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Journalist Tilo Jung: Frecher Frager

Tilo Jung fragt in der Manier eines Ahnungslosen. Das ist er aber gar nicht.

Tilo Jung fragt in der Manier eines Ahnungslosen. Das ist er aber gar nicht.

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Berliner Zeitung/Hans Richard Edinger

Talkshow-Moderatoren können unangenehme Typen sein, etwa wenn sie versuchen, die Distanz zu ihren Gästen im wahrsten Sinne des Wortes zu überwinden. Vielleicht wusste sich bislang kaum einer so gut dagegen zur Wehr zu setzen wie Franz Müntefering. Nach einem Besuch bei Michel Friedman machte einst die Runde, der Sozialdemokrat habe Vorsorge betrieben – mit einem gezielten Besuch beim Griechen des Vertrauens. Wäre doch bloß Steffen Seibert neulich dieser „Tsatsiki-Trick“ eingefallen. Der Regierungssprecher tauchte bei „Jung & Naiv“ auf, einem unkonventionellen Interviewformat des Berliner Journalisten Tilo Jung. Jung, 27 Jahre alt, hat einst beim Nordkurier in Neubrandenburg volontiert, bewegt sich inzwischen aber vor allem im Digitalen. In seinen Web-Videos haben die Gäste die Chance auszureden, anders als in klassischen Talkshows. In diesem Punkt ist „Jung & Naiv“ ein Gewinn – den auch Seibert erkannte. Gut 20 Minuten Film ist so entstanden.

Merkels PR-Manager machte allerdings eine überraschend verkrampfte Figur. Das dürfte nicht zuletzt an den Maschen liegen, mit denen „Jung & Naiv“ die Routine eines TV-Interviews aufbrechen will. Jung duzt seine Gesprächspartner, ob das bei ihnen auf Gegenliebe stößt oder nicht. Seibert siezte konsequent zurück. Ausgerechnet Seibert, der doch immer so lässig rüberkommen möchte. Zweite Masche: Jung rückt seinen Gästen auf die Pelle. Mit Seibert ließ er sich auf einer Sofagarnitur nieder – und robbte sich ran. „Entscheidende 15 Zentimeter näher als sonst“, empörte sich Seibert. „Da wäre noch Platz!“ Jung gab kurz nach, rückte aber alsbald schon wieder auf. Er bleibt vor allem eines: stur.

Das Treffen mit Seibert war Folge 64 der Reihe. Los ging es im Frühjahr, auf eigene Faust. Da drehte Jung noch mit seinem Handy und traf Kollegen. Die Protagonisten haben gewechselt, gleich geblieben ist der Ansatz. Seine dritte Masche: Jung spielt den Ahnungslosen, einen Kinderreporter im Manneskörper. Das soll Politik verständlich machen. Manchmal klappt das, oft wirkt es übertrieben simpel. Eine Alternative zu den altbekannten Formaten ist das allemal, nur eben keine Revolution.

Und sind nicht ohnehin die Reaktionen der Gesprächspartner auf das Gebaren des Moderators der eigentliche Kern des Formats? „Es ist doch spannend zu sehen, wie sich gestandene Figuren in so einer Umgebung bewegen“, sagt Jung, der auch der CSU-Abgeordneten Dagmar Wöhrl beim Interview über die Homo-Ehe derart nahe kam, dass sie immer wieder einen Schritt zurücktrat. Das kann amüsieren – oder eben total peinlich sein.

„Das ist ein Stilmittel, das ich nicht aufgeben kann“, sagt Jung, „so wie das Duzen.“ Selbst wenn Seibert ihm ein Treffen mit seiner Chefin arrangiert hätte? „Na klar! Wer hat schon die Chance, per Du mit Angela Merkel zu sein?!“ Und bei einem Rechtsradikalen, würde Jung da auch den Niveauausgleich suchen? „Logisch!“, sagt er. „Die Frage ist hier vielmehr, ob ich denen überhaupt eine Bühne bieten möchte.“ Jung ist selbst überrascht, wie weit er kommt. Auch SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück habe ihm einen Termin in Aussicht stellen lassen. Selten gehe er leer aus. Nur beim scheidenden US-Botschafter Philip Murphy hatte er beim zweiten Mal Pech. Ein Gespräch war schon vereinbart. Aber dann kam der Abhörskandal. „Er hat wohl einen Maulkorb verpasst bekommen“, sagt Jung. „Der Termin wurde abgesagt.“

Er ist ein Model

Tilo Jung hält sich mit Einsätzen als Model über Wasser. Die gut 5 800 Euro, die bei einer Spendenaktion im Netz zusammenkamen, steckte er in ordentliche Kameras. Seine Reihe, die bislang allein bei YouTube zu sehen ist, kommt seitdem vorzeigbarer daher. „Ob das irgendwann im klassischen Fernsehen läuft, ist mir total egal“, sagt Jung. „Das Einzige, was ich will, ist, damit mal über die Runden zu kommen.“

Sowohl ein privater als auch ein öffentlich-rechtlicher Sender hätten „Jung & Naiv“ mit Blick auf den Bundestagswahlkampf geprüft – und abgelehnt. „Das ist ein Laientheater“, sagt Jung über die Entscheidungen bei ARD und ZDF – wohlwissend, dass er es sich so mit den Programmmachern auf lange Sicht verscherzen könnte. „Ach, egal. Am Ende sind die doch eh auf dem absteigenden Ast. Am besten, ich überspringe die einfach.“ Er setze deshalb eher auf Geld von den Nutzern, auf Werbung und einzelne Sponsoren. Sollte doch noch ein klassischer Sender auf die Idee kommen zu fördern – auch gut.

Neulich hat er drei Minuten für Google produziert. Der Vorwurf im Netz: Er sei käuflich. „Ich mache so etwas radikal transparent“, sagt Jung. „Und ich lasse mir nicht reinreden in das, was ich tue. Man kann mein Format kaufen wie es ist – oder es eben lassen.“