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Medien in China: Wider die Gerüchtetreiber

Ein Blick in diesen Zeitungskiosk in Schanghai beweist: Das trostlosen Einerlei der 80er- und 90er-Jahre ist definitiv Vergangenheit. 2000 Zeitungen und 9500 Magazine erscheinen heute in China.

Ein Blick in diesen Zeitungskiosk in Schanghai beweist: Das trostlosen Einerlei der 80er- und 90er-Jahre ist definitiv Vergangenheit. 2000 Zeitungen und 9500 Magazine erscheinen heute in China.

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AFP/PETER PARKS

Peking -

Liu Hu hatte ein paar Zeilen geschrieben, später noch einige mehr. Es ging um den stellvertretenden Leiter der Staatlichen Verwaltung für Industrie und Handel in Guangzhou, um Korruption, um Machtmissbrauch. Lius Texte verbreiteten sich schnell, wurden im Internet geklickt, gelesen. Vor wenigen Tagen führten Polizisten den Investigativreporter der Zeitung New Express ab. Der Schreiber habe die „ideologische Qualität“ vermissen lassen, habe Disziplin- und Parteiprinzipien verletzt, lauteten die Vorwürfe. Und seine Enthüllungen? „Alles nur Gerüchte.“

Die moderne Medienarbeit sei „komplizierter als je zuvor“, schreiben Chinas Zeitungen. Die Journalisten seien von „negativen Emotionen aus dem Internet“ geradezu niedergedrückt, sagen Parteifunktionäre. Doch wo ein Problem ist, muss es auch eine Lösung geben und die heißt: Ab in den Marxismus-Unterricht!

Allzeit positiv, bitteschön

Noch bis Oktober dauern die Kurse. „Öde“, stöhnt ein Pekinger Journalist, der sich gerade mit seinen Kollegen zur dreistündigen vormittaglichen Belehrung schleppt. Jeweils bis zu 400 chinesische Medienschaffende – ausländische Reporter sind als Zuhörer nicht zugelassen – sitzen da vor Professoren, die sie aufklären, was ihre Aufgabe in der Gesellschaft denn eigentlich sei: „Positives zum Ausdruck bringen“, „die Werte des Sozialismus mit chinesischen Charakteristika verbreiten“. Was diese Werte in der Praxis bedeuten sollen, können auch die besten unter den Marxismus-Schülern oft nicht benennen.

„Nur Positives“ jedenfalls wollen vor allem junge Journalisten schon lange nicht mehr ins Blatt heben. Viele von ihnen gewinnen Stipendien, gehen nach Deutschland, England, in die USA – und suchen nach ihrer Rückkehr ihr Glück bei englischsprachigen Zeitungen oder im Süden des Landes. Dort, so erzählen einige von ihnen, gehe es liberaler zu, wohl auch wegen der Nähe zu Hongkong.

Für beträchtliche Aufregung sorgte Anfang des Jahres der Fall der in Guangzhou erscheinenden Zeitung Nanfang Zhoumo, übersetzt: Südliches Wochenende. Ein Leitartikel der Journalisten, in dem sie politische Reformen forderten und verlangten, die Politik müsse sich an den hehren Prinzipien der chinesischen Verfassung orientieren, wurde ausgetauscht und durch einen Text ersetzt, der die Parteipolitik pries. Die Redakteure forderten den Parteichef auf, sich bei ihnen für die Zensur zu entschuldigen, sie drohten mit Streik – und lösten damit eine Welle der Solidarität aus. Am Ende „einigte“ man sich: Die Journalisten nahmen ihre Kritik zurück und verpflichteten sich, nicht mehr mit anderen Journalisten über den Fall zu sprechen. Im Gegenzug sicherte die Propaganda-Behörde ihnen Straffreiheit zu.

Die Redakteure des Südlichen Wochenendes waren keineswegs die Ersten, die die Konfrontation wagten. Viele Journalisten im Land versuchen sich daran, die Grenzen des gerade noch Erlaubten immer neu auszuloten. Das geht nicht immer gut aus. Als die Pekinger Zeitung Xinjingbao 2008 – wenn auch ohne Bildtext – ein Foto von den Studentenprotesten auf dem Tiananmen-Platz am 4. Juni 1989 veröffentlichte, in China ein Tabuthema, wurde die Ausgabe eingestampft. Schon 2003 machte die Propagandaabteilung der Kommunistischen Partei die englischsprachige Zeitung 21st Century World Herald dicht, weil sie einen Artikel gedruckt hatte, der die Amtszeit des früheren Staatspräsidenten Jiang Zemin kritisch reflektierte.

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Chinas Medienlandschaft ist heute durchaus bunt und differenziert – vor allem im Vergleich zum trostlosen Einerlei der 80er- und 90er-Jahre, in denen Inhalt, Sprache und Layout der Blätter sich ähnelten wie ein Ei dem anderen. Mehr als 2000 Zeitungen gibt es im Land, fast 9500 Magazine, nur ein geringer Teil erscheint landesweit. Fünf große Medienhäuser, die nur noch formal Staatsbetriebe sind, beherrschen den Markt. Die Themen reichen von Astronomie über lokale Bauprojekte bis zur Ziergartengestaltung. In der U-Bahn sieht man junge Frauen vor allem in Frauenzeitschriften blättern, in Cafés liegen auch englischsprachige Blätter aus. Selbst die Zeitungen, die der KP am nächsten sind, schreiben hin und wieder über Themen wie alleinerziehende Mütter, Homosexualität oder Gewalt in der Familie – und durchaus mit kritischem Unterton. Lokalblätter wie Qianjiang Wanbao aus Hangzhou oder Wuxi Ribao aus Wuxi unweit von Schanghai lesen sich ähnlich wie deutsche Lokalblätter. Hier strahlt schon einmal die örtliche Krankenhausmannschaft vom Bild herunter, hier werden die Sieger eines Boxturniers für die Jugend vorgestellt.

Allzu kritische Geister unter den Journalisten haben es jedoch schwer. „Die meisten, die publizistische Freiheit suchen, gehen weg, oder sie wechseln den Job“, erzählt einer, der sich nun lieber im Netz äußert als auf gedruckten Seiten chinesischer Zeitungen. Doch auch im Internet dürfte es in Zukunft schwerer werden, seine Meinung kundzutun, wenn sie von der offiziell gewünschten Linie abweicht. Staatschef Xi Jinping rief kürzlich die Funktionäre zu einem Kampf gegen „Gerüchtetreiber“ auf. Es gelte, „den Krieg um die öffentliche Meinung“ zu gewinnen, sagte er; eine „starke Armee“ solle den neuen Medien „den Boden unter den Füßen wegreißen“. Etwa 30.000 Kontrolleure mit Parteiauftrag soll es bereits im Netz geben. Demnächst dürften es noch mehr werden, die filtern, fahnden, drohen. Mit dem Vorwurf „Störung der nationalen Sicherheit“ lässt sich nahezu jeder unliebsame Schreiber aus dem Verkehr ziehen.

Wann der Staat eingreift und wann nicht, ist manchmal schwer vorherzusagen. Für den Redaktionsalltag gibt es Sprachregelungen. Einwände gegen die Herrschaft der Partei, Fragen nach dem Leben der Staatslenker, religiöse Themen, Tibet, Taiwan und Tiananmen sind tabu oder brauchen zumindest eine spezielle Genehmigung, wenn man sie behandeln will. Der Rest ist vor allem Selbstzensur.

Kritik schadet doch nur

Die Reporter lernen schnell, welchen Text der leitende Redakteur – meist ein Parteimitglied, der wiederum vom Chefredakteur kontrolliert wird – durchgehen lässt und welchen nicht. Über Einzelfälle dürfen sie auch einmal kritisch berichten, vor allem dann, wenn es nicht um die eigene Provinz geht. Das System an sich aber dürfen sie niemals infrage stellen. „Kritik“, so sagt es Li Baoshan, Chefredakteur der zweimal im Monat erscheinenden Partei-Zeitschrift Qiushi – übersetzt: Suche nach Wahrheit –, „schadet dem Ansehen unserer Regierung und beeinträchtigt die Umsetzung ihrer Politik.“

Selbst ausländische Journalisten müssen, wenn sie in China arbeiten wollen und sich zum ersten Mal im Pekinger Außenministerium melden, eine Art Unbedenklichkeitsgespräch führen. „Schreiben Sie objektiv?“, fragt da der Beamte. „Gerecht? Ausgewogen?“ Wie er die Begriffe definiert, sagt er freilich nicht.

Diese Unschärfe ist auch dem Reporter Liu Hu zum Verhängnis geworden. Er ist auf einem zu dünnen Seil balanciert und dabei heruntergestürzt. Wie auch etwa 100 andere Journalisten und Blogger, die in China festgehalten werden, wie der Verein Reporter ohne Grenzen in seinem jüngsten Dossier schreibt.



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