Figuren nicht auf der psychologischen Ebene zu erarbeiten, sondern über die Sprache, die Körperlichkeit, aber auch über ein starkes Kostüm und Maskenbild. So kam es, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben blonde Augenbrauen hatte. Zusammen mit der hellblonden Perücke hat man mich auf den ersten Blick gar nicht mehr erkannt. Beim Spiel muss man sich reinwerfen und alles wagen.

Um so zu arbeiten, muss ich meinem Regisseur komplett vertrauen können.

Ist das so eine spezifisch österreichische Art von Humor, die Ihnen das deutsche Fernsehen so nicht bieten kann?

Der österreichische Humor und der sezierende und ungeschönte Blick auf die Dinge sind schon einzigartig. Ob bei „Braunschlag“ – Schalkos erster Miniserie – oder bei Murnbergers Brenner-Triologie oder Seidls „Hundstage“. Die Remake-Rechte von „Altes Geld“ sind jetzt nach Amerika verkauft worden. Ich bin gespannt, wie sie das umsetzen werden. Die Serie läuft demnächst auch in Deutschland an.

Haben Österreicher einen besseren Humor?

Auf jeden Fall haben sie einen sehr guten. Und manchmal auch einen etwas bösen und schwarzen Humor. Es heißt, dass der österreichische Humor mit dem englischen durchaus etwas gemein hat.

Sie haben drei Geschwister, und wenn man Sie so erlebt, kann man sich gut vorstellen, dass das alles Brüder waren und Sie die kleine Schwester, die sich mit Humor und Schlagfertigkeit durchsetzen musste.

Nicht ganz, ich habe zwei Brüder und eine Schwester. Ich bin die in der Mitte, und ja, ich habe mir meinen Platz durchaus mit Schlagfertigkeit, Humor und einer Prise Theatralik erkämpft. Und ich finde es einfach unglaublich wichtig, dass man über sich lachen kann.

Ist es Ihnen dann nicht schwer gefallen, als Hippie-Frau gecastet zu werden? Sind Sie im Strickpullover gekommen?

In einer Wollstrickjacke, die ich privat sehr gerne trage. Jetzt ist sie meine Glücksstrickjacke. Als ich dann die Rolle bekommen habe, habe ich sofort gedacht, Lucille muss lockiges wildes Haar haben! Auf der Kostümprobe hatten wir viel Spaß. Ich habe einen Originalponcho aus Südamerika vorgeschlagen, einen alten Wollpulli habe ich dann selber auf dem Flohmarkt gefunden.

Das heißt, dass Sie als Schauspielerin die Figur auch mit entwerfen, bis ins Äußerliche?

Ja, am Ende des Tages weiß ich als Schauspielerin ja am genauesten, wie die Figur tickt, was sie empfindet, zumindest sehe ich das als Teil meines Berufs. Ich möchte herausfinden, was isst und was hört meine Figur. Ich verwende auch gerne Musik, um in die Stimmung der Person und der Szene reinzukommen. Ich habe für viele Rollen eine eigene Playlist zusammengestellt.

Was hatte die Hippie-Frau denn für eine Playlist außer Pink Floyd?

Zum Beispiel David Bowie, Bob Dylan und The Concert in Central Park von Simon & Garfunkel.

Und was aß sie so?

Vegetarisch. Das war ganz klar, dass Lucille Vegetarierin ist und wie im Buch Zimttee trinkt.

Das stand nur im Roman und gar nicht im Drehbuch?

Genau. Ich habe die Informationen aus dem Buch und aus dem Drehbuch zusammengetragen und daraus eine Biografie erstellt, mich gefragt: Wo muss ich Sachen verankern, damit gewisse Charakterzüge und Reaktionen schlüssiger sind? Aber auch: Wie war sie in der Schule, war sie gut in Mathe? Hat sie ein Auslandsjahr gemacht, Sachen, die im tatsächlichen Film überhaupt nicht vorkommen, aber wie ich finde, trotzdem mitschwingen. Beim Projekt „Carlos“ wurde ich von der Ausstattung gefragt: Was würde Magdalena Kopp trinken? Rotwein! Ganz klar! Das habe ich in ihrer Biografie gelesen und gleich notiert. So arbeite ich mich in die Figuren hinein und fange an, ihre Welt zu kreieren. Kostüm und Maskenbild sind dabei ganz wichtige Bausteine.

Schreiben Sie diese Dinge nur auf, oder leben Sie in der Zeit vor dem Drehen auch das Leben Ihrer Figur und trinken dann auch privat Zimttee?

Ich habe mir für diese Zeit auch spaßeshalber Yogi-Zimttee geholt. Aber das ist schon alles. Ich spiele die Rolle nur, wenn die Kamera läuft. Die Zeit des Schminkens und Kostümanziehens benutze ich sehr bewusst als Verwandlungsakt in die Rolle. Da kommt dann auch die Playlist zum Einsatz.

Dann ist Showtime, und abends geht es rückwärts: ganz bewusst Abschminken, das Kostüm ablegen. Dann ist Feierabend, und ich freue mich, etwas ganz anderes zu sehen und Frischluft durchziehen zu lassen. Es gibt Kollegen, die durchaus im Gang der Figur durch die Stadt laufen. Ich überlege mir manchmal auch eine spezielle Gangart, die übe ich aber nur für mich im Wohnzimmer.

War Ihnen diese Lucille nah in ihrem spontanen ungeordneten Leben, oder haben Sie es sonst gern ein wenig geordneter, systematischer?

Es gibt Schnittmengen, ich reise zum Beispiel wahnsinnig gerne, nach der Schule habe ich es sehr genossen, die Welt zu sehen, neue Städte zu erkunden. Und ich finde es auch cool, an fremden Orten zu sein und es einfach mal laufen zu lassen, loszugehen, um sich zu verlaufen. Auf der anderen Seite bin ich auch sehr organisiert und strukturiert. Ich liebe Herausforderungen, und wenn es darum geht, eine Hürde zu erklimmen, etwas zu durchdringen, dann spornt mich das an. Vielleicht kommt das von meiner Ballett-Erziehung, ich habe ja damit angefangen, als ich so sechs war.

Du erlernst eine Choreografie nicht ohne Arbeit, man dreht eben dreifache Pirouetten nicht einfach so ungeübt. Die Pünktlichkeit kommt bei mir sicher vom Theater. Ich stelle mir drei Wecker, wenn ich Vorstellung habe, damit ich ja nicht zu spät komme. Das sind so Sachen, die mir in Fleisch und Blut übergegangen sind. Das hat mit Respekt zu tun. Auch privat bin ich pünktlich. Ich will einfach nicht, dass jemand auf mich warten muss. Und wenn ich auf Reisen gehe, nehme ich mir etwas Eigenes mit, meinen Lieblingstee oder mein Duftspray.

Duftspray?

Ja, das brauche ich, wenn ich in einem Hotel ankomme, und das Zimmer ist ein ehemaliges Raucherzimmer, in dem gefühlt drei Wochen nicht gelüftet wurde.

Dann sprühen Sie los?

Mein Kopfkissen sprühe ich gerne mit Lavendelduft ein. Fürs Zimmer zünde ich meine Duftkerze Pomegranate Noir von Jo Malone an und fühle mich sofort wie zu Hause. Wenn man so viel rumreist, ist das so, als ob man eine Pflanze immer wieder umtopft. Dafür habe ich mir über die Jahre diese Tricks ausgedacht. Auch, die eigene Teetasse mitzunehmen, hilft schon, um anzukommen, egal, wo man ist.

Und was machen Sie, wenn Sie zurückkommen von diesen Reisen?

Erst mal einen Großeinkauf, ich besorge ganz viel zu essen und bleibe zwei Tage zu Hause, koche, lese, koche, schaue eine Serie und freue mich total, einfach mal wieder in meinen vier Wänden zu sein. Das tut mir gut. Kochen ist wie Meditation, ohne dass ich mir das vornehmen muss. Es macht mir Spaß, und ich lade Freunde ein, die ich ewig nicht gesehen hab.

Ihre Kochkünste sind ziemlich berühmt. Sie empfehlen sogar in der Zeit Rezepte. Wann haben Sie mit dem Kochen angefangen?

Ja, seit einigen Jahren habe ich meine eigene Kolumne im Zeit-Magazin, in der ich über Essen schreibe. Ich habe total früh, kaum, dass ich über den Herd gucken konnte, mit dem Kochen angefangen. Mich hat es immer etwas genervt, dass es bei uns zu Hause nur Abendbrot gab. Ich wollte abends viel lieber warm essen. Das fand ich wesentlich spannender als Brot mit Käse und Essiggurke. Als ich meine erste Wohnung in Berlin hatte, habe ich gleich angefangen mit dem Kochen, auch für mich alleine und durchaus etwas Aufwendiges. Das ist wie ein Geschenk für mich, auch weil es so ganz ohne Bewertung passiert.

Aber Kochen ist auch eine Inszenierung, wie im Theater. Das stört Sie nicht?

Das stimmt, man schnippelt stundenlang und bereitet vor, und dann gibt es diesen einen Moment, und alles ist schon wieder vorbei. Es ist ja wirklich kurios, in welch kurzer Zeit aufwendigst zubereitetes Essen verspeist ist. Deshalb koche ich besonders Aufwendiges meist für Leute, von denen ich weiß, sie können es schätzen.

Haben Sie das Kochen richtig gelernt?

Nein, ich hab meiner Mutter zugeguckt und mitgeholfen, und ein Freund von mir ist ein extrem guter Hobbykoch, da schaue ich ganz genau zu oder mache mit. Ich würde gerne, habe aber noch nie einen Kochkurs belegt, koche auch nur selten nach Rezept. Ich lese gerne nach, um mich inspirieren zu lassen oder um die Technik zu lernen, aber in der Regel gucke ich, was in der Gemüseschublade ist, was der Metzger in der Vitrine hat, oder worauf ich gerade Lust habe – was habe ich ewig nicht mehr gegessen?

Haben Sie eine super ausgestattete Küche?

Ich habe zum Beispiel keinen Dampfgarer.

Aber offensichtlich schon mal darüber nachgedacht, sich einen anzuschaffen.

Ja, es wird einem ja auch immer suggeriert, wie sehr man dieses oder jenes noch brauchen könnte. Aber ich finde, da reicht auch der 5-Euro-Dünsteinsatz.

Was haben Sie zuletzt gekocht?

Selbst gemachte Aioli und Fischvariationen, dazu Rosmarinkartoffeln. Das schmeckte ziemlich lässig. Ich versuche mich in letzter Zeit auch mehr an vegetarischen Gerichten. Ich merke, dass meine Tendenz eher zum Sonntagsbraten geht. Darauf zu achten, wo das Fleisch herkommt und den Fleischkonsum zu reduzieren, macht einfach Sinn. Aus ethischen und gesundheitlichen Gründen. Und auch, um beim Kochen einfallsreich zu bleiben.

In Ihrem neuen Film werden ziemlich viele Pilze gegessen, auch welche mit berauschender Wirkung. Ist Ihnen so etwas schon mal untergekommen?

Nein. Das reizt mich überhaupt nicht. Es reicht mir völlig, davon zu lesen, wie in Martin Suters Roman, der Vorlage zum Film. Ich habe für mich eine Übersetzung gesucht für den Trip, den meine Figur hat und habe sie im Tanzen gefunden. Das mache ich in der Szene dann ja auch.

Moritz Bleibtreus Figur brutzelt im Verlauf des Films einige Pilzgerichte, aus Pilzen, die er im Wald gefunden hat. Gehen Sie auch Pilze sammeln?

Als Kinder waren wir mit den Eltern oft im Wald spazieren und haben, wenn Saison war, auch Eierschwammerln gesucht. Aber seitdem habe ich das nicht mehr gemacht. Es wäre natürlich cool, so ein Plätzchen zu kennen, wo man immer die besten Steinpilze findet. Wenn ich nicht in einer Stadt drehe, erkunde ich immer in der drehfreien Zeit die Umgebung auf der Suche nach Natur, Ruheplätzen oder einem schönen Blick. Ich mache auch wahnsinnig gern Urlaub am See in Österreich. Wenn ich auf das Wasser und die Berge schaue, holt mich das total ab, ich muss da gar nicht weit wegfliegen. Oder den Berg hinaufklettern.

Fehlt Ihnen als Österreicherin die Nähe der Berge in Berlin?

Die Natur überhaupt, ja. Obwohl Berlin den riesigen Tiergarten hat und eine Weite, die ich sehr liebe, ist es keine Stadt mit übermäßig viel Natur innerhalb. Drumherum sind natürlich viele Seen. Nur manchmal fehlen mir einfach die Berge oder ein Bergsee. Aber das ist o.k., das kann man von Berlin auch nicht verlangen.

Vermissen Sie hier noch etwas?

Meine Familie, klar, und das Essen, wobei das easy ist mit so vielen österreichischen Lokalen in der Stadt.

Wo gibt es denn das beste Wiener Schnitzel?

Ich finde, da sind einige ziemlich auf Augenhöhe, ob im Alpenstück in Mitte, im Jolesch in Kreuzberg oder im Ottenthal in Charlottenburg – die haben das echt drauf.

Wie geht denn nun ein richtiges Wiener Schnitzel?

Das ist nicht ohne. Da gibt es viel zu beachten. Es muss ja zum Beispiel so viel Fett in der Pfanne sein, dass man es schwenken kann, so entstehen die Blasen zwischen dem Kalbfleisch und der Panade. Es darf aber nicht zu heiß sein, und man darf im Vorfeld nicht zu lange brauchen mit dem Panieren, weil sonst die Panade durchweicht. Mein letztes Schnitzel hat genau deshalb so derartig nicht geklappt, dass ich froh war, dass ich niemanden eingeladen hatte. Wenn ich für Freunde koche, gibt es eher a Gulasch mit Semmelknödeln.

Jetzt hat man wieder kurz die Österreicherin gehört. Legen Sie den Dialekt eigentlich extra ab im Beruf, und privat ist er dann wieder da?

Das passiert nicht wirklich bewusst. Wenn ich über Österreich rede, ist er schnell wieder da, und in Wien natürlich auch, da rede ich dann eben so, wie man verstanden wird. Es bringt ja nichts, dort an der Kasse zu sagen, ich hätte gern eine Tüte, wenn man auch Sackerl sagen kann. Es hat auch mit der jeweiligen Mentalität zu tun: Ich rede in Berlin anders. Insofern ist das ein ganz intuitiver Prozess.

Sie haben vorhin auch mal kurz berlinert.

Ja, wa? Ich merke, dass mir das nach all den Jahren auch sehr nah ist, und ich es wahnsinnig mag.

Seit wann sind Sie in Berlin?

Seit zwölf Jahren. Ich habe an der Schauspielschule vorgesprochen und wunderbarerweise hat es gleich geklappt. Ich war schon am ersten Abend begeistert von der Stadt.

Was haben Sie denn an dem Abend gemacht?

Ich war im Sage Club auf einem Konzert. Der ganze Abend war so, dass ich das Gefühl hatte, alles ergibt sich und findet sich, und dass ich dann durch Zufall im Sage Club landete, war Teil davon. Ich fand es einfach großartig, wie frei und offen diese Stadt ist, und spürte, dass man als Künstler hier gut aufgehoben ist. Als Schauspieler entscheidet man sich manchmal auch gegen lukrative Projekte, weil man nicht davon überzeugt ist. Da ist es sehr hilfreich, wenn einen die Stadt darin unterstützt, weil sie nicht so teuer ist.

Wollten Sie weg aus Wien? Eine renommierte Schauspielschule gibt es da auch.

Ich habe am Reinhardt-Seminar nicht vorgesprochen, weil ich dachte, sollten sie mich nehmen, bin ich vier weitere Jahre in Wien. Und ich hatte ja mein Abi, es war der Moment, in dem ich sagen konnte: So, jetzt will ich die Welt erkunden. Ich war wahnsinnig neugierig auf all die Städte und Möglichkeiten und darauf, auch mich selbst neu zu erleben. Das ändert aber nichts daran, dass Wien meine Heimat ist. Ich mag Wien wahnsinnig gern, und ich bin oft zu Hause.

Früher hießen Sie noch Nora Waldstätten. Den in Österreich abgeschafften Adelstitel haben Sie erst später wieder in Ihren Namen aufgenommen.

Ja, als ich nach Berlin gekommen bin, das ist jetzt mein Künstlername. Es war vor allem eine musikalische Entscheidung, ich fand den Rhythmus runder. Ich habe mir damals nicht so viele Gedanken darüber gemacht und vor allem nicht damit gerechnet, dass es eines Tages zu so einem Thema wird.

Und jetzt müssen Sie dauernd über Ihre Urahnin reden, eine Baronesse, die mit Wolfgang Amadeus Mozart befreundet war. Hatte sie nicht sogar ein Verhältnis mit ihm?

Das ist in keinster Weise belegt. Sie hat ihn gefördert, und sie haben sich Briefe geschrieben, sie waren sich sympathisch. Es ist natürlich interessant, dass man weiß, welcher Vorfahr wann gelebt, und was er oder sie gemacht hat. Aber ich bin ganz normal in einem gutbürgerlichen Haus aufgewachsen, war auf keiner Privatschule.

Im Gegenteil, ich hab immer mein eigenes Geld verdient und mein Studium selbst finanziert, und darauf bin ich auch stolz. Ich bin meinen Weg gegangen und niemand hat mir dabei geholfen. Meine Eltern waren natürlich für mich da und haben mich unterstützt, wenn sie auch zunächst Bauchschmerzen hatten, als das Kind sagte, es möchte Schauspielerin werden. Dass ich die Schauspielschule besucht habe, hat sie dann sehr beruhigt.

Bringt so ein Name auch Verpflichtungen mit sich? Traditionen, ein Schloss, das irgendwann an die nächste Generation geht?

Nein, kein Schloss. Und ob man nun ein Schloss übernimmt oder eine Firma oder einen Bauernhof − in vielen Familien gibt es eine Familientradition, der man sich verpflichtet fühlt, oder von der man sich freiarbeiten muss, wenn man feststellt, dass das für einen selbst eigentlich nicht passt.

Zu wissen, wo man herkommt, kann das eine Hilfe sein, wenn man herausfinden will, wo man hinwill im Leben?

Es ist sowieso wichtig, dass man mit sich in Kontakt ist, sich mit seiner Familie auseinandersetzt und nicht aufhört nachzufühlen, ob man auf dem richtigen Weg ist. Das ist eine Lebensaufgabe: dass man gut auf sich hört, sein Equilibrium behält und seinen eigenen Gang geht.

Denken Sie, Sie werden in Berlin bleiben?

Ich hoffe! Wien ist meine Heimat, aber Berlin ist mein Zuhause, mein Lebensmittelpunkt. Jedes Mal, wenn ich beim Anflug auf Berlin durchs Flugzeugfenster den Fernsehturm am Alex sehe, schlägt mein Herz höher.

Das Gespräch führten Petra Ahne und Anja Reich.


Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?