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Jugendkanal von ARD und ZDF: Bloß kein Scripted Reality!

Die öffentlichen Sender wollen, dass Jugendliche wieder mehr einschalten. Ob es gelingt mit dem neuen Jugendkanal?

Die öffentlichen Sender wollen, dass Jugendliche wieder mehr einschalten. Ob es gelingt mit dem neuen Jugendkanal?

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imago stock&people

Die „inhaltliche Tragfähigkeit“ des Grundkonzepts lasse „noch Fragen offen“ – so beurteilten die Ministerpräsidenten der Länder in der vergangenen Woche den ersten Konzeptentwurf für einen Jugendkanal von ARD und ZDF, der 14- bis 29-Jährige wieder zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen hinführen soll. Und das ist noch eine freundliche Formulierung für das wackelige Programmgerüst, das die Planer der Politik abgeliefert haben.

„Der Jugendkanal von ARD und ZDF hat einen hohen journalistischen Anspruch, bedient aber auch das große Unterhaltungsbedürfnis der jungen Zielgruppe“, heißt es in dem Papier, das der Berliner Zeitung vorliegt. Als „Zielgruppen-Primetime“ sind die Stunden von 18 bis 20 Uhr und von 22 bis 24 Uhr definiert, dort sollen die wichtigsten Programme des neuen Senders gezeigt werden, der freilich erst beauftragt werden muss. Ein erarbeitetes „Modell-Schema“ setzt bereits um 16 Uhr an, dann könnte eine „Interaktive Live-Show“ laufen, in der die „zielgruppenrelevanten“ Themen des Tages diskutiert werden. Um viertel vor sieben würden die Nachrichten des Tages aufgearbeitet, indem Moderatoren „Bewegtbild, Fotos und Social-Media-Beiträge aufrufen, abspielen und einordnen“. Bis dahin ist der öffentlich-rechtliche Jugendkanal vor allem eine Kopie des Schweizer Social-TV-Senders joiz, der für exakt dieselbe Zielgruppe seit zweieinhalb Jahren in der Schweiz ein ähnliches Programm zeigt und seit August auch aus Berlin sendet.

Wiederholungen, Teenie-Serien und Konzerte

Ebenfalls für den Vorabend sind „Factual Entertainment“-Programme eingeplant, die „auf leichte, aber dennoch nicht oberflächliche Art die Lebenswelt der 14- bis 29-Jährigen“ spiegeln. Dem RTL2-Hit „Berlin Tag & Nacht“, der in der jungen Zielgruppe zu den wichtigsten Pflichtterminen gehört, möchten die Planer von ARD und ZDF „Wiederholung leichter Fiktion“ und „Zeichentrick“ entgegensetzen. Im Anschluss folgen Dokusoaps, etwa aus dem Bestand des SWR-Digitalkanals Eins Plus, und zwar „als Gegengewicht zu privaten Angeboten wie ‚Berlin Tag & Nacht‘“, weil „das wahre Leben gezeigt [wird] und keine ‚Scripted Reality‘.“

Um politische Funktionsträger zu beeindrucken, helfen solche Formulierungen sicher. Sie offenbaren aber auch eine erschreckende Arroganz gegenüber der Zielgruppe, die bitteschön doch das sehen soll, von dem öffentlich-rechtliche Programmmacher es für richtig halten. Anstatt Scripted Reality von vornherein zu verdammen, täte der neue Jugendkanal gut daran, sich zu überlegen, ob sich die Produktionsform nicht für eigene Zwecke umdefinieren und nutzen ließe. Letztlich ist „Berlin Tag & Nacht“ so erfolgreich, weil es sich an den Lebensrealitäten junger Menschen orientiert – ob das ARD und ZDF in den Kram passt oder nicht.

Zwischen 20.15 und 21.45 Uhr glauben die Planer, nicht mit den Privatsendern konkurrieren zu können und würden Wiederholungen zeigen. Ab viertel vor zehn, „einem wichtigen Umschaltpunkt im deutschen Fernsehen“, sollen fiktionale Serien laufen. Um viertel nach zehn könnte eine „Latenight-Info-Show“ folgen und zu einem „der prägenden Formate des Kanals werden“. Der Rest des Tages würde mit Wiederholungen aufgefüllt. Am Wochenende liefen hauptsächlich Teenie-Serien, noch mehr Wiederholungen sowie Übertragungen von Live-Konzerten oder „Themenabende nach dem Modell ‚Arte‘.“

Geringe Akzeptanz ist selbst verschuldet

Es ist eine umfassende Wunschliste, die sich die Verantwortlichen ins eigene Konzept geschrieben haben: Reportagen, Dokusoaps, Talksendungen, „modern produzierte Nachrichten“, Serien, Trendsport-Wettbewerbe, Comedy und „innovative Formate“ will der neue Kanal leisten. Gleichwohl soll er aus den Gebühren bezahlt werden, die jetzt schon da sind. Deshalb würden „Wiederholungen zielgruppenaffiner Formate aus dem Repertoire (...) erforderlich bleiben.“ Das bedeutet: Weil junge Zuschauer von ARD und ZDF nicht mehr erreicht werden, gründet man einen neuen Kanal, der aus Kostengründen aber auch wieder Programme zeigt, die die Zielgruppe anderswo bereits ignoriert hat. Ein echtes Kunststück.

Fertigbringen soll das vor allem die ARD, die eine Federführung des Kanals beansprucht, obwohl sie es in 16 Jahren nicht einmal hingekriegt hat, ihren Digitalsendern Eins Festival und Eins Plus stimmige Profile zu verpassen. Kein Wunder, dass beide Programme einem Jugendkanal geopfert werden sollen. Dabei wäre dieser kein Hilfsmittel zur Erfüllung des Rundfunkauftrags, sondern vor allem ein Zeichen dessen jahrelanger Vernachlässigung.

Die „geringe TV-Akzeptanz“ in der jungen Zielgruppe, von der im Konzept die Rede ist, haben ARD und ZDF selbst verschuldet. Der womöglich letzte ernsthafte Versuch, Programm für Teenager zu machen, war „Bravo TV“, das 2003 von RTL2 ins ZDF wechselte – und 2004 eingestellt wurde. Mit Ausnahme von „Mord mit Aussicht“ gibt es heute im öffentlich-rechtlichen Fernsehen keine herausragende Primetime-Serie, die auf einen nennenswerten Marktanteil bei unter 50-jährigen Zuschauern kommt. Dieses Problem wird sich nicht lösen lassen, indem Genres und Zielgruppen in immer neue Kanäle ausgelagert werden. Weil das, selbst wenn die Strategie Erfolg hätte, die Reformbedürftigkeit der teuren Hauptprogramme verschleiert. Rund 8,69 Milliarden Euro kosten das Erste und das Zweite derzeit. Für die jungen Zuschauer müssen 45 Millionen reichen. Und wenn sie aus dem Jugendkanal rausgewachsen sind, sollen sie sich nahtlos für „Um Himmels Willen“ und „Der Bergdoktor“ begeistern?

ARD und ZDF müssen sich wieder darauf besinnen, ein Programm für alle Altersgruppen zu machen. Dass es dafür einen separaten Jugendkanal braucht, ist eine Illusion.