Neuer Inhalt

Neue App: Die New York Times bringt Nachrichten nun auch in 3D

Mit Pappe und Smartphone in eine andere Welt.

Mit Pappe und Smartphone in eine andere Welt.

Foto:

REUTERS

New York -

Man wird leicht seekrank in Chuols Kanu, das der Neunjährige durch einen Sumpf irgendwo im Südsudan steuert, wo er lebt, seit er vor vier Jahren mit seiner Mutter aus seinem Dorf fliehen musste. Man hört, wie er sein Paddel in das trübe Wasser eintaucht und seine sanfte Stimme klingt traurig.

Die Bootsfahrt mit Chuol ist ein Geschenk der New York Times zum Sonntagsfrühstück, frei Haus mit dem dicken Packen Papier angeliefert, den die rund eine Million Abonnenten am Wochenende immer noch vor ihrer Haustür finden. Sie kam in einer Plastiktüte, die an der Zeitung klebte, wie einst die Gimmicks von Yps. Der Gimmick der New York Times, ein kleiner Pappkarton zum ausfalten, sollte jedoch nicht weniger sein, als die Zukunft des Journalismus. „Experience the future of news“ stand unter dem Times-Logo auf der Vorderseite.

Intensives Erlebnis

Die „Zukunft der Nachrichten“, die der Abonnent da ausprobieren sollte, waren Reportagen im Virtual-Reality-Format. Der entschieden Low-Tech anmutende Karton enthielt einen Guckkasten, in den man sein Smartphone einlegen konnte, auf das man vorher die neue „Times VR“-App herunter geladen hatte. Im Angebot zum Auftakt waren zwei Geschichten: Einmal die Begegnung mit drei Flüchtlingskindern – Chuol, Oleg aus der Ukraine, der uns durch sein zerbombtes Dorf führt, und die zwölf Jahre alte Hana aus Syrien, die in einem libanesischen Flüchtlingslager lebt. Die zweite Reportage ist ein Spaziergang durch New York mit dem französischen Foto-Künstler JR.

Ob diese Form des Geschichtenerzählens tatsächlich die Zukunft des Journalismus ist, muss freilich erst die Zeit zeigen. Fürs erste hat die Times jedoch eine Reportageform geschaffen, die einen wortwörtlich mitten in die Geschichte transportiert. So hört man etwa die Propellermaschine, die über Chuols Lager Lebensmittel abwirft, bevor man sie sieht, blickt gemeinsam mit den anderen Lagerinsassen zum Himmel und rennt mit ihnen zu den Reissäcken, die dumpf auf den ausgetrockneten Boden plumpsen.

Mit dem Experiment wagt sich die Times erneut mit großem Aufwand auf neues journalistisches Terrain. Wie schon mit der Aufsehen erregenden Multimedia Reportage „Snowfall“, die vor drei Jahren ein brandneues Leseerlebnis kreierte, will die Grey Lady sich mit dem VR-Projekt an der vordersten Front der digitalen Branchenrevolution positionieren. Die allererste Nachrichtenorganisation, die sich auf das Gebiet der Virtual Reality vorwagte war die Times zwar nicht. Das Wall Street Journal und Vice-Medien haben bereits Stories in diesem Format produziert.

Neu an der New York Times Initiative ist jedoch, dass sie die Technologie einem breiten Publikum näher bringt. Ermöglicht wurde der kostenlose Vertrieb der VR-Technik an eine Million Times Leser durch eine Partnerschaft mit Google. Google sieht in der Virtual Reality die Zukunft von digitaler Unterhaltung und Kommunikation, mit dem Cardboard und der Times App hat der Internetriese nun auf diesem Zukunftsmarkt unmissverständlich seine Ansprüche geltend gemacht. Der praktisch kostenlose Viewer schlägt um Längen etwa den Oculus, den kürzlich Facebook gekauft hat und dessen Einzelhandelspreis auf etwa 350 Dollar geschätzt wird. Ein ähnliches Gerät von Samsung soll 99 Dollar kosten.

Papierlose Zukunft

Bei der New York Times passt das Experiment ebenfalls bestens in die Zukunftsstrategie. In einem Memo, das im vergangenen Jahr an die Öffentlichkeit drang, legte der neue Chefredakteur Dean Baquet die Marschroute fest, Print immer mehr aus dem Zentrum des Denkens und Planens zu verbannen und sich stattdessen zu überlegen, wie man die „Lesererfahrung auf allen möglichen Plattformen und Endgeräten verbessern“ kann.

Klug ist die exklusive Verteilung der Cardboards an die eine Million Abonnenten. Die Abos – digital und analog – werden in Zeiten schwindender Werbeerlöse für die Times immer wichtiger. Das Erreichen der Millionen-Grenze wurde bei der Times zwar gebührend gefeiert. Gleichzeitig war man sich darüber im klaren, dass der Kampf um die nächste Million ein harter wird.

Dabei sind sich die Times Entwickler darüber im Klaren, dass VR nicht der alleinige Weg in die Zukunft ist. Es ist, so wie die „Snow Fall“-Reportage seinerzeit, ein Experiment, einer von vielen neuen Wegen, die Leser zu erreichen. Wie bei „Snow Fall“ ist es noch ein weiter Weg, bis die extrem aufwändige VR-Produktion zur gängigen journalistischen Alltagspraxis wird. Erst einmal gilt es, so regelmäßig neue Inhalte zu liefern, dass sich bei den neuen Cardboard-Besitzern das Interesse hält.


Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?